Mittwoch, 14. September 2016

ZEIT.geschehen

Blue stocking society


Es scheint so das letzte Aufbäumen des Sommers hier im Tessin zu sein. Licht und Wärme der Sonne begünstigen die innere Verfaßtheit.
Wenn man einmal die wenigen Großveranstaltungen, wie das Großfeuerwerk am 01.August, anläßlich des Schweizer Nationalfeiertages, Estival Jazz und BLUES TO BOP in Lugano, wie dem "Festival del film“ in Locarno, unberücksichtigt läßt, war der Sommer, wie auch schon in den vergangenen Jahren, wieder sehr ruhig im Südkanton und das Tessin beschäftigte sich in den politischen, wie sozialen Belangen mit selbstreferentiellen Betrachtungen.

Als Neuerung sei lediglich zu berichten, daß seit dem Juli im Tessin ein sogn. Burkaverbot in Kraft getreten ist, bzw. es, per Gesetz, verboten ist sein Gesicht zu verhüllen.

Nun, mag man lange darüber streiten wie sinn- oder unsinnig manches Gesetz ist gleichgültig, ob hier in der Schweiz, in Deutschland, oder anderswo.

Unser westeuropäisches Werteverhalten beinhaltet in der Regel, daß wir Gesetze, auch wenn sie unsinnig erscheinen, zunächst befolgen bis eventuell auf demokratischem Wege wieder eine Änderung herbeigeführt wird.

Die Islamischen umgehen hier das Verbot der "Ungläubigen", indem sie jetzt keinen Gesichtsschleier mehr tragen, sondern einen medizinischen Mundschutz, wie Sie ihn vom Zahnarzt  oder von Prof. Klaus Brinkmann von der Schwarzwaldklinik kennen, wenn er zum Skalpell griff. So bringen diese klar zum Ausdruck wie sie zu hier geltenden Gesetzen stehen und ihre die westliche Kultur verachtende Geste, symbolisiert die archaische, wie irrige Vorstellung, wie sie glauben, sich vor dem "Virus der Aufklärung" schützen zu können.

Jetzt hat das Tessin ein Gesetz, was diese kasperlhafte Kleidung verbietet, doch in Anbetracht der fehlenden Touristen, wie der damit verbundenen heftigen Proteste des Hotel- und Gaststättenverbandes, der sich um die letzten Einnahmequellen sorgt, mangelt es an der Durchsetzung der, mit dem Gesetz angekündigten, heftigen Strafen bei einer Zuwiderhandlung.

Was wieder einmal zeigt, daß Geld die Welt regiert und auch ein Kanton bei der Auslegung des Gesetzes zu einer gewissen Flexibilität neigt.     

Die kulturellen Orte, an und in denen man mit diesem, unsere Kultur verachtendem, "Lumpenproletariat" nicht zwangsweise ausgesetzt ist, werden stets weniger.
Wenn auch noch keine Security an der Türe steht, so ist in der Altstadt von Lugano das Grand Café Al Porto eine Art gated community, wo man noch unter sich sein kann. Ich mag das Haus voller Geschichte und gerne trinke ich dort ab und zu einen Kaffee. Am 03.März 1945 wurde in diesem Cafe Geschichte geschrieben, als man bei einem geheimen Treffen zwischen deutschen Offizieren und Vertretern der Alliierten, unter Vermittlung des Schweizer Majors Max Waibel, über die Kapitulation der Deutschen Streitkräfte in Norditalien verhandelte, welche am 29.April 1945 in Caserta, schließlich unterschrieben wurde.    
In den Jahren nach dem Krieg waren in den wundervollen Räumen auch Chamberlain, Gustav Stresemann, Clark Gable, wie auch Sophia Loren mit ihrem Mann Carlo Ponti u.v. a. sogn. Prominente zu Gast.

Die edle Einrichtung, der perfekte Service, wie auch die Gewissheit, dort überwiegend kultivierte Menschen anzutreffen, vermitteln ein gutes Gefühl, ein Geborgensein, welches mich, wenn man das Café wieder verlassen muß in der total videoüberwachten Luganeser Innenstadt auch schlagartig wieder verläßt.         

Es sind jene kleinen, stets weniger werdenden, Parzellen des kultivierten Lebens, die zum Menschsein beitragen.


So war das Grand Café Al Porto in diesem Sommer auch der Treffpunkt mit einigen Freundinnen zu einem alljährlichen Zusammentreffen in der Tradition der „Bluestocking Society“, zu der mich dieses Mal meine meine süße soubrette begleiten durfte.

