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ZEIT.geschehen

Les bijoux indiscrets

Eigentlich wollte ich den Dezember in Sanary-sur-Mer, bei lieben Freunden verbringen, doch manchmal geht es einfach nicht ganz so wie man es sich so vorgestellt hatte.

So feierte ich das Weihnachtsfest hier im leicht verschneiten Tessin mit lieben Gästen.
Am Weihnachtsabend war es sehr ruhig in Lugano, es fuhren nur wenige Autos an der am See gelegenen Straße und es herrschte eine ungewöhnliche Stille an der Uferpromenate, die ich mit meiner kleinen soubrette entlangging und dies war auch Gelegenheit einiges sehr Persönliches zwischen uns zu besprechen. Doch schließlich redeten wir nur noch von unseren Erinnerungen zum Weihnachtsfest in unseren Kindertagen.

Von der Erwartung auf die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum und dem obligatorischen Kirchgang an Weihnachten mit den Eltern in München.

An der Piazza della Riforma angekommen entschlossen wir uns uns den Menschen anzuschließen, die die steilen Treppen zur Kirche emporstiegen, um dort die Christmette zu besuchen. Es hat schon etwas Ergreifendes von der Dunkelheit durch die schwere Türe in diesen festlich geschmückten und hellen Kirchenraum zu treten, von welchem sich auch heute noch, oder gerade in diesen unruhigen Tagen, so viele Menschen angezogen fühlen in ihrem Glauben. Es war sehr schön und fast ein wenig romantisch.

Man mag über die katholische Kirche denken was man mag, doch sie gibt, bei all ihrer bewegten Vergangenheit vielen Menschen einen Halt und das sollte man in diesen Tagen der islamischen Gewaltbekehrung nicht unterschätzen.

Nach der feierlichen Weihnachtsmesse, auf dem Weg ins Parkhaus war meine kleine soubrette ganz in sich versunken und, um sie ein wenig wieder in die Gegenwart zu führen, erzählte ich ihr die lustige Geschichte von Il Poggio, der ja auch ein Mann der Kirche war, und dessen Geschichte vom einem Mönch, die er in seinen Facezien niederschrieb.

„Zum Volk von Tivoli predigte einmal ein etwas unvorsichtiger Mönch, der in langer Rede gegen den Ehebruch wetterte und ihn verwünschte. Unter anderem sagte er, der Ehebruch sei eine so schwere Sünde, dass er lieber bei zehn Jungfrauen liegen würde, als bei einer einzigen verheirateten Frau. - Viele, die zugegen waren, würden dieselbe Wahl getroffen haben.“

Nach dieser heiteren Geschichte waren wir wieder in unserer freudig, genußreichen Welt und die Rückfahrt im warmen Auto, vorbei am Flugplatz, durch Agno, war vermutlich die erste in diesem Jahr, in der ich nicht stundenlang im Stau stehen mußte. Es war wohl das Weihnachtsgeschenk des Kantons Tessin einmal im Jahr die Normalität genießen zu dürfen die kurze Strecke von Lugano, bis in meine Garage, staufrei in ganz normalen 15 Minuten fahren zu können.

Ich gebe es ja gerne zu, Weihnachten ist immer ein wenig Kind sein, und kaum wieder zurück  konnte ich nicht widerstehen ein erstes kleines Päckchen zu öffnen. An der liebenswerten Verpackung hing ein kleiner Umschlag mit lieben Zeilen von Pierre, die aber nur für mich ganz persönlich waren und als solches schon ein Geschenk. So öffnete ich den würfelförmigen Karton und ich ahnte schon, nachdem ich den Firmennamen auf der Schachtel zu Kenntnis genommen hatte, den Inhalt, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Ammann !  -  Ammann hat den Größten, den Dicksten, den Köstlichsten, stets aufrecht Stehenden und Wohlschmeckensten, den man sich als Frau nur wünschen kann.

