Direkt zum Hauptbereich

Ephemere

Schöne Moral - von der inhärenten Moral zur explorativen Moral und zurück zur präskriptiven Moral.

In diesen wunderbaren Tagen ist es ein wahrer Genuß mit dem 356er unterwegs zu sein und die Fahrt über den Gotthardpass, nach Zürich, ist schon ein kleiner Urlaub für sich.

Der Stadtverkehr in Zürich war wie immer, doch es sind nur wenige Minuten bis zum Dolder, wo wir uns für ein kleines Essen verabredet hatten. 

So ein ganz klein wenig bin ich jedes Mal beunruhigt, wenn ich dem Wagenmeister die Autoschlüssel übergebe, obwohl bisher ja noch nie etwas vorgefallen ist. Aber ich kenne sie schon, die heiteren Hinweise des Lebens, wenn das Wünschen nach größtmöglicher Unabhängigkeit immer wieder an den kleinen Dingen seine Grenzen erfährt.

Wayne hatte reservieren lassen. Es war einer dieser besonderen Räume, die es für kleine Gesellschaften, wie der unsrigen gibt, um exquisit, wie privat zu speisen, also ein bißchen private dining eben.


Die umfangreiche Menükarte lädt jedes Mal wieder ein sich den kulinarischen Verführungen hinzugeben, doch ich bevorzugte nur eine Kleinigkeit, Thunfischtartar zubereitet mit hellgrüner Avocado. Manchmal suche ich mir solche Tafelfreuden nur aus, weil ich auf das Farbenspiel und die Präsentation neugierig bin ohne großen Appetit zu haben; der kommt dann später.

Für uns Damen war das wundervolle Wetter Gelegenheit Haut zu zeigen, etwas provokativer als sonst. Sie kennen doch Stendhal, der in seinem Buch "Rouge et Noir" Schönheit als „Versprechen des Glücks“ nannte .
Wir wissen es ja Alle: Schönheit verspricht einen Nutzen, von dem wir Frauen hoffen, ihn durch sie zu erlangen. Deswegen ist Schönheit auch so begehrenswert.

Schwingende Röcke, luftige Stoffe in den Sommerfarben zimt, curry und sonnengelb. Wir waren einfach ein schöner Anblick.
Auch, wenn man der Mode nachsagt, sie sei volatil, wie ein Haar im Wind und damit immer wieder die Versuchung besteht sich spontan für neue Trends zu begeistern, gibt es doch bestimmte Maximen auf die man bestehen muß. 
„Modest fashion“ ein Euphemismus, der uns in die Unscheinbarkeit verweisen soll, ist in unseren Kreisen kaum einer Erwähnung wert, ebensowenig wie der diesjährige Trend von oversized Kleidung. 
Es ist eigentlich schon ein sich stets wiederholendes Ritual, wenn wir zusammentreffen. Der weibliche Teil der Runde tauscht zunächst einmal die Mode betreffenden Neuigkeiten aus, um sich dann gegenseitig, wenn sich nach einer Art Vertrauenscheck alle der gebotenen Verlässlichkeit vergewissert haben, wieder auf den neuesten Stand zu bringen, wer gerade wieder mit wem zusammen und wer sich von wem getrennt hat. Die Unglückliche in unserer Runde war dieses Mal Beatrice, die heute zu unser aller Erstaunen, alleine, ohne ihren Mann kam. Verwunderlich ist doch immer wieder bei solchen Trennungen die Antwort auf die routinemäßige Frage: „Wie lange habt ihr jetzt zusammengelebt?“. Auch, wenn die Trennung nur kurz zurückliegt, gibt die zurückgelegte Frau, meist sehr spontan den konkreten Zeitraum an in dem die Trennung wirklich vollzogen wurde, obwohl eine „Empty love“ meist schon viele Monate, wenn nicht Jahre die Beziehung prägte.

In einer Männerrunde habe ich so etwas noch nicht gehört und es ist meist so, wie heute auch, daß die Herren über ihre Geschäfte, Golf und Immobilien redeten; Gesprächsfetzen, Gläserklirren und Gelächter, dominierten zunächst im Raum bis die Speisen aufgetragen wurden und die aufsteigenden Aromen, wie die freundlichen Worte des Service neugierig machten und damit die Aufmerksamkeit auf sich zogen.
Danach wurden die Gespräche ruhiger, fanden zusammen und konzentrierten sich vorübergehend auf die Tafel und das dekorativ arrangierte Dinner.