Es ist zunächst ein Austausch unter Frauen, die sich auch heute noch als „cortigiana honesta“ verstehen und ein entsprechendes Leben führen.
Bei unserem "freudigen Ratsch" berichtete ich unter anderem meinen Freundinnen von meinen kleinen Kommentaren, die ich zu einem Blog bei der FAZ schreibe, bzw. deren Rückmeldungen, die ich hierzu erhalte, wie z.B. diesen hier, die mich bei  Don Alphonso erreichten:

"Goodnight sagt: 
5. September 2016 um 07:08 Uhr
One hundred thousand sperm and you were the fastest?
„Flucht ins Exil ist Feigheit, zurück in die Schlacht , Du schlaffer Narzisst“
fluchte die Dame…und drehte ihren mit Stahl behangenen Körper auf der Liege am Schwimmingpool in ihrem Schweizer Exil….für eine weitere Runde der vollumfänglichen Bräunung."

Oder:

"Goodnight sagt: 
13. September 2016 um 10:32 Uhr
Come on darling. Give us a smile, eh. It's the second best thing you can do with your lips.
@Thomas
Dass Frau am Pool im Exil das Bedürfnis verspürt, dem Don „die Eier zu kratzen“, das liegt vielleicht in ihrer Natur."

Nun antworte ich ja grundsätzlich nicht auf Kommentare oder mails mit gravierenden Formfehlern, denn die fehlende Form führt nicht selten zu fehlender Distanz, in ihrem abfälligen Spontandeutsch.

Josephine erinnerte sich hierzu noch an einen, im Juli in der NZZ publizierten Artikel von Paul Liessmann unter der Überschrift: „Schöne neue Sprachwelt“ vom Konzept der «Leichten Sprache» die, wie solche Kommentare zeigen, rasch zur Anwendung kommt, obwohl sie ja mehr für geistig Behinderte und sprachunkundige Migranten entwickelte wurde.

Paul Liessmann schrieb auch: „Zahlreiche Behörden sind mittlerweile verpflichtet, ihre Verlautbarungen auch in Leichter Sprache zu veröffentlichen, einige gehen dazu über, alle Bürger nur noch in Leichter Sprache zu informieren, um die Stigmatisierung von Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, zu verhindern.“

Wir haben uns, während wir so zusammensaßen, Liessmanns Gedanken noch einmal auf einem iPad angeschaut und als bemerkenswert in Erinnerung ist mir noch die Feststellung, Liessmanns:
„Wer Vorbehalte ( gegen die leichte Sprache ) anmelde, hänge wohl einem reaktionären Bildungsideal an, vertrete kulturpessimistische Positionen und wolle Menschen, die Schwierigkeiten mit einer komplexen Sprache hätten, diskriminieren.“

Ja, da war es schon gut „Goodnight“ nicht geantwortet zu haben, er hätte sich ganz sicher diskriminiert gefühlt.

Es sei das unstillbare Interesse an der Tätigkeit einer cortigiana honesta, und damit auch die Ursache für solche befremdlichen Meinungen, warf Claire ein, denn für solche bildungsfernen Personen seien wir auch noch heute nur billige Huren und Prostituierte, nahm das iPad und rief einen Artikel von Hans Ulrich Gumbrecht auf, welchen er unter der Überschrift: „Die Dialektik der Mikro-Aggression“, erst vor wenigen Tagen in der NZZ publizierte. 

Es wäre vermessen anzunehmen der Schreiber des oben stehenden Kommentars hätte Herrn Gumbrechts Zeilen gelesen, noch jene auch nur ansatzweise verstanden und bei allem Bemühen der FAZ um die Sprache "war Claire doch erstaunt darüber, daß solch sprachliche und geistige Entgleisungen, Gumbrecht sprach von "tendency to use language offensive to women", vom Moderator des blogs freigegeben werden, während bei anderen Themenbereichen der FAZ  jegliche Kommentarmöglichkeiten „wegzensiert“ wurden.

Flaubert, warf Constance ein, Flaubert würde sie heute noch beschäftigen und sie sehe sich stets wieder mit Flauberts Einstellung konfrontiert, die dieser zu seinem Bild der gebildeten Frau hatte:
„Qua Natur seien Frauen zur nötigen Sublimation nicht fähig. Sie brauchten Konkretes, meinte Flaubert, einen Geliebten oder ein Kind. Nur um eines Anderen, Singulären willen könnten sie von sich absehen. Die Frau könne keine Sache um der Sache willen betreiben. An sich könne ihr daher die reine Wissenschaft, wie jedes andere Ideal, nichts bedeuten.“
und
„Was die gelehrten Frauen betrifft: so brauchen sie ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben; ob sie zwar gemeiniglich stillsteht oder nicht nach der Sonne gestellt ist.“ (A)

Gepaart mit  ungebrochenem Humor ließe sich im Rückgriff auf "Die Frauenzimmerschule" auch sagen: "Qui apperit vulvam, apperit et mentem.“  oder für den Lateinunkundigen: "Nur derjenige öffnet unseren Geist, der unser Liebespförtchen öffnet."

Die Schweiz ist ja stets auch verbunden mit dem Begriff des „Exils“ und beides, die „Schweiz“, wie das „ins Exil Gehen“, scheinen eine Art „rotes Tuch“ für bildungsferne Menschen zu sein, denen sicher auch die Exilromane von Klaus Mann unbekannt sind. 

Solch dümmliche Bemerkungen, wie zum Beispiel, von einem sich hinter dem Pseudonym verbergenden „Goodnight“ regen mich stets wieder an meine kleine Bibliothek aufzusuchen. 
Heute betrachte ich, bei der gegenwärtigen Entwicklung in Europa und im Besonderen in Deutschland, mein Leben hier im Tessin, schon auch als ein Leben im Exil.

In schönster Erinnerung ist mir noch Klaus Manns Gedanke:
„Angefangen hat es mit der Liebe. Wir haben alle unser Land geliebt -:[...]. ( aus Vulkan - Seite 100 )

Und so berührten mich beim wiederholten Lesen von Klaus Manns Exilromanen einige Passagen ganz anders als noch vor einigen Jahren, wie zum Beispiel:

„Wer die Emigration nicht selber mitgemacht hat, könnte überhaupt geneigt sein, die dramatischen und romantischen Aspekte dieser Existenzform zu überschätzen.“ 

Oder als Kikjou im "Vulkan " Seite225 sagt:
„Denn ich will leben. Gott hat mich nicht dazu geschaffen, daß ich mich zu Grunde richte.“ 
Doch es gilt in der Gegenwart zu leben und man kann wie Klaus Mann auch sagte: „nicht immer „hauptberuflich“ Emigrant sein.“

So läßt sich, wenn auch im Exil, dennoch die luxurierende Sexualität leben. 

In einer Veröffentlichung des „Journal of Experimental Zoology“ war ja vor einiger Zeit zu lesen, daß der weibliche Orgasmus ein Relikt aus vergangener Zeit und vollkommen überflüssig sei. Na, dieser Gedanke wird für einen nicht unerheblichen Teil der Männerwelt wieder sehr beruhigend sein.

Umso erheiternder, wie bereichernd ist dagegen der neue Roman von Peter Sloterdijk, den ich, sofort nach seinem Erscheinen, regelrecht verschlungen habe und den zu lesen ich jedem empfehlen kann.

In einer Bonner Institution stellen die Protagonisten von Sloterdijks Roman, den Antrag auf Förderung eines Projekts mit dem Titel: „Zwischen Biologie und Humanwissenschaften: Zum Problem der Entfaltung luxurierender weiblicher Sexualität auf dem Weg von den Hominiden-Weibchen zu den Homo-sapiens-Frauen aus evolutionstheoretischer Sicht mit ständiger Rücksicht auf die Naturphilosophie des Deutschen Idealismus“, woraus sich eine Geschichte mit wunderschönen Überraschungen entwickelt. 

Die Zeit verging wie im Fluge bei der Betrachtung von Sloterdijks Buch, was ich zu unserem Treffen mitgebracht hatte und am  Ende unseres Jahrestreffens fiel in der ausgelassenen Stimmung von Sophie die doch etwas flapsige Bemerkung, daß jeder Brünstige, der einmal einige Stunden mit einer oder mehreren von uns verbracht habe, sich als Humanist, wie bei einem Symposion, fühlen dürfte, was wir umgehend zurückwiesen, denn wer von uns würde sich jemals mit einem Brünstigen einlassen?

Und für die „richtigen Männer“ der heutigen, von einer anhaltenden Neomanie gezeichneten Zeit, sei noch an den 1732 gegründeten, schottischen Herrenclub erinnert, wo man sich wirklich noch als Mann fühlen konnte und in welchem „Mann“, in geselligen Feier sich ausschließlich der männlichen Sexualität widmete.
Die Clubmitglieder aus den feinsten Kreisen der Gesellschaft genossen in diesem Herrenclub nicht nur feinste Speisen und edle Weine.

Und im nächsten Jahr treffen wir uns alle wieder in Sanary-sur-Mer bei Constance, wo in vergangenen Zeiten nicht nur Lion Feuchtwanger seinen Roman "Die Geschwister Oppermann" schrieb, und Bertolt Brecht in den Hafencafés saß, sondern wo auch heute wöchentlich wieder Menschen aus Deutschland ankommen.


(A) Politik und Zeitgeschehen 40/2010.04.Oktober 2010

2 Kommentare:

  1. Mademoiselle,
    magnifique, merci!

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  2. ... und nach Sanary-sur-Mer komme ich dann auch; genau, treffen wir uns alle bei Constance. L'année prochaine.

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