Auf dem nebenstehendem Bild sehen Sie ja wovon ich spreche. Ammann, die kleine Firma im schweizerischen Heimberg, hat die besten Mohrenköpfe, die ich je gegessen habe !

Auch, wenn man in dieser nur noch auf Gleichmacherei ausgerichteten Welt, das Wort „Mohrenköpfe“ heute nicht mehr benutzen darf.
Ich erinnere mich noch gut daran, wenn meine Oma zu Besuch kam, sie stets nachmittags mit mir in ein feines Caffe ging und der Ober ihr den Kaffee auf einem silbernem Tablett servierte und auf einem weiteren silbernem Tablett einen Kakau und drei Mohrenköpfe vor mir abstellte.

               Mohrenöpfe.

Mohrenköpfe gelten heute als etwas Mehrdeutiges, etwas in Verruf Geratenes, da man sie dummerweise mit Menschengruppen in Verbindung bringen könnte, die keinen Genuß versprechen und die sich event. durch dieses Wort für eine süße Köstlichkeit diskriminiert fühlen könnten, die es jedoch, in der Regel, wenig interessiert, ob unsereins nicht gerade durch sie diskriminiert wird, sei es auf Grund ihres Glaubensverständnisses, das man ihnen als deren „Religion“ zubilligt, oder deren Verhältnisses zum weiblichen Geschlecht.

Wären sie gebildet könnte man annehmen, sie handelten nach dem Grundsatz:
      
                           N’onc fame ne se defendi, Qui bien a li prendre entendi.

Bis vor kurzem berichteten die Medien ja wirklich ausführlich hierüber und heute jährt sich ja wieder das Silvesterspektakel vom Kölner Domplatz.

Neuerdings scheinen sich die Medien in so eine Art Neuauflage des Index librorum prohibi-
torum untergeordnet zu haben. Nur dieses Mal freiwillig, andienend, an? Ja, man weiß es nicht so genau. 

Früher drohte die Exkommunizierung, heute macht man den Medien vielleicht nicht den 
Laden dicht, doch vielleicht das (Über)Leben schwer. 

Solche Nachrichten sind, wie die vom Index librorum prohibitorum betroffenen Bücher, wohl deswegen verpönt, weil sie sich nicht nur gegen den (Regierungs)-Glauben richten, sondern auch noch moralisch verwerflich sein sollen.

Die gegenwärtige deutsche Nichtregierung nahm sich offensichtlich Papst Gregor XIII. zum Vorbild, der 1772 die Indexkongregation ins Leben rief oder man erinnerte sich des code pénal impérial von 1810, diesem repressiv ausgerichtetem Gesetzeswerk aus napoleonischer Zeit, dessen Hauptziel mit dem Wort „Einschüchterung“ (frz. intimidation) zusammengefasst werden kann.
Nur heute haben die in Deutschland eilig geschaffenen Institutionen eben andere Namen.

Na ja, irgendetwas wird man den Medien für ihr Schweigen schon dafür versprochen haben.

So etwas abseits vom neuen, düsteren Deutschland muß man sich ja nicht unbedingt seinen Amman Mohrenkopf mit solchen Gedanken vermiesen lassen.

Wie mir scheint fehlt es vielen der in Deutschland willkommen geheißenen, neuen Staatsbürgern auch an einer rudimentären Bildung und an bisher selbstverständlichen Umgangsformen, wie auch die Einladenden wenig geneigt scheinen ihren Neubürgern die Vorteile der europäischen Kultur nahezulegen.

