Direkt zum Hauptbereich

ZEIT.geschehen

La nudité de la femme est plus sage que l‘enseignement du philosophe. (max ernst)


Es es nun doch schon einiges mehr als ein Jahrzehnt, daß ich hier als Gast in der Schweiz, im Tessin lebe. Das Malcantone ist eine etwas abgelegene und gemiedene Gegend des Südkantons und der Name „Malcantone“ setzt sich aus Malus und Kanton zusammen. Das Wort Kanton ist hier als schlechter Winkel oder schlechte Ecke zu verstehen. So soll der Bischof von Como diese arme Ecke des Tessins so benannt haben, da die dort lebenden Menschen eher etwas gottlos waren, wie auch Abgabenverpflichtungen nur mäßig nachgekommen sein sollen.

Eine weitere, stets wieder auch von Einheimischen stolz vorgetragene, Erklärung der Namensherkunft besagt, daß diese Gegend ein „unsicheres Gebiet“ gewesen (?) sein soll, wo in den dicht bewaldeten Hügeln Flüchtlinge, Schmuggler und Diebe Schutz suchten und offensichtlich auch fanden.



Das sind halt Erzählungen und wie bei jeder Geschichte wird schon etwas Wahres dran sein. 
Auf jeden Fall ist es sehr ruhig hier in dieser Ecke der Schweiz und ist bei aller Hektik in Europa ein angenehmer Zufluchtsort, wie man auch schnell wieder in die Zivilisation zurückkehren kann. 

Zu Luganos Flugplatz fahre ich nur 10 Minuten und die 70 km nach Mailand sind kein Problem für einen Opernbesuch in der Scala oder zum kultivierten Einkaufen in der Via Napoleone mit ihren abzweigenden Straßen und auch Zürich kann man von hier aus für einen Nachmittagskaffee noch gut erreichen. Wenn ich hier so im zweiten Stock meines Hauses bei einem Kaffee vor meiner Tastatur sitze habe ich einen schönen Ausblick auf den „Monte Rosa“ wie auf die gegenüber liegende kleine Siedlung, wo sich noch eines der Goldbergwerke befinden soll, dessen Betrieb jedoch z.Z. ruht.

Schon seit langer Zeit ist das Malcantone ein Entvölkerungsgebiet und wenn junge Menschen hier schon mal irgendwie aufwachsen, ziehen sie dann doch, wenn sie größer sind und vernunftgeleitet, mehrheitlich in die größeren Städte.
So bezieht in diesem kleinen, kaum 300 Personen zählenden, Ort wohl die überwiegende Mehrheit der Menschen schon seit einigen Jahren ihre Rente oder leben von der beliebten IV.

Umso erstaunlicher war es für mich, daß wenige Tage vor meiner Abreise in den Süden am Ortsrand ein Festzelt aufgebaut, Biertische abgeladen und die Komplexität der Beschallungsanlage einem mehrstündigen Soundcheck unterzogen wurde, der selbst auf dem Monte Lema noch wahrgenommen wurde.


Ja, die vielen älteren Menschen hier lieben einfach ihre kleinen Feste, ihr geselliges Zusammensein und ihre canzone, die anrührenden Lieder von Herzschmerz, dachte ich mir.

Jedoch am Abend des darauffolgenden Tages wurde die sonst übliche Stille rüde unterbrochen und  die Beschallungsanlage, an den Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit, bedröhnte bis 3.30 Uhr in der Frühe die Natur, den kleinen Ort, die vielen glücklichen Rentenbezieher hier, wie auch mich, mit ACDCs „Highway to Hell“ und Ähnlichem.


„Living easy, living free
Season ticket on a one-way ride
Asking nothing, leave me be
Taking everything in my stride
Don‘t need reason, don‘t need rhyme
Ain‘t nothing I would rather do
Going down, party time
My friends are gonna be there too“

Ja, mit dem „My friends are gonna be there too“ war es dann doch nicht so wie der Liedtext versprach.

