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ZEIT.geschehen

Erhitzte Damen oder Männerphantasien

In vielen Ländern ist der 01. Mai ein gesetzlicher Feiertag, doch hier im Tessin ist der 01. Mai „ein gesetzlich anerkannter kantonaler Ruhetag“.

So einen 01. Mai als Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse braucht man hier ja eigentlich nicht, denn den Menschen geht es gut, die Gewerkschaft UNIA schreibt auf ihrer Webseite: „ 4000 Franken hat sich als Marke für einen fairen Mindestlohn etabliert. „

Davon können die hier arbeitenden Italiener nur träumen, ebenso wie sie nicht damit rechnen können, daß am Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse ihre Tessiner Kollegen sich für gleiche Bedingungen für Alle, also auch für sie, einsetzen.

Die Solidarität der Menschen untereinander hat halt stets ihre Grenzen und „Arbeit“ wird, je nach Landesgrenze, sehr unterschiedlich bewertet und interpretiert, doch dazu später noch einmal.

Georg Christoph Lichtenberg lebte in der Zeit der Aufklärung und sein Ausspruch: 

»Man spricht viel von Aufklärung, und wünscht mehr Licht. Mein Gott was hilft aber alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben, oder die, die sie haben, vorsätzlich verschließen?«

ist allseits bekannt und trifft bis zum heutigen Tage zu.

Im Mittelalter konnte man noch nichts von Herrn Lichterg und seinen Gedanken wissen und so entstanden viele Legenden, die oft verlorengegangen, ja gar zugeschissen wurden.

So entdeckte man beim Bau einer Tiefgarage in Freiburg im Breisgau eine große Latrinenanlage des Augustinererimiten Klosters und freute sich in der umfangreichen Fäkalmasse über
zahlreiche Funde von historischem Wert.

Darunter befanden sich auch Fragmente eines keramischen Halbreliefs und rätselt noch heute, ob diese Kachel in der Kloster eigenen Keramikwerkstatt entstanden sein mag, oder dort nur entsorgt wurde.

Beim Zusammensetzen der Bruchstücke ergab sich eine Szene, welche wohl die Legende von „Vergil und die Kaisertochter“ darstellt. 

Der italienische Goldschmied und Kupferstecher Baccio Baldini aus Florenz stellte dieselbe Szene, vollständig zu sehen, auf einem Kupferstich ebenso dar und gab ihr den Titel „Der Zauberer Vergil“. 

Auf einem anderen Stich erinnert die wiedergegebene Szenerie zunächst sehr an eine mittelalterliche Foltermethode, doch, wenn man zur Legende zurückkehrt stellt sie sich etwas anders dar.

In den wenig erleuchteten Tagen des Mittelalters schrieb man dem großen Dichter Vergil auch Fähigkeiten eines Magiers zu und so entstand die Geschichte, daß Vergil verliebt gewesen sei in Febilla, der Tochter des römischen Kaisers.

Nach langem Liebeswerben und dem in der Menschengeschichte schon immer stets gleichem dazugehörigem Schmachten gab diese vorgeblich nach und stellte Vergil in Aussicht, sich ihm hinzugeben.

Gleich der bayerischen Tradition des Fenster´ln, bei welcher der Liebhaber unter Überwindung möglichst gefahrvoller Wege in die Kammer seiner Angebeteten gelangen musste, um ihr so seine Liebe zu beweisen, die Bayern sagen hierzu, wie sie empfinden, auch „Pumperlesnacht“, sollte Vergil seine Geliebte nicht, wie im altgläubigen Gebiet Bayern, über die übliche Sicherheitsleiter mit Gütesiegel erklimmen, sondern in der Nacht unterhalb des von Febilla bewohnten Turmes einen Korb besteigen, in welchem man ihn zu ihr hochziehen wollte.

An dieser Stelle scheint die Geschichte etwas unklar, den irgendwie, so auf halber Höhe ging es nicht weiter. Vielleicht verhedderte sich der Krob am Gebäude und es gab kein Vor und Zürück, vielleicht verließen die Ziehenden die Kräfte, um ihn vollends nach oben zu bringen oder ihn sicher wieder abzulassen, oder wie man die Geschichte gerne weitererzählt, die schöne, wie begehrte Febilla hatte einen ganz anderen Gedanken und ließ den guten Vergil auf halber Höhe einfach hängen, wo er auch den Rest der Nacht in seinem Korb verbringen mußte.

Am darauffolgenden Tag sahen die Menschen den Armen, als Hahn im Korb, dort hängen und er war natürlich dem Gespött der Bevölkerung preisgegeben, wie er auch den väterlichen Zorn von Febillas Vater, dem römischen Kaiser, zu erwarten hatte und zog es vor, nach dem man ihn abgelssen hatte, zunächst einmal mit aufkommenden Rachegedanken, das Weite zu suchen und aus Rom zu fliehen.

Kaum in vermeintlicher Sicherheit, außerhalb Roms besann sich Vergil seiner magischen Kräfte und beschloß diese auch umgehend einzusetzen, indem er einen Fluch über die Stadt Rom aussprach.

Mit seiner ganzen magischen Kraft, ganz so wie David Copperfield die Freitheitsstatue verschwinden ließ, löschte er in ganz Rom alle Feuer aus und es war nicht mehr möglich in der ganzen Stadt, dem Mittelpunkt der damaligen Welt, ein Feuer zu entzünden, sei es für die Öllampen oder für den Herd.

Verständlicherweise wollten die Menschen der Stadt das lebensnotwendige Feuer zurück haben und baten nun Vergil, den Zauberer, seinen Fluch, seinen Zauber zu beenden, ganz gleich welche Bedingungen er hierfür stellen sollte.

Vergil befahl den Menschen Febilla zu holen und sie auszuziehen, um dann Kerzen und Fackeln zwischen ihre gespreizten Beine zu halten, welche sich an diesem Ort der Lust augenblicklich entzündeten und die Wissenschaft rätselt noch immer, welche der beiden Lustöffnungen es vermocht hatte den Menschen das magische Feuer wieder zurückzugeben.

Legende oder nicht, die Geschichte läßt einige nette Interpretationen zu, vom Gedanken des Minnesklaven, der Geschichte von Aristoteles und Phyllis, in dem der antike Gelehrte der „List“ der Frau unterliegt, oder der zu bestrafenden Hure, die nun vor dem Volk zu büßen hat, da sie sich nicht bereitwillig hingegeben hat.

Ich glaube vieles spricht für die letztere Variante.

Ich kann Ihnen zumindest versichern, daß es diese „Aristoteles“ und „Vergils“ auch heute noch gibt und für jede Frau ist es ein gutes Gefühl, wenn sie von sich weiß und vor allem fühlen kann, daß das Feuer zwischen ihren Beinen noch nicht erloschen ist, was auch in der Gegenwart, wenigstens zu erhalten, schon nicht einfach ist.

Eine Frau, die sich auf eine bürgerliche Ehe einläßt, hat es ja auch nicht leicht. 

Heute ist sie oft gezwungen, neben der erwartenten Haushaltsführung, dem Gebären und der Aufzucht der gemeinsammen Kinder auch noch arbeiten zu gehen, oder sieht dies gar als Teil der Bewahrung ihrer Eigenständigkeit.

Auch wirken oft noch Sozialisationsrückstände, oder Vorstellungen wie sie der österreichische Volksmissionar und Schriftsteller Wenzel Lerch in seiner Schrift „die Frau“ zusammenfaßte.

Seiner Meinung nach sollte die Frau neben der wechselseitigen ehelichen Treue als Alltagseigenschaft sich in Geduld üben und schweigen, leiden, lieben und damit ihrer Rolle als gute katholische Hausfrau und Mutter entsprechen.

Diese von den Männern erdachte Vorstellung hat natürlich auch ihre Schattenseite, für die sich, überwiegend wieder Männer, ebenso eine Lösung erdacht haben, wie es der BGH mit einem Urteil vom 2. November 1966 - Az. IV ZR 239/65 begründete:

„Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, daß sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen läßt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch die Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen. Denn erfahrungsgemäß vermag sich der Partner, der im ehelichen Verkehr seine natürliche und legitime Befriedigung sucht, auf die Dauer kaum jemals mit der bloßen Triebstillung zu begnügen, ohne davon berührt zu werden, was der andere dabei empfindet.“

Am Ende ist von den Männern doch die Leidenschaft, das Feuer erwünscht, unter Beibehaltung der Forderungen des Volksmissionars, also eine Wunschphantasie, ideal, aber unerreichbar.

Wenn man, wie ich so etwas außerhalb dieser allgemein üblichen bürgerlichen Verfahrenweisen lebt, kann man sich dies sehr gut verstehen - beide Seiten - die in der Ehe, in der Familie, ihr vermeintliches Glück suchende Frau, wie die Phantasmagorien der Männer.

Es hat nun eben alles seinen Preis, auch die Ehe oder Partnerschaft bedeutet Arbeit, welchen man nur in gegenseitiger Achtung auf der einen Seite aussprechen soll, wie er von der anderen Seite ohne abwertende, listige oder gar dümmliche Händel zu zahlen bereit sein muß, wobei ich hiermit wieder zum Tag der Arbeit zurückgekehrt bin.

Nun ist es in der Gegenwart nicht ungewöhnlich, wenn monetäre Gedanken erwogen werden, die, wenn man mal bereit ist, sie aus einem gewissen Abstand zu betrachten, einen eher belustigenden Charakter haben.

Vor einigen Tagen hatte ich bei Bayerns allseits benevolentem Exblogger der FAZ, der sein Leben auf dem Fahrradsattel fristet nach dem Motto:

„Extra vallem de lacum tegerinsivensem non est vita et si est vita non est ita“

folgendes gelesen:

„ ...Kleines Beispiel, für die Mille Miglia hat die FAZ nichts extra bezahlt, das war all die Jahre mit allen Bildern und Rumfahren und Kosten reines Privatvergnügen. „

Gute Güte, da erwartet jemand ernsthaft für schnelle Knipsbilder vom Urlaubsort auch noch Geld von einem seriösen Verlagshaus.

Als im Juni 1967 Beno Ohnesorg bei einer Anti-Schah-Demonstration von einem Polizisten erschossen wurde, zeigte der Springer Konzern unter dem Titel „Blutige Krawalle: 1 Toter!“ ein Bild auf dem ein von einem Steinwurf verletzter Polizist zu sehen war, nicht aber der erschossene Student Beno Ohnesorg.

Die Bildzeitung kostete damals faire 15 Pfennige. Dafür erhielt der Leser die auch noch heute geltende Vorstellung von Qualitätsjournalismus des Springerverlages samt darunter- stehendem Photo des Polizisten, so quasi als Dreingabe.

Selbst die seriöse NZZ fragte zu dieser Art von Flachjournalismus was dies bedeuten sollte? Der offensichtlich mitgelieferte Interpretationsspielraum überforderte sicher mehrheitlich den Intellekt der BILD Zeitungsleser.

Nun, jetzt ist er ja, obwohl er nicht auf Einnahmen angewiesen sein will, beim Springerkonzern untergekommen, denkt über Springerhonararbildchen nach und schreibt nach dem Motto:

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“

Eine Schreibpause kam für ihn nicht in Frage, denn so schrieb er:

„Das hätte meinen Feinden aber doch sehr gefallen, weil es gezeigt hätte: Der ist aus dem Geschäft raus.“

So ergab er sich dem Springerkonzern und den dortigen Vorstellungen von Qualitätsjournalismus mit der zu erwartenden Extaentlohnung für schnelle Klickbildchen und der Hoffnung auf Respekt wie er eben auch einem Magnum Photographen entgegen zu bringen sei.




So von Außen betrachtet habe ich den Eindruck, daß es symptomatisch für diese Zeit ist, daß selbst für eine der Stützen der Gesellschaft, die ihr eventuell zukommende Außenbetrachtung- und Bewertung von höherem Wert erscheint, als ihre eigene Selbstachtung.

Da verkauft man seine Seele, aber immerhin, den „Feinden“ hat man es gezeigt.

Wenn man sich, wie Aristoteles der Legende nach, in seiner Inkonsequenz, selbst als Perle vor die Säue wirft, wird es auch stets eine Phyllis oder Febilla geben, die diese Bedauerlichkeit aufzeigen wird.

So will ich am 01. Mai den armen, unterbezahlten „Journalisten“ in ihrem Arbeitskampf für bessere Bezahlung bei ihrer Mitbeteiligung im Meinungs- und Empörungsmanagement des Springer Konzerns gedenken, wie ich ebenso kurz in Gedanken verweile bei allen Tessiner Arbeitern und ihrem gesetzlich anerkanntem, kantonalem "Ruhetag", den sie sich in ihren Augen, bei all der Last, die ihnen durch die täglich einreisenden Arbeitsitaliener widerfährt, redlich verdient haben.

Gerade als ich gerade meinen Koffer wieder einmal packen wollte und meine Unterlagen zusammensuchte, sah ich auf dem Tisch die kleine Streitschrift von Etienne de la Boétie mit dem Titel:

„Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ 

in welcher er betont:

 „daß wir nicht nur im Besitz unserer Freiheit geboren werden, sondern auch mit dem Trieb, sie zu verteidigen.“

Na dann bis zum nächsten Mal!