Dabei wäre es doch so einfach. Denis Diderot zum Beispiel, mit „Les Bijoux indiscrets“ beschrieb er doch die Geschichte vom afrikanischen Sultan Mangogul, der einen Ring geschenkt bekommt mit „dem er die „bijoux“, die „Kleinode“ bzw. die „Schmuckstücke“, also das Geschlechtsteil der Frauen zum Sprechen bzw. Erzählen bringen kann, wenn jener Ring auf diese gerichtet wird. Die sprechenden „Kleinode“ (vaginae loquentes) plaudern sodann die Wahrheit über die Heuchelei am Hofe aus. Der Ring kann jedes Kleinod dazu bringen, die intimsten Erfahrungen, Geheimnisse und Gedanken ihrer Trägerin zu erzählen, völlig gegen deren Willen. Dies ermöglicht es dem Sultan, sich nicht nur über jegliche Art sexueller Ausschweifungen all seiner Untertanen, sondern auch über Korruption, Käuflichkeit, Heuchelei und Verlogenheit seiner gesamten Umgebung in Kenntnis zu setzen.“

Denis Diderot´s Roman wurde damals als Allegorie zur Herrschaft von Ludwig XV. und seiner Mätresse Madame de Pompadour verstanden und denken Sie nur mal weiter, wie es wäre, so einen Ring auf den einen oder anderen Politiker zu richten, was man da alles erfahren würde?

So ein Amman Mohrenkopf ist doch schon wunderschön anzuschauen, wenn er so stramm aufrecht auf dem Tellerchen vor einem steht und animiert eigentlich dazu ihn zu streicheln, auf daß er noch größer werde.

Ich lasse da gerne meiner Phantasie freien Lauf und bei Pierres Geschenk dachte ich zum einen natürlich an ihn, wie ich mich aber auch an Vicino Osini, erinnerte, diesem großen Herrn der Renaissance, dem, seinem Lebenstil zugehörig, die Verbindung von intellektuellem, sexuellem und kulinarischem Genuß Lebensinhalt war.

In Monica Kurzel-Runtscheiner´s Buch „Töchter der Venus“ lesen wir u.a. über Vicino Osini, daß der „weibliche Körper für Herren dieser Art ein Genußmittel sei, das, vor allem in Verbindung mit einem anmutigem Geist, zum Spender lebenswichtiger Freude  wurde.“
und
„die einzige Gruppe von Frauen, die diese Art von Vergnügen gewährleisten konnten, waren die Kurtisanen, da von Huren nur die animalisch-körperlichen und von den standesgemäßen Ehefrauen bestenfalls die geistigen Bedürfnisse des Partners befriedigt wurden.“

Wie Sie sehen, meine kleine soubrette hat mir einen Kaffee und etwas weihnachtliches Gebäck gebracht. In den vergangenen Wochen war sie stets lange am Abend noch in der Küche, um die wohlschmeckenden Plätzchen zu backen.

Man hat ja so seinen Bekannten- und Freundeskreis und eigentlich gäbe es keinen vernüftigen Grund diesen zu verlassen, wie es eben auch bei einer Gated Community üblich und sinnvoll ist.

Die Schweiz ist ja eine große gated community und, wenn ich nach Italien oder Frankreich fahre, ist es auch ein wohltuendes Gefühl, wenn man den freundlichen Pförtner an der Einfahrt der gated community hinter sich gelassen hat und wieder unter sich ist. 
Aber ich bin nun einmal sehr neugierig und möchte auch den Kontakt zu dem da draußen nicht verlieren. Es ist schon ein wenig so wie es bei Akte X mit Fox Mulder und Dana Scully immer hieß:

                      „Die Wahrheit ist noch immer irgendwo da draußen.“

So lese ich gerne einen Blog der FAZ, dessen Zielgruppe gewiss keine champagne- and- oyster readership ist, und erlaube mir gelegentlich, wenn es die Zeit zuläßt, auch einige Gedanken als Kommentar an diesen zurückzusenden mit oft sehr unterschiedlicher Resonanz.
Unter dem Pseudonoym „Zuvielgesellschaft“ schrieb man mir vor wenigen Tagen ich würde mir einen „Schreibsklaven“ für meine Beiträge leisten und ich sollte „den Goodwill des Gastgebers vielleicht nicht zu sehr strapazieren“. 
Wie ein unter dem Pseudonym schreibender „H. v. Goslar“ der Ansicht war: „ObjectBe – Orientierung verloren?....haben Sie schon einmal überlegt, wo Sie hier sind?“

Hinter diesen amüsanten Bemerkungen ist wohl zu vermuten, daß eine cortigiana onesta keiner eigenen Gedanken fähig sei und, wenn so ein Weib schon einmal den Mund aufmacht, sie sich ihrer Grenzen nicht bewußt sei. 