Aber vielleicht glaubt man so etwas dafür zu tun, daß die noch verbliebenen Jugendlichen doch noch etwas in den grünen Hügeln, im Hotel Mama, verweilen.

Zum Glück muß man solche Bemühungen gegen die Abwanderung ja nicht ertragen und so war es gut nach nur wenigen Stunden Schlaf, daß ich meinen kleinen Koffer schon gepackt hatte und mich auf den Weg an die Côte d‘azur machte.

Ich fahre ja selber gar nicht so gerne, man muß doch sehr auf den Verkehr achten und kann die Vibrationen des starken Motors gar nicht so recht genießen, doch die Fahrt nach Cagnes-sur-Mer dauert zum Glück nicht allzu lange. 

Von hier aus bin ich in knapp zwei Stunden in Genua und nach einem schon geplanten Besuch bei einem lieben Freund sind es noch einmal knapp über zwei Stunden bis ins Chateau Le Cagnard.

Ich liebe dieses kleine Hotel und fahre schon seit vielen Jahren immer wieder dorthin. Nicht wegen eines zu erwartenden Luxus, sondern vielmehr wegen der Geschichte des Hauses und meiner Freunde mit denen ich mich dort gerne treffe.
Sooft schon bin ich durch diese Türe gegangen, doch jedes Mal wenn ich den an die Wand gemalten Elefanten von Emile Auguste Wéry, einem Freund von Matisse sehe, stellt sich bei mir das Gefühl ein - „Jetzt bist Du Zuhause.“

Das hat nichts damit zu tun, daß hier die Bardot öfters zu Gast war, oder Ingmar Bergman, oder Georges Simenon. Vielleicht hat es aber ein wenig mit Simone de Beauvoir, die häufig mit J.P. Sartre hier zu Gast war, zu tun. Ich glaube ihr Geist schwebt hier noch immer.
Meine Ankunft ist schon zu einem kleinen Ritual geworden. Bevor ich auf mein Zimmer gehe, hole ich mir ein Glas Whisky und gehe damit auf die Terrasse, gleich bei welchem Wetter.

Stets bei meinem streifenden Blick von dieser Terrasse auf´s Meer und zurück über die Hügelkette, die sich bis nach Cannes hinzieht, verbindet er sich mit einem Satz aus Simone de Beauvoir´s Buch „Das andere Geschlecht“.

« On ne naît pas femme, on le devient » oder „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“

Generationen von Frauen haben sich schon aufgeopfert, um einen anderen Stand gegenüber der Männerwelt zu erhalten, lange bevor dieses Buch zum Basiswerk der Feministinnen wurde und heute wollen sogar Leute wie ein Heiko Maas Werbeplakate für Dessous verbieten und damit ihren Beitrag leisten für ein „moderneres Geschlechterbild“. Die Idee hierfür sei ihm gekommen nach den Ereignissen der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof. Die Bilder seiner Gattin im Playboy, na ja, das ist etwas anderes.

OK - Beauvoirs „Le Deuxième Sexe“ wurde 1949 in Frankreich veröffentlicht, im Jahr als Rainier III. Fürst von Monaco wurde und im Februar 1971 ermöglichte eine eidgenössische Abstimmung auch in der Schweiz das Frauenstimmrecht.

Das ist wahrhaftig kein Grund sich hierüber zu belustigen und Millionen Frauen bemühten sich auch in den darauffolgenden Jahrzehnten, neben Berufstätigkeit, Kinderaufzucht, Haushaltsführung und Befriedigung ihres Partners, sich für eine würdevolle Wahrnehmung ihres Geschlechts zu engagieren.

Ob nun aus wahrhaftiger Überzeugung, oder in einer Geselligkeit suchenden Mitläuferschaft, dieses Engagement ist ein nur von den Frauen erbrachter zusätzlicher Energieeinsatz, oft verbunden mit einer schon an Selbstaufgabe erinnernden Anpassung an die männliche Partnerwelt, was sich in einem kumpelhaftem Auftreten, Jean Seberg Haarschnitt und einem zunehmendem Kleidungsstil bemerkbar macht, der den Eindruck vermittelt als seien diese Frauen auf einer nie endenden Safari.

