Donnerstag, 12. Mai 2016

Ephemere

„Äxgüsi“,

nein, heute schreibe ich nicht in svizzero tedesco. Die Integration ist noch nicht der Assimilation gewichen und würde in so einem Versuch auf der sprachlichen Ebene auch „nicht gut kommen.“ Mit dem Schweizerdeutsch ist es wie mit dem Bayerisch, man wächst darin auf oder man bleibt eben außerhalb dieser Sprachcodegemeinschaft und ist anders.

Anders Sein ist nichts Neues, eine banale Binsenweisheit, dass kein Individuum dem anderen gleicht, entgegen der „sauerstoffarmen Enge“ derzeit verbreiteter „Gleichheitsimpulse“, nur spürt man sie in einem anderen Sprach- und Staatsgebiet jeden Tag ein bißchen intensiver und offensichtlicher als dort, wo man hineingeboren wurde. Das merke ich zur Zeit wieder an den zahlreichen Frühlingsfesten, die jedes Dorf im Kleinformat abhält als Anlaß fröhlichen Beisammenseins. 

Die Jahreszeit ist dazu angetan: Zeit des Aufbruchs, des WiederErwachens von Pflanze, Tier und Mensch; die ludi publici zeigen sich vermehrt unter dem Frühlingshimmel. Was hier „festa di primavera“, ist woanders das Fest zur Mandelblüte oder etwas weiter entfernt und unverhohlener in seiner Nähe zum Geschlechtlichen, das Phallusfest.

Der natürliche Auftakt zur Vermehrung löst wilde Blütenträume für einen ausgedehnten Zeitraum aus, der gerne auch mehrere Tage Anlaß für Festlichkeit sein darf, ganz im Gegensatz zu den auf den Tag festgelegten Feierlichkeiten wie dem "Tag der Frau" oder dem "Muttertag". 

Einmal wird das bloße urwüchsige Werden im Erblühen gefeiert und die damit verbundene Reaffirmation des Menschen irgendwie doch noch in das Naturgeschehen eingebunden zu sein, beim anderen Mal steht die Frau im Mittelpunkt als dem Mann gleichberechtigte Arbeitskraft und hieraus erwachsender Rechte, oder in ihrem Jahrzehnte langen staatserhaltenden Wirken. Folkloristisch mutet mir beides an. 

Die naturnahen Freudenfeste verbinden neu aufkeimende Blütenpracht mit vergnügtem erotischem Treiben und wiederholen sich seit Jahrhunderten, zeugen von Tradition und einer einst notgedrungenermaßen naturverbundenen Lebensform. 

Die singulären Festtage dagegen entwickeln nur dann ihre Wirksamkeit über die tagesbezogene Feierlichkeit hinaus, wenn sie, weil gemacht, an den übrigen 364 Tagen des Jahres gedankliche Berücksichtigung und den Weg in die gelebte Wirklichkeit finden, sonst sind sie bloßes Darandenken, und da es unter uns nicht soviele kleine Adornos gibt, dem Denken Handeln war, bleiben sie oft triviale Inszenierung. 

„Festa della Donna“ und „Festa della Mamma“, beides sind arbeitsfreie Tage voller  interessanter Beobachtungen.

Die in dieser Jahreszeit jährlich aufkommenden frühlingshaften Gefühle sind als solches ein kleines Fest, wenn man das Naturgeschehen mag, das sich mir allein schon beim Blick aus den großen Fenstern nahezu aufdrängt und ja auch ganz hübsch anzusehen ist, in seiner besonderen Vielfalt der Grünfärbungen, samt bunter Blütenflecken.

Außerdem war es wieder Mal ein passender Zeitpunkt über´s Essen nachzudenken. Meine bonne und ich lagen neulich kurz vor Mitternacht gemeinsam auf dem daybed und plauderten bei einer köstlichen Pandoro darüber - haben Sie das schon einmal gemacht, den süßen Hefeteig in Whiskey ertränkt? - wie wir uns von unseren winterlichen Essgewohnheiten endgültig verabschieden könnten und wieder disziplinierter auf kalorienärmeres Essen achten wollten, am besten ohne Lustverlust. 

Den Beschluss zelebrierten wir feierlich mit einem jener Kuchen, dem „goldenen Brot“ aus Venezien und streuten in lustvoller Unart als Erinnerung an die zurückliegenden Wochen etwas ungezügelteren Essens, noch eine zusätzliche Portion Hauchzucker; Sie kennen ihn vielleicht, den mit den hübschen Engeln, so daß uns nicht nur das pane dei angeli fabelhaft köstlich vorkam, sondern wir uns selbst nach einer Weile wie Engel fühlten, was sich zu vorgerückter Stunde darin äußerte, daß meine soubrette auch noch den Mond doppelt sah, vielleicht wegen ihres leicht unausgewogenen Verhältnisses von Whisky und pandoro.

Von den Gedanken beim guten Essen geht unweigerlich der  Blick von den Hüften zur Mode, ob die Größe 36 auch diese Saison wieder aufrechtzuerhalten ist. Doch beides, Essen wie Mode, sind angenehme Aktivitäten und unterliegen einer Ästhetik, nämlich der es guten Geschmacks in einem kultiviertem Dasein. Außerdem sind beide in unseren Kreisen gern gesehen, weil sie unmittelbare Wertschöpfung mit sich bringen; meist unterliegen sie weniger moralischen Urteilen im Gegensatz zum Sex, der ja auch als wesentliche Dimension eines Guten Lebens bezeichnet werden kann, aber in den sogenannten ehrbaren Kreisen eben immer schnell mit der Moral daherkommt, was Ronald Dworkin schön formulierte: „Für die meisten Leute ist der Kern der Moral ein sexueller Kodex, und wenn die Ansichten, die der gewöhnliche Mensch über außereheliche Sexualbeziehungen, Ehebruch, Sadismus, Exhibitionismus und die anderen pornographischen Erzeugnisse hat, keine moralischen Positionen sind, kann man sich schwer überhaupt irgendwelche Meinungen, die er wahrscheinlich vertritt, vorstellen, die moralische Positionen wären.“

Mein bonne liebt diese kleinen Filme der fashion shows, die man beim Besuch einer show in kleinen Tütchen mit Firmenlogo und anderen Kleinigkeiten erhält oder als gute Kundin im Nachhinein ausgehändigt bekommt. Als wir uns gemeinsam die letzte show in Mailand ansahen, kam sie ins Schwärmen: dort schwebten die Frauen auch…..über den Laufsteg. Sie war hingerissen von den elfengleichen Wesen, so schön schlank würden sie aussehen, daß der V-Ausschnitt bis zum Bauchnabel, der fliederfarbene Chiffon und erst der lichtrosa Plissee sie zum Träumen und zum Wünschen anregten. Ja, über das Schwärmen wird das Gefühl körperlich und dringt bildlich in uns ein. Das englische Wort embody bringt es kurz und treffend zum Ausdruck.

Sie stellte sich vor, daß solche Frauen frei und selbstbestimmt seien; die würden nicht vor dem Kleiderschrank oder Spiegel stehen, und sich jeden Tag auf´s Neue fragen, wie sie sein wollten. Die brauchten sich auch keinen Mann suchen; die nähmen sich einen, wenn er ihnen über den Weg liefe. Nicht so, wie bei ihrem Emilio, der sie zwar auch angebetet hätte, aber ihn sich nehmen, ihm einfach sagen, daß sie Lust auf ihn hätte, das wäre nicht drin gewesen.

Hier im Süden gelten immer noch die Regeln des Latin Lovers, der schmachtend auf die Gunst der Frau wartet, die sie ihm erst einmal verwehren muß. Sein Beschmachten und Bestürmen ist auf ihre Komplementärhaltung, die gütige, ja, mütterliche Ablehnung, angewiesen, denn er käme wegen der hohen Zahl seiner Gefälligkeitsbekundungen, die meist mehrgleisiges Werben bei den unterschiedlichsten Frauen bedeutet, sehr schnell an seine körperliche und finanzielle Leistungsfähigkeit. So hat meine soubrette jetzt ihrem Emilio an ihrer Seite, einen wahrhaftigen Mann, aber wie sie mir so schön sagte: „Niemand ist vollkommen.“ Erfreulicherweise ist nicht nur ihr Geist erfrischend humorvoll, sondern ihr hübscher Körper noch für anderes offen.

Was, wenn ihr Emilio davon gewußt hätte, daß seine Angebetete mit mir auf dem weichen Leder all die kleinen Annehmlichkeiten genoß und wir uns miteinander so wohlfühlten, wie nur Frauen untereinander wohlig beisammen sein können, in dem Wissen eine Vertraute, ein ähnlich fühlendes Wesen neben sich zu wissen, einfach nur deshalb, weil dieselbe körperliche Ausstattung manche Verwandtschaft im Fühlen und Erleben bewirkt?

Er hätte es ganz sicher nicht ertragen sie hier fröhlich entspannt zu sehen, zumal dies, in seinen Augen sein Selbstbewußtsein erheblich ins Wanken gebracht hätte, denn er betrachtet sich als die einzig wahre Quelle ihres Glücks.

Die Gedanken meiner bonne über die models, berührten mich sehr, da sie doch zeigten, daß sich hinter ihrer lustigen Unbekümmertheit, die beständige Sorge verbirgt, die sich im Werben um Gefallen und Aufmerksamkeit aufreibt. Denn ihr Gefallenwollen beruht auf der täglich erneuten Frage an sich selbst „wie sie sein will“ , was die formale Frage nach dem „Weil“ ist, der Intention.
Frauen, die im eigenen Verständnis ihrer Körperlichkeit leben, kennen kein „weil“; sie haben sich von diesem Zwang befreit und sind.
Ich lasse mich bei den fashion shows gerne in den ästhetischen Zauber ziehen, wenn die Mode, insbesonders bei Armani, drauf abzielt ein Gesamtkunstwerk gestalten zu wollen, wenn Körper und Verhüllung in der Bewegung verschmelzen, im Gegensatz zum männlichen Modell, der modische Stücke trägt, aber damit noch lange nicht zu einer Erscheinung wird. Die Hüllen bilden einen stofflichen Rahmen für unterschiedliche Lebensgestaltungen und geben mir die Gewißheit mich gut darin fühlen zu können. Aber abgesehen davon, daß wir beide auf unterschiedlichste Weise die unterhaltsamen Filme mögen, genossen wir an dem Abend unsere zärtliche Vertrautheit. 

Der spielerische Genuß des Whiskeys leistete wohl einen kleinen Betrag zu einer ausgelassenen Stimmung. Schließlich wollten wir ja auch auf diese Weise einen neuen Jahresabschnitt beginnen. Zwischendurch steckten wir uns gegenseitig ein Stückchen Mandel oder Pandoro zu. 
Ein heimlicher Betrachter hätte uns wohl als ein reizvolles Arrangement empfunden, in Mitten unserer Köstlichkeiten, so daß die fashion show nach einer Weile ohne unsere Beachtung weiterlief und wir nur noch die Musik hörten. 
Das kleine Schwarze war heute ein Kleines Graues mit weißem Kragen, das meiner bonne inzwischen, Dank ihrer nachlässigen Bewegungen bei ihrer temperamentvollen Erzählweise so verrutscht war, daß ihr kleiner, winziger, weißer Slip, gerade das Notwendigste gesellschaftlich korrekt bedeckend, wie zufällig herausspitze. 
Ich nahm das kleine Dreieck und zog daran, daß er sich zu einem feinen Band straffte und sich bei ihr das gute Gefühl einstellte mehr von ihrem Höschen zu spüren, als während all der Stunden des gesamten Tages. Sie hat da ähnliche Vorlieben wie ich, und ist nicht überempfindlich, im Gegenteil.
 Sie genoß das und beantwortete mein Spiel des Neckens und Reizens, indem sie ihren Körper lustvoll darbot in der offenen Bekundung: „Her mit dem schönen Leben.“
Da sind wir beide uns einig. Je mehr und intensiver, umso besser. Meine streichelnden Hände waren ihr nicht genug, sie verlangte nach intensiverer Berührung, die ich ihr mit meinen zart schmeichelnden Zehen und Füßen an für sie ausgefallenen Stellen gerne gab und dabei lernte sie die Elastizität ihres kleinen Strings an rechter Stelle zu schätzen.

Ich ließ mich gerne in ihrem Strom erotischen Wisperns mitnehmen, dem doch immer wieder erneut fremden Klang der anderen Sprache, der mir in solchen besonderen und zugleich ambivalenten Situationen von Selbstentfaltung und Selbstentfremdung besonderes Vergnügen bereitet, und tauchte bereitwillig in das ganz besondere Aroma weiblicher Lust ein, das sich in kecken Knospen bei ihr und mir zeigte, wie in einer fluiden Sinnlichkeit im Schoße, die wir beide aus - kosteten.

Das leicht alkoholisierte Sichhingeben in einen narkotischen Taumel von lebensvoller Körperlichkeit und angenehmer Berauschung, wurde Nacktheit wieder das, was sie ist: einfach nur Schön!

Irgendwann suchte sich ihr bezaubernder Körper den meinen, die umfassend wärmende Haut der Anderen, das damit verbundene Gefühl von angenehmem Wohlsein und Geborgenheit, das sich darin äußerte, daß sie sich mit ihrem süßen Po an mich drückte und einfach einschlief. Das aufwühlende Gespräch, die leicht stimulierende Wirkung einiger edler Tropfen mit der für uns beide viel zu großen Menge an vertilgtem Kuchen und unser elementares SinnenSpiel ließen sie am Ende ihres Arbeitstages in eine beruhigte Müdigkeit abgleiten. Selbst der Weg in ihr Zimmer im Haus wäre zu weit gewesen und ich hatte nichts einzuwenden.

Als sie neben mir lag, fragte ich mich, sie im milden Licht betrachtend, wievielen anderen Frauen es noch so ergehen mochte wie meiner kleinen Nachtblüte in ihrer andauernden Suche nach sich selbst, begleitet von einem skeptischen, mehr quälerischem Selbstverständnis?
Wie fühlen wir uns, wenn wir mit uns sind? Sind wir uns selbst willkommen und vertraut? Ich darf da nicht von mir ausgehen, I am identified with the place of exclusion.

Erleben wir Frauen uns, wenn auch biologisch determiniert, in unserem Empfinden und Erkennen lediglich als Produkt gesellschaftlicher Konstruktion, gewissermaßen selbst entfremdet, nur durch den Blick des Anderen, dem Männlichen als begehrenswertes Objekt, oder dem Weiblichen als zu taxierende Mitbewerberin?
  Sex und gender sind die zwei Ausgangspunkte, alles weitere sind persönliche Spielräume vom Kunstobjekt bis zum Kumpel des Mannes.

Spielen wir die Rolle oder sind wir ihr Widerspruch?

Sind wir vornehmlich GenußObjekt für Abfuhr und Entladung wie seit Jahrhunderten, oder können wir uns selbst genießen aus einer entspannten Haltung von individueller Freiheit, persönlicher Kreativität und Autonomie, ausgezeichnet mit einer Gabe, die dem anderen Geschlecht, auch noch heute, weitgehend verschlossen scheint, nämlich Selbst-Sein.

Wenn der feine Stoff des schwingenden Rocks Deine weiche Haut am nackten Po streichelt, der eigene Duft, diese Melange Deiner Selbst und weniger Tropfen "Acqua di Gio"aufsteigt, weil Du mitten im Souper die Beine unter dem Tisch ein wenig öffnest, um bequemer sitzen zu können, wenn Du Dich selbst erhitzt, die Straußenfedern Deiner neuen, roten YSL Jacke im Rhythmus der Musik fliegen und Du Dich mit Dir einfach nur wohl fühlst?

Gestatten wir uns den innerlichen Freiraum zur Selbstkultivierung, der Aneignung persönlicher Wahrnehmungsweisen, nur schon die körperliche Existenz betreffend, wie auch ethischer Gedankensetzungen bei all den Imperativen, denen wir uns in diesen Tagen ausgesetzt sehen, in der uns manchmal so konfus erscheinenden Welt, deren gedankliche Annahmeverweigerung als reaktionär betrachtet wird?

Oder ergeht es uns mehr so, wie Max Frisch, der von sich behauptete: „Ich lebe aus keinem eigenen Verlass heraus.“

 Wo sind die Frauen, die sich als Selbstobjekt verstehen in ästhetischer Evidenz sich als kulturelle Schöpfung betrachtend?
Ich werde morgen Francesca anrufen, meine liebe Freundin in Paris, an deren neu plazierten, himbeerfarbenen Brustspitzen ich mich erst vor kurzen erfreuen durfte; mal hören, welche Einschätzung sie über uns Frauen hat.
Auf all die Fragen konnte ich heute Abend keine Antwort mehr finden, dafür war meine süße soubrette als unmittelbare Frau schon zu sehr mit dem Schlaf beschäftigt und ich zu müde.

Hoffentlich vergißt sie nicht, mich morgen rechtzeitig zu wecken, damit die Abfahrt nach Zürich nicht so spät wird. 




Das Ich und die Kraft der Seele


Schön, wenn der Schleier bloß ihr schwarzes Aug´entdeckte,
Noch schöner, wenn er nichts versteckte;
Gefallend, wenn sie schweig, bezaubernd, wenn sie sprach:
Dann hätt´ihr Witz auch Wangen ohne Rosen
Beliebt gemacht; ein Witz, dem´s nie an Reiz gebrach,
Zu stechen oder liebzukosen
Gleich aufgelegt, doch lächelnd wenn er stach
Und ohne Gift. Nie sahe man die Musen
Und Grazien in einem schönern Bund;
Nie scherzte die Vernunft aus einem schönern Mund;
Und Amor nie um einen schönern Busen.
                                                                Christoph Martin Wieland

1 Kommentar:

  1. Schööön,
    auf den ( Punkt) gebracht. Nicht alles so eng sehen/denken, mal treiben lassen und sich das ICH sein gönnen.
    Wahrlich genussvoller Text.

    AntwortenLöschen

Blog-Archiv