Das Genußerlebnis ist ja für uns Frauen bekanntlich ein umfassenderes Sinneserlebnis, das wir wesentlich gefühlvoller erleben als Männer. Ja, das hat man im Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam herausgefunden.

Natürlich waren es die Herren der Runde, die ganz schnell wieder zu ihren tagesaktuellen Themen fanden und da stand der Fußball zunächst im Vordergrund.

Etwas provozierend warf ich ein, daß Fußball doch die pure Zurschaustellung von Testosteron sei und nach einer ersten formellen Empörung pflichteten die Herren durchaus mit ihrer Feststellung bei, daß sie es deshalb auch lieber am TV-Gerät anschauen würden, als selber einem Ball hinterher zu rennen. Urs meinte, am Ende sei das Testosteron beim Sex doch besser investiert als auf dem Fußballplatz, womit natürlich gleich die Frage aufkam wie weit die Planungen für die kleine Ausstellung von Kevin´s erotischen Bildern auf meinem Anwesen vorangeschritten sei.


Weitgehend war ja bereits alles geplant und es standen nur noch wenige Fragen im Raum. So war noch zu bedenken wie weit die Bilder vom öffentlichen Raum aus einsehbar sein sollten. Bei der angespannten Stimmung zwischen den Tessinern und den dort lebenden Ausländern, muß man ja doch die moralischen Befindlichkeiten in so einem kleinen Ort zwischen dem Lago di Lugano und dem Lago Maggiore berücksichtigen und man kann nicht die intellektuelle Aufgeschlossenheit erwarten wie in Luzern, Zürich oder einer beliebig anderen, kulturell offenen Stadt.
Nach meinem Dafürhalten braucht es im Grunde kaum weiterer Ingredienzien als von nackten Gegebenheiten zu sprechen, und schon ist bei so einer Ausstellung die Moral das bestimmende Gesprächsthema. Mir ist das vertraut, ich werde ja viel mit sittlicher Gesinnung konfrontiert.

Da begegnet  man einer "Gemeinschaftsmoral", die einen angeblichen Konsens unterstellt und damit die herrschende  Meinung vorzugeben glaubt und derjenige, der dagegen verstößt oder auch nur andere persönliche Grenzen zieht, wird bestraft. 

Meist ist es eine Argumentation aus Verschlossenheit und Furcht bei geringer Freude an Differenzierung und tatsächlichem Interesse, oder einfach nur Dummheit.

Da genügt schon die zweidimensionale Abbildung eines schönen, weiblichen Körpers, in Selbstbestimmtheit, reizvoller Unnahbarkeit oder ein entspannter Umgang mit körperlicher Lust und schnell kommt das Wort Obszönität in etwas ländlicheren Regionen über die Lippen, meist in Unkenntnis der Wortherkunft, die aus dem Lateinischen "obscoenus, obscēnus" stammt, vom Wort cēnum, caenum ‘Schmutz, Unflat’. 

Jacqueline, eine liebe Freundin, die in Genf als Psychoanalytikerin tätig ist, berichtete auch von Problemen dieser Art aus ihrer Praxis bei Menschen mit sehr individueller Lebensweise, ohne daß jene eine öffentliche Kreativität leben, wie das bei Kevin oder mir der Fall ist, die man vielleicht vorschnell aufgrund beunruhigender Individualität mit dem Attribut "schmutzig", "unflätig" abwertet oder, wenn einander noch auf respektvoller Ebene begegnend, als extravagant angesehen wird.

Das Leben als libertin d’esprit kann nur in der Normabweichung gelebt werden und mit anderen Meinungen, Urteilen und Verurteilungen lernt man zu leben. Man ist ja auch meist unter Seinesgleichen.

Ich hoffe ganz einfach auf einen schönen Sommer mit Photographien von schönen, wie anregenden Frauen in meinem Haus, die meinen Gästen Auge und Seele verwöhnen mögen. Die oft publizierte Meinung, daß es sich nicht lohnen würde sich um Schönheit zu bemühen, da sie ohnedies vergänglich sei, ist weit verbreitet und in "Don Alphonsos" Blog hat man auch mir schon damit gedroht.

In Ergänzung zu Kevin´s Photographien kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen, daß bei allen Mühen um den schönen Körper dieser nicht nur Last ist, sondern vielmehr macht ein solcher auch Lust, oder wie, Gott hab ihn selig, S.Freud schon mal sagte: "Der Genuß an der Schönheit hat einen besonderen, milde berauschenden Empfindungscharakter".

Zu meiner Ergänzung meinte Maribell mit ihrem unvergleichlichen Lächeln, daß Schönheit eben ihren Preis habe. Den schönen Frauen sagt der Volksmund die Dummheit nach. Dieses Vorurteil spiegelt wieder, wie doppelbödig Schönheit eingeschätzt wird und wie sehr die Bewunderung mit der Verachtung gepaart ist. 
Maribell´s Worten folgend, betrachtete ich unterdessen ihre knallrot geschminkten Lippen und den aus dem Kleiderausschnitt hervorspitzenden roten BH, der ihre großen, runden Brüste hervorragend inszenierte und so, wie in ihre ganze Erscheinung als erfolgreiche Geschäftsfrau zwar auf die „Volksweisheit“ aufmerksam machte, bewies sie doch zugleich das Gegenteil. 

"Wir haben ja unsere Privaträume, die nicht nur unsere eigene Sphäre schützen, sondern vielmehr auch jene, die wir in ihrer Privatheit nicht durch unser Auftreten, unseren Lebenstil kon­s­ter­nieren wollen", war ein weiterer Gedanke von ihr.

Auf diese Weise löste sich meine offene Frage zur Präsentation von Kevin´s Photographien plötzlich ganz im Stillen in Wohlgefallen auf, denn die Mißachtung, bedingt durch einen bildungsärmeren Rezeptionshorizont, ist kein Preis, den es zu zahlen gilt, wenn Schönheit in die Welt, in meinen Garten kommen sollen.

Gleichgültig wie Schönheit im realen Leben oder als Photographie gesehen wird, im Frauenzimmerlexikon von 1715 wird sie so beschrieben:

"Schönheit ist eine äußerliche wohlgefällige Gestalt und höchst angenehme Disposition des weiblichen Leibes, so aus einer richtigen Proportion, Größe, Zahl und Farbe der Glieder herrühret, und dem weiblichen Geschlecht von Gott und Natur mitgetheilet, auch durch eigene Politur und angewendete künstliche Verbesserung immer mehr und mehr erhöhet wird".

Oder wie im Damen-Conversations-Lexikon (1834-1836):
"Die Schönheit hängt aber bloß von der Gesundheit ab und diese von der Abhärtung. Wer seine Haut durch Bewegung in frischer Luft, durch Reinlichkeit, Bäder und kalte Waschungen kräftig erhält, die Üppigkeit des verfeinerten Lebens und Leidenschaftlichkeiten flieht, wird bis ins höhere Alter eine schön gefärbte, nicht runzelige Haut haben... Jetzt ist die Zeit der Schönheitsmittel so ziemlich vorüber, und man sieht ein, daß Luft und reines Wasser die besten Kosmetika sind...".

Hierzu ist es überflüssig zu betonen, daß die Toleranz für beide Anschauungen meist beim libertin d’esprit zu finden ist.

Samuel, unser Literat, Gentleman wie Charmeur, beklagte, daß wir nur von der Schönheit der Frau sprechen würden, wo er doch, und das muß man ihm wirklich zugestehen, der Zwillingsbruder von Jean-Paul Belmondo sein könnte.

Als er heute ankam, in seinem cremefarbenen Sommeranzug von Armani, den Kopf mit einem Panamahut von Borsalino bedeckt, zog er wieder die Blicke vieler Damen auf sich und sah aus als sei er einem seiner Romane entsprungen.

Natürlich war seine „Klage“ nicht erst zu nehmen, sondern vielmehr ein Kompliment an alle Frauen, denen er auf seine Weise, wieder etwas zurückgeben wollte für ihr Bemühen um die Schönheit. 

Seine Worte gaben der Runde wieder die Heiterkeit, die es für ein schönes Leben braucht und in diesem Kreis wissen wir ja alle, daß körperliche Attraktivität eine Möglichkeit ist die Aufmerksamkeitsbilanz zu seinen Gunsten zu verschieben.

In seiner charmanten Art, und da überraschte er uns stets wieder, zitierte er mit seinen eigenen Worten ergänzend, in der Lässigkeit eines wandelnden Lexikons Susanne Kappeler.
Er meinte die oft herbeigerufene Moral sei ja nicht „Die Moral“ und es gäbe derer viele, die so quasi nebeneinander existierten, wie Paralleluniversen, in denen die dort Lebenden vielleicht nur das Andere erahnen können. Und auf einer unteren, einer leicht verständlichen Ebene, meinte Kappeler, daß “Sie allesamt prinzipiell nichts gegen Pornographie, Prostitution oder auch Imbißketten haben, als gesellschaftliche Einrichtungen, noch gegen ihre gesetzliche Regelung. Sie möchten sie einfach lieber nicht in der eigenen feinen Nachbarschaft sehen, sie aber gern in einer anderen zugänglich wissen.”

Wayne fand das ein gelungenes Schlußwort an die Runde. Es war schon wieder spät geworden bei Zigarren, Kaffee und manchem Glas Champagner und wir hatten ja alle auch noch anderes Vergnügliches vor, was Wayne ziemlich direkt formulierte, indem er meinte, wir sollten doch bald zur  l'art de jouir übergehen, womit er nicht gesagt haben wollte, daß die bisherigen Stunden nicht äußerst genußreich gewesen wären, aber alles Reden über die Moral sei doch schon gesagt: dort wo oftmals Rätsel vermutet werden,  gäbe es gar keine, wo man etwas zu entdecken sucht, wäre nichts aufzuspüren und was man in Worte hineindenkt, dort wäre nichts zu finden. Warum? Weil das Forschungsobjekt die Tiefenstruktur des Eigenen sei. Er plädierte einfach nur auf die Rückbesinnung der seit der Antike bekannten "arts de soi", und fragte mich nebenbei, ob ich ihn noch auf seine Suite begleiten würde? 

Seinem Wunsch nach einer weiteren Form des Selbstkultivierung konnte ich vorbehaltlos zustimmen, doch was die Moralbetrachtung betrifft, weiß ich nicht, ob er hier recht hatte, und innerlich war ich doch noch mit dem Wortinhalt des Moralischen in seiner oft oberflächlichen Interpretation und seiner missbräuchlichen Anwendung beschäftigt.

Man müßte, zumindest für sich persönlich, den Gedanken zu Ende denken in all seinen Konsequenzen. Im Zusammenlegen der „Moraluniversen“, der damit einhergehenden Auflösung all dessen was damit verbunden wird, Gefühle, Liebe, Verletzungen. Doch dies ist schon der Stoff für eine neue Geschichte, die es zu schreiben gälte. Ich gehe diesbezüglich ja meinen eigenen Weg und die „öffentliche Moral“ bleibt die Kampfparole der Bürgerlichkeit.

Mit meinem Glas in der Hand verabschiedete ich mich von dem cercle d´amis.

Auf dem Weg zur Suite fragte mich Wayne, ob es mir angenehm wäre, wenn er seinen 
schüchternen Begleiter, Byron, noch fragen würde, zu uns kommen. "Aber gewiss doch, mein Lieber. Was sollte ich für Einwände erheben, wenn das aphrodisische Vergnügen zu vervielfachen ist?"

Byron war mit Wayne gekommen und den ganzen Abend eher stiller Zuhörer gewesen als lebhafter Redner. Im Gegensatz zu Wayne, dem es als Kunsthändler nicht schwer fällt beredt aufzutreten, zumal er zur Erweiterung seiner Kunstsammlung ständig in neue Kontakte verwickelt ist, hielt sich Byron, der als Talentscout das Symposium an der Uni Sankt Gallen besucht hatte, zur Zeit privat in Europa auf und reiste nun zusammen mit Wayne weiter. Ich hatte ihn heute zum ersten Mal gesehen und war neugierig auf Waynes Vorschlag eingehen zu können.

Die darauffolgenden Stunden verflogen zwischen Lust und Ermattung, kraftvollem Begehren und Entspannung, Anblick und Anschauung, stillem und geräuschvollem Genießen, in Großzügigkeit und Anerkennung innerhalb der Grenzen der temporären Begegnung, die auf der Ausschließlichkeit des Momentes beruhte, bis am Ende genußvolle Ruhe eintrat.

Am Morgen beim gemeinsamen Frühstück mit den anderen waren wir alle drei dankbar gewesen für die kurzen Stunden des Schlafes, die uns geblieben waren. 

Der Tag schien vielversprechend zu werden, zum Ausklang wollten einige noch ins Centre Le Corbusier und die anderen zog´s ins Museum Rietberg : Die Ausstellung "Gärten der Welt" verführte sie dorthin.

Die Suche nach dem Paradies und Sehnsucht es zu finden bewegt uns doch alle, wenn auch nur, um der Zeit zu entwischen, in einer Art hoffend schwelgender Auszeit oder zum Gegenteil, um die Dichte der Zeit zu spüren, den Zumutungen des Lebens entrissen - freigestellt.

Kommentare