Dieses Engagement erinnert doch sehr daran, wie sich viele andere von der Politik aufgefordert sehen, Müll zu sortieren, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zu fahren, für eine angeblich bessere Umwelt, Energie zu sparen wo es nur geht und das, mit Krediten finanzierte, Einfamilienhäuschen in Styropor einzupacken und sich, wie ihren Kindern Schuhe aus Kunstleder zu kaufen wegen des Tierschutzes, der aber bei den geselligen Grillabenden, gerade in diesen Sommertagen, keine so große Rolle mehr spielt. 

Bei einem zweiten Glas Whisky kommt dann doch der, im Widerspruch zum Alkohol stehende, ernüchternde Gedanke, daß es eigentlich keine nennenswerte Veränderungen gab und auch nicht geben wird. Weder für die Masse der Frauen, noch für die angeblich noch immer vor dem Kollaps stehende Umwelt.

All das hat mit meinem Leben als cortigiana onesta, mich in der Tradition einer Alice Keppel oder Veronica Franco verbunden fühlend, wenig  zu tun, doch wenn ich mich hin und wieder, spaßeshalber außerhalb meiner Kreise bewege, bemerke auch ich schnell was da Draußen als Realität vorherrscht.

Ganz spontan in Erinnerung kommt mir da ein zahlreich besuchter Blog der FAZ, wo ich zu einem Text einige kommentierende Zeilen hinterließ. Auf meine Gedanken erhielt ich die Antwort:

„Was, bitte, spricht dagegen, den Dorfdeppen Dorfdeppen zu nennen und die Hure Hure – wenn sie denn tatsächlich eine ist?“

und ganz Gentleman (?) schrieb der stehts fahrradhelmbewehrte und Fahrradteile präsentierende Blogwart der FAZ unmittelbar, wie nahezu anrührend, hierzu:

„Mit abwertenden Äusserungen über Sexarbeiterinnen habe ich es überhaupt nicht.“

Gute Güte, selbst für einen angeblich gebildeten, angeblich der italienischen Geschichte verbundenen, Journalisten bei der FAZ gibt es heute keine cortigiana onesta mehr, nur noch Sexarbeiterinnen in seiner Bloggerwelt der Bobos und ihrer normalen Banalität des gewöhnlichen, männlichen Sexualgebarens.

Von Werner Sombart kommt die feststellende Bemerkung, daß Kurtisanen u.a. für ihren Geschmack für das Schöne bekannt sind, diesen pflegen, wie sie sich der eleganten, “extravaganten“ Mode verbunden fühlen. Das beansprucht viel Zeit und Energie und ist natürlich auch mit gewissen Kosten verbunden, was man natürlich nicht erkennt, wenn man nur Fahrradteile im Kopf hat.

Simone de Beauvoir, ausgezeichnet u.a. mit dem „Prix Goncourt“, wie auch mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, war, das kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, keine cortigiana onesta, wie aber allgemein bekannt ist, lehnten Beauvoir und Sartre die Monogamie ab und gewährten einander gegenseitige Freiheit und parallele Liebesbeziehungen, ein Lebensstil, der auch unter heutigen Eheleuten und Paaren sehr verbreitet und beliebt sein soll. 

Simone de Beauvoir nahm, jedenfalls ist hierüber öffentlich nichts bekannt, kein Geld von ihren Liebhabern, aber vielleicht nahm sie gerne ein kleines Geschenk an? Einen kleinen Diamantring von Cartier? Wer weiß es schon? 