In einer etwas verschärfteren Form erinnern mich manche Kommentare, die mir zugedacht sind, an den Film „Der Profi“ von 1981 mit Jean-Paul Belmondo und den Dialog zwischen 
der cortigiana onesta, Doris Frederiksen, und Kommissar Rosen.

„Doris Frederiksen: Fragen Sie garnicht wie ich darüber denke?
Kommissar Rosen: Wie Du denkst, darauf scheiß´ich.
Doris Frederiksen: Und, wenn ich mich weigere?
Kommissar Rosen: Wenn Du Dich weigerst könnte Dir was zustoßen. Hier, zum Beispiel, im Fahrstuhl könnte ne Zahnstange brechen, dann findet man Dich sechs Stockwerke tiefer und Du kaust auf Deinen Latschen und die spitzen Absätze kommen Dir aus den Bäckchen raus. ...Also, bis bald, Mademoiselle.“


Als ich diese Kommentare gelesen hatte, dachte ich aber auch an Wolfgang Herles´ Satz in seinem Tichybeitrag mit der Überschrift: „Anmerkungen zur Dysfunktion der deutschen Demokratie“.

„Die Deutschen vergötzen seit jeher (mindestens seit Hegel und dem preußischen Absolutismus) den Staat. Der Staat kann nicht irren und nicht fehlen.“ und „In Deutschland heißt es deshalb: Erst die Gleichheit, dann die Freiheit. Dafür ist kein Opfer groß genug.“

Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dies auch für einen Blogwart der FAZ zutreffen mag.

Gäbe es mehrere solcher Stellungnahmen, könnte sich durchaus das Gefühl einstellen die Ka­ma­ril­la des FAZ Blogs hätte sich zusammengerottet.
Ich habe schon den Eindruck, daß so ein FAZ Blog eine kathartische Funktion erfüllt in einem Land, dem die Politik mehr zumutet als es dauerhaft erfüllen kann und der Blogwart bemüht sich ja unentwegt um anrührende und ablenkende Geschichten, so daß man ihm gelegentlich zu seinen Beiträgen mit Thomas Bernhard zurufen möchte:

 „Der Leidende geht in den Kitsch hinein wie in einen köstlichen Garten.“

Heute zählen für manchen Blogwart eben mehr die Klicks als der Esprit, wobei doch wirklich auch der letzte Leser in seiner totalitären Bürgerlichkeit, lieber wie Arsiccio in Antonio Vignalis „Cazzaria“ zum Blogwart sagen würde: „Arsiccio, du machst mich mit deinen Reden so lüstern, erweckst in mir ein solches Verlangen, entfachst eine solche Glut, dass ich lieber auf das Paradies als auf die Kenntnis dieser Dinge verzichte.“ ohne dabei gleich an fornication zu denken.

Heute ist Silvester und die ersten Gäste treffen schon ein. 

Unser Treffen vor dem Mitternachtschampagner ist schon zu einem kleinen Eleusinischen Ritual geworden, bei dem, ganz im Sinne von Vicino Osini, der kulinarische, der intellektuelle und der sexuelle Genuß ganz gewiß nicht zu kurz kommen wird.

Vorhin, als ich einmal kurz in die Küche geschaut habe, war meine kleine soubrette schon dabei die erste Anatra ripiena all`arancia für heute Abend zuzubereiten und ich habe gesehen, es ist auch noch nicht ausreichend Champagner in der Kühlung.

Zeit meine Gedanken zu beenden und ich wünsche Ihnen Allen ein für Sie 


                                 Gutes und erfolgreiches Neues Jahr !