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ZEIT.geschehen

PRIMAVERA

Zu Beginn eines jeden neuen Jahres, so am Ende des Januars, stets wieder das Gleiche. 

Der Winter will nicht enden und es zieht sich. Ab Februar stehen in den Supermärkten schon wieder Gartengeräte und Miniaturgewächshäuser für den eigenen Garten, zum Selberbauen mit Plasikbespannung.

Am 08 März war hier im Tessin „Festa della donna“, also der Tag der Frauen und mancher Mann brachte anstandshalber „seiner Frau“ einen Ministrauß der ersten Mimosen mit nach Hause und über diesen Festtag, hier im Tessin, zu schreiben wäre schon wieder eine eigene lustige Geschichte in ihrer Widersprüchlichkeit.

Doch dann, spätestens Ende März bricht er wieder aus, hier wie überall, der lang ersehnte Frühling ist wieder da.

Beim Suchen nach einem Buch von Thomas Bernhard in meiner kleinen Bibliothek habe ich alles gefunden außer diesem Buchtitel. So entdeckte ich eine DVD wieder mit einem Interview mit Thomas Bernhard und, da ich das Suchen dann doch lieber meiner kleinen soubrette überlasse, schaute ich mir dieses Interview an.

Thomas Bernhard sagt da:
„Natur beschreiben ist sowieso ein Unsinn, weil sie ja jeder kennt. Das ist ja dumm. Wenn wer mal auf dem Land war, in einem Garten, der weiß was da gespielt wird, dann brauch´ ich´s nicht mehr beschreiben.“
und
„Aber jetzt ist´s wieder modern, daß wieder jedes Blümer´l, wird also angeführt ..bis da einer bei der Haustür draußen ist und beim Gartentür´l sind schon 60 Seiten weg...“

Und auf die darauffolgende Frage:
„Und was setzten Sie dem dagegen, kann man das beschreiben?“ antwortet dieser:

„Das völlige Aussparen von solchen Sachen, die ehe jeder weiß. Die halten ja nur auf und sind auch uninteressant. Innere Vorgänge, die niemand sieht, sind das einzig Interessante an Literatur ....“

Welcher intelligente Mensch würde Bernhard hier widersprechen wollen? Doch drängen nach dem etwas öden Grau des Winters stets überwiegend jene in die Öffentlichkeit, die sich lebensfüllend dem Naturschönen verbunden sehen. 

Hier im Tessin wechselt man die winterliche Funktionsbekleidung gegen Frühlings- funktionsbekleidung, kauft in Mengen Pflänzlein, die umgehend in einem Akt gespielter, höchster Mühsamkeit in den Minigärtchen verteilt werden und vergißt anschließend schlagartig, daß diese armseligen Naturprodukte auch den Rest ihres ohnedies kurzen Lebens gegossen sein wollen. Bei meinen Nachbarn sind sie alljährlich bereits Anfang Juni dem Trockentod erlegen. Ebenso plötzlich sind die Straßen wieder durch ungezählte „Rennsporträder“ bereichert, vor allem hier in den Hügeln, wo keine Straßenverkehrsordnung Gültigkeit hat, wie die Benutzung der ohnedies kaum vorhandenen Radwege als Zumutung betrachtet wird. Es ist eben Frühling und man lebt wieder im Freien. 

Selbst Deutschlands bekanntester Dauerradfahrer aus dem Tegernseertal, Don Alphonso, hatte sich erneut in seinen Strampelanzug eingepreßt und seine alljährlichen Naturbetrachtungen aus dem Fahrradsattel wieder begonnen, was wohl aber in diesem Jahr, dem sich noch um ein qualitatives Mindestmaß sorgendes Feuilleton der FAZ anscheinend zuviel geworden war, und ihm kündigte.

Gute Güte, der Arme, jetzt mußte er sich ja dem Springer Konzern andienen und schreibt für das Boulevardblatt „Die Welt“. Dabei schrieb die FAZ, vier Monate vor dem Tod von Don Alphonso´s Mentor, Frank Schirrmacher, noch:

„Der Axel Springer Verlag verwandelt sich in einen Gemischtwarenladen. Echten Journalismus hat der erfolgreiche Konzern aber kaum noch im Sortiment.“

Bei seinem nächsten Wechsel bleibt ja nur noch die Bild Zeitung übrig, was wahrscheinlich seiner Fahrradzahnkranzfetishfangemeinde ebenso gleichgültig sein wird wie der jetzige Wechsel.

In der Bibliothek Suhrkamp sind mit je mehr als 20 Titeln Thomas Bernhard und Hermann Hesse vertreten. So ist es vielleicht garnicht so verwunderlich, daß man mir vor einigen Tagen, spät in der Nacht, mittels einer email  Hermann Hesses Gedicht "Stufen" zusandte.



Ein wunderschönes Gedicht, vor allem, wenn man es in Zusammenhang mit dem nicht davon zu trennendem „Glasperlenspiel“ von H.Hesse lesen kann.

So aus dem Zusammenhang genommen werden die Zeilen dieses Gedichtes ja für alles Mögliche herangezogen.

Meine ersten, stets darum bemüht etwas intellektuell erscheinen zu wollen, jugendlichen Liebhaber wollten mir damit klar machen, daß die vermeintliche Liebe nun ein Ende gefunden hätte und für sie etwas Neues begonnen habe. 

Dr. Jürgen Weber schrieb in einer seiner Publikationen auch schon über die vielfältige Verwendbarkeit von Hesses Gedicht:

„Ganz gleich, ob es sich um die Einschulung von abc-Schützen, die Verabschiedung eines Abiturjahrganges, den Wechsel im Bürgermeisteramt einer kleinen Gemeinde irgendwo hinter den Bergen oder dem Austausch der Vorstandsriege in einem mittelstädtlichen Sportverein handelt - der Vers, wonach jedem Anfang ein Zauber innewohnt, ist immer dabei. Bei jeder zweiten Neujahrsgrußkarte oder bedeutenden Ansprache zum Jahreswechsel wird dieser Vers ohnehin zitiert. Und wenn es sich den Umständen entsprechend offensichtlich nicht um einen Neuanfang handelt, sondern um einen Abschied, ziert der Vers von der Todesstunde, die uns neuen Räumen jung entgegen sendet, die Todesanzeigen in den örtlichen Tageszeitungen.“

Die wärmende Sonne im Frühling läßt ja keinen unberührt auch, wenn die Reaktionen doch sehr unterschiedlich sind. 

Das mir auf elektronischem Weg zugesandte Hessegedicht veranlaßte mich am darauffolgenden Tag in meinen Kleiderraum zu gehen, meine zahlreichen kleinen Schwarzen, sogar jene, die besonders Frühlingshaften im Hinblick auf die Saumlänge oder den Ausschnitt für´s Dekolletté ignorierte ich, und entschied mich für ein durchscheinendes Oberteil. Transparenz, scheint mir zum Frühling recht passend, schließlich zeigt sich ja die gesamte Natur in ihrer blühenden Schönheit und mein kleiner, grauer Kaschmirmantel ist da notwendiges, wie hinreichendes Accessoire mich situationsgerecht verändern zu können.

Einem Menschen, zu welchem man eine Zuneigung verspürt, überbringt man gerne ein Geschenk, um diese symbolisch nach Außen zu tragen und so bemühte ich mich mit dem Auto im stets stockenden Verkehr nach Lugano zu fahren, um Blumen zu kaufen. Dem Preis nach sind freie Parkplätze und Blumen im Tessin etwas besonders Wertvolles.

Auf Grund der „Krise“ ist die Stadt in den vergangenen Jahren stets lebloser geworden und so gab es auch keinen Grund sich länger als notwendig dort aufzuhalten, doch es ist immer wieder schön an den alten Gebäuden vorüber zu fahren bis zur Via Ponte Tresa, um dort links abzubiegen, den Collina d’Oro hochzufahren, wie ich es auch stets an Allerheiligen mache, zur Kirche von Sant‘ Abbondio, von wo aus man einen wundervollen Ausblick über Lugano und den See hat. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist der Friedhof von Gentilino, in welchem Herrmann Hesse seine letzte Ruhe fand und zu dessen Grab ich die Blumen brachte.


Würde Hesse noch leben wären wir ja so quasi Nachbarn und hätten uns sicher viel zu erzählen, vor allem, wenn ich an sein Buch „Klingsors letzter Sommer“ denke:
„Er küsste sie, die sich lachend zurückbog, auf den offenen, starken Mund, zwischen Sträuben und Widerreden gab sie nach, küßte wieder, schüttelte den Kopf, lachte, suchte sich freizumachen. Er hielt sie an sich gezogen, seinen Mund auf ihrem, seine Hand auf ihrer Brust…..Er bückte sich sich sanft, drückte ihr den Arm in die kniekehlen, die nicht widerstrebten und bettete sie ins Gras.“

Ach, wer würde sich solchen Zeilen verwehren?

So stand ich eben schweigend an seinem Grab, machte noch ein Photo und erinnerte mich im Gehen an die anderen Bücher von ihm, das „Glasperlenspiel“, das Gedicht „Stufen“ und sein an sein Buch „Siddhartha“ was er noch hier, in Montagnola, geschrieben hatte.

Von Hesses Grab bis zu mir nach Haus sind es, Luftlinie, nicht einmal 7 Km, doch man steht eben im obligatorischen Stau zwischen Agno und der Grenze, an dem immer die hier arbeitenden Italiener schuld sind, aber ohne die man eben nicht auskommt und es dem Kanton noch schlechter erginge und da es als im Tessin geduldeter Ausländer wenig Sinn hat, sich Gedanken über eine mangelnde Infrastruktur zu machen, waren mir die sich einstellenden Erinnerungen zu Hesses Gedichte, wie zu seinem „Siddhartha“ sehr willkommen.

Sollte ich den lieben Übersender des Gedichtes als einen „Siddhartha“ der Gegegenwart sehen? „Siddhartha“, der die berühmte Kurtisane Kamala aufsuchte und von der er wünschte, daß sie ihn die Liebe lehre?

Kamala fragte in der Geschichte Siddhartha was er zu bieten habe, worauf dieser antwortete: "Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.“

Ein aggressives Hupen holte mich in den Stau zurück, denn ich vergaß, ganz in Gedanken, in der Autoschlange um eine Autolänge aufzurücken.

Nur soviel sei noch gesagt, in der Reststauzeit ist es mir nicht gelungen Kamalas Geschäftsmodel in die Gegenwart zu transferieren.

Doch die mir noch nicht nachvollziehbare Intention, mir Hesses „ Stufen“ zuzusenden, hatte auch etwas Gutes, denn in der darauffolgenden Nacht faßte ich den Entschluß endlich einen Teil meiner eigenen Gedichte zu publizieren.

Nur, wer liest heute noch Gedichte? Die Zeiten als Veronica Franco, die ihre „Terze rime“ veröffentlichte, sind leider vorüber.
Vielleicht ist es aber gerade deshalb die richtige Zeit.

So hat der Frühling in diesen Tagen auch bei mir die Regie übernommen mich wieder mehr mir und meinem Eigenem, dem Kunstschönen, zu widmen.


PS: 
Eine Blume habe ich aus dem Strauß genommen, um diese, nur wenige Schritte weiter, jedoch in einem anderen Teil des Friedhofs, zum Grab von Hugo Ball und Emmy Hennings, der Mitbegründerin des „Cabaret Voltaire“ in Zürich, zu bringen.

Na, dann bis zum nächsten Mal.



PPS: 
Und hier noch der link zur Voransicht des kleinen Gedichtbandes:

http://flipbook.objectbe.com/INTIM-iNTIMACIES/