Gleichgültig, ob Frau sich auszeichnet durch herausragende literarische Werke, in einer, der eher seltenen Fälle, in einer Vorstandetage Erfolg hat, oder, ob sie einfach nur gut und zuverlässig irgendwo ihre Arbeit erledigt, solange sie nur für sexuelle Dienstleistungen kein Geld nimmt, wird ihr die gesellschaftliche Anerkennung in diesen Tagen gewiß sein. Erst die Annahme von schnödem Geld macht die Frau zur Sexarbeiterin oder Hure und die ganze Reputation ist dahin.

Es geht wohl darum, wie bei Simone de Beauvoir „das andere Geschlecht“ zu lesen ist, daß „der Mann auch im sexuellen Akt immer autonomes Subjekt und Beherrscher der Lage bleibe, auch wenn er sein Begehren auf «das Andere» projiziere.“

Dieses Mal war es schon spät geworden als mir wieder so meine Gedanken und Erinnerungen zu Simone de Beauvoir auf der Terrasse des Chateau Le Cagnard durch den Kopf gingen. Wahrscheinlich stand sie das eine oder andere Mal auch an dieser Stelle der Terrasse auf´s Meer blickend, und war ebenso fasziniert, wie das Meer in der Dämmerung zunehmend mit der Dunkelheit verschmilzt.

Aus dem Stimmengewirr im Hintergrund erkannte ich schon einige meine Freunde und wenig charmant rief einer nach der „partouse“. Chevaleresque Herren, in der überwiegenden Mehrheit zu deren Leben meist nicht das von Beauvoir beschriebene Männerbild gehört. 
Sie lieben das kultivierte Leben, Stil ist für sie eine Selbstverständlichkeit, wie Segeln, Golfspielen oder Polo und sie achten und respektieren die Gesellschaft einer cortigiana onesta. In so einem Blog wie diesem geht man ja nicht so ins Detail, doch die kommenden Stunden werden wohl ein wenig so werden wie Nicolaus Sombart, der Sohn des oben erwähnten Werner Sombart, in einem Interview mit dem SPIEGEL beschrieb:

„Sombart: Keineswegs. Erinnern Sie sich an die Geschichte vom „Le Roi Rene“, einem Pariser Etablissement, das ich eines Tages mit einer Freundin besuchte. Dort gab sich eine junge Frau, vor den Augen eines voyeuristischen Publikums, nacheinander mehreren Männern hin. Ich war entsetzt und dachte: Diese arme Frau, das ist ja furchtbar, vergewaltigt, zum Objekt gemacht . . .

SPIEGEL: Haben Sie das damals wirklich gedacht, oder glauben Sie heute, daß Sie damals so gedacht haben müßten?

Sombart: Nein, wirklich. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Gespräch mit meiner Begleiterin auf der Rückfahrt im Taxi. Ich erzählte ihr von meinen Empfindungen - und sie erklärte mir: „Da liegst du völlig falsch, wir waren in einem Tempel weiblicher Lust. Das war nicht eine Inszenierung von Männern, sondern von Frauenphantasien. Das Mädchen war kein Opfer, sie war die Priesterin eines heidnischen Mysterienkultes.“ Sie hatte recht.“

Und wenn Sie mal eine ganz private, detailreiche Geschichte von mir lesen wollen, schauen Sie doch einfach auf meine Website oder schreiben Sie mir.

Simone de Beauvoir hat vieles richtig beschrieben in ihrem sozialgeschichtlichem philosophischem Werk, damals, und wenn sie heute hier neben mir stehen würde auf der Terrasse und wir würden uns über ihr Buch unterhalten, würde sie vielleicht zu mir sagen: „Ich habe mich nie der Illusion hingegeben, die Lage der Frau ändern zu können.“

Mädchen Du kennst doch den Spruch - A chacun son métier und wir hören doch alle gerne von James Brown - «It‘s a man‘s world.»



Kommentare

  1. Na, na, verlässt Du den schönen Malcantone? Wohin zieht es Dich, wohl südlicher, ist angenehmer..... Ich fühle mich gut wenn Du wieder aktiv im Blog erscheinst, eine Wohltat.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen