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ZEIT.geschehen

Die Macht des Ungedachten

Es ist heute etwas kühl hier im Tessin, doch, wenn ich mit meinem Mantel zügig in das vorgeheizte Auto steige, ist die Kälte ganz gut zu ertragen und so bin ich heute kurz mal nach Lugano gefahren, dort in die Riva Vincenzo Vela, jene Strasse, welche direkt am See entlang führt, zu einem schmalem, privaten Parkplatz, um mir schnell ein paar Kirschen in einem dieser kleinen Geschäfte in der Innenstadt zu holen.

Ich mag diese erotische Frucht sehr und genieße es, wenn sie mir meine kleine soubrette mit einem Kaffee und ein wenig Gebäck am Rand des whirlpools serviert.

Da kann man auch mal darüber hinwegsehen, daß im Tessin eben alles immer ein wenig teurer ist.

Während ich da so im Warmen liege, was in dieser ungemütlichen Jahreszeit sehr entspannend wirkt, auf Haut, Haare und Seele, und wenn dann dem kleinen körperlichem Luxus auch die Gedanken folgen, das Gegenteil von - Let your mind go and your body will follow -, während ich mich also, mein Ritual einhaltend, ein wenig treiben lasse, kommen mir stets Gedanken zu Dingen, die ich noch erledigen möchte, wie auch zu Geschehnissen der vergangenen Tage.


So wiederholen sich auch andere Rituale, wozu auch jenes alljährlich Wiederkehrende des Advents gehört. 


Von einem kleinen Anflug von Romantik getragen, zog es mich auch in diesem Jahr wieder kurz zur Eröffnung des Christkindles Marktes nach Nürnberg. 


Von Milano Malpensa nach Nürnberg geht das ja in wenig mehr als zwei Stunden und kostet auch nicht mehr, als wenn ich mit dem Auto fahren würde.

Es ist sehr schön durch die engen Gassen des Weihnachtsmarktes zu gehen, obwohl unübersehbar das Polizeiaufgebot größer geworden ist und es stellenweise einen bedrohlichen Charakter hat. Ich hatte jedoch den Eindruck, daß die Menschen versuchen den Gedanken der Bedrohung zu verdrängen in der Sehnsucht nach Romantik und Heimeligkeit.

Auch hier im Tessin ist es zwischenzeitlich empfindlich kalt geworden und vor einigen Tagen hat es sogar ein wenig geschneit. Lugano, wie die umliegenden Dörfer dekorierten sich in tessiner Art schnell, und mir oberflächlich erscheinend, weihnachtlich.

So leuchtet und funkelt es, wenn man gegen Abend durch das Tessin fahren muß, auch an sehr vielen privaten Häusern, die man mit LED Lichterketten ausstattete. Da blinken sie nun, manchmal bunt, oft in wechselndem Rhythmus, ganz anders als in der romantisch, traditionellen Art wie es nördlich der Alpen üblich ist, wo, wie mir scheint, eher eine ruhige, weiße Beleuchtung bevorzugt wird und die Leuchtelemente eher gebündelt das Anwesen schmücken.

In dem kleinen Ort, in welchem ich wohne, hat man an den Masten der Straßenbeleuchtung, als Weihnachtsdekoration, monumentale LED-Eistüten angebracht, die die ganze Nacht über wild vor sich herblinken, obwohl kein einziger Mensch unterwegs ist sie zu beachten und am Morgen, wenn die Menschen zur Arbeit fahren, schalten sich die Eistüten mit der Straßenbeleuchtung, bei aufkommender Morgendämmerung wieder automatisch ab.


Man folgt einem Ritual, vielleicht aus einer gesellschaftlichen Verpflichtung heraus, ohne Sinn.

Vor wenigen Tagen bin ich gegen Mitternacht an einem Haus vorbeigefahren, welches überhaupt nicht aufgefallen wäre, da es vollkommen im Dunkeln lag, wenn da nicht jene Kerze gewesen wäre, die jemand auf die Fensterbank gestellt hatte.

Ich habe gebremst, bin einige Meter wieder zurückgefahren und habe noch einmal nach der Kerze am Fenster geschaut und dachte mir: Dort lebt ein Mensch.

Diese Kerze schien mir bedeutungsvoller als all die zahlreichen kalt blinkenden LEDs vor den Häusern bei denen man hinter einem Fenster meist auch die wechselnden Farben eines großen TV-Flachbildschirms erkennen kann.


In der staden Zeit, wie man ja in Bayern die Vorweihnachtszeit zu nennen pflegt, ist es bei mir garnicht so still, denn zahlreiche Menschen schreiben mir emails oder fragen nach einem persönlichen Termin an.


Es sind Menschen, die vielleicht keine Kerze in ihr Fenster stellen, jedoch den Wunsch haben zu sprechen, einfach nur zu sprechen über ihr Leben, häufig über ihre Partnerschaft, ihre Kinder, die andere Wege gehen oder auch über ihre Arbeitssituation, die meist schon einmal freundlicher war und sich hierfür einen aufmerksamen Zuhörer wünschen, der ein wenig abseits der zahlreichen Verabredungen auf Weihnachtsmärkten und Weihnachtsfeiern in der stimmungsanfälligen Vorweihnachtszeit spürbar da ist.

In denselben Zusammenhang gehört für mich auch die Erfahrung mich des öfteren damit konfrontiert zu sehen, daß es Außenstehenden versagt ist, zwischen einer, wie sie es nennen, „Sexarbeiterin“ und einer „cortigiana onesta“ zu differenzieren. 

Das kommt vor in dieser Zeit der kulturellen "Disturbation",  ein Begriff, welcher klanglich sowohl auf "Masturbation" als auch auf "disturbance", die Störung, Zerstörung anspielt, in dieser modischen Tendenz einer stets nach unten orientierten Gleichmacherei, die eben keinen zu verschonen scheint.


Zum Leben einer cortigiana onesta gehört eben auch Zeit, Zeit, um manchmal einfach nur zuzuhören, oder, wenn man gefragt wird, einmal einen Gedanken aus einer vollkommen anderen Perspektive einzubringen.

Ich freue mich sehr über das große Vertrauen, welches mir auf dem Weg entgegengebracht wird. Vor einigen Tagen sagte ein netter Herr am Telefon, daß ihm das Gespräch sehr gut getan hätte und wir jetzt ja einige kleine Geheimnisse miteinander teilen würden.


Das Wasser im Pool wird allmählich kühler und meine Haut will keine weitere Feuchtigkeit mehr, jedenfalls nicht die des Wassers und wie es sich zeitlich wunderbar fügt, ist meine kleine Hilfe, die mir die Nägel pflegt, auch fertig.

Genug der Rituale. 

Ich wünsche Ihnen allen noch eine schöne Adventszeit.