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Ephemere

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Kevin plante eine Ausstellung seiner erotischen Photographien und wollte mich gerne hierzu sprechen. Er war von Lissabon auf dem Weg zur Galerie nach Zürich. Selbstverständlich hätte er in einem Direktflug seine Reisezeit verkürzen können. Ihm schien jedoch daran gelegen einige Stunden der Entspannung bei mir zu verbringen, so daß er von Lissabon zuerst nach Lugano flog - eine willkommene Unterbrechung zu seinen arbeitsintensiven Vorbereitungen mit ergänzendem Schwerpunkt.


Er ist einer dieser Männer, denen Arbeit jenen angestrengt, intensiven Gesichtsausdruck verleiht, das manches schmale Männergesicht so interessant macht, was bei Kevin noch durch sein dunkles, kräftiges Haar, in einem unkonventionellen Nicht-Haarschnitt akzentuiert wird und seine Eigenwilligkeit unterstreicht.
Es ist diese Gespanntheit in einer sanften Hautlandschaft, die den intellektuellen Einsatz in der Attraktivität von Machertum im wahrsten Sinne verkörperlicht, gepaart mit gepflegter Bekleidung und einem distingiuerten Verhalten, das erst in der einfühlsamen Begegnung den Blick auf die kraftvolle Konzentriertheit, die ins Projekt fließt, frei gibt, um sie nach und nach für´s Sinnliche zu öffnen und dann umso intensivere Ausdrucksformen ihrer Transformation zu ernten. Er ist der Typ, welcher durch die glückliche Mischung von körperlicher Attraktivität und kreativer Wendigkeit eine Intensität ausstrahlt, die anziehend ist. 
Das bestätigt mich wieder einmal darin, daß Intelligenz deshalb so attraktiv, weil sie vielversprechend ist, wir wie ohnehin jede unserer Empfindungen genau genommen mit unserem Gehirn erspüren.

Kevin klang ein wenig angespannt und erschöpft als er mich anrief, um zu fragen, ob ich ihm entgegenkomme und ihn vom Flugplatz abholen könnte; er sei übernächtigt und die gemeinsame Fahrt mit mir wäre schon eine Erholung, die noch dazu unsere Begegnung zeitlich verlängern würde. So ein Gefallen stand außer Frage und bald darauf fand ich mich auf dem Weg zum Airport.

Als wir zurückkamen hatte mein Mädchen noch eine Kleinigkeit für uns zubereitet, die wir bei knisterndem Kaminfeuer zu uns nahmen und dabei über Kevins Photographien sprachen. Ihn interessierte meine Meinung zu seinen Bildern; schließlich waren auch ein paar Motive von mir darunter.

Denn es geht ja nicht nur um den treffendsten Augenblick beim Photographieren, das ist ohnehin seine perfekte Domäne; es geht um den Blick durch die Kamera und zugleich um das bildgestaltende Gespräch mit dem Modell. Das Modell zu locken, zu reizen, anzuregen, damit es das gibt, was in ihm steckt, es in gewisser Weise herauszufordern, um das Innere nach Außen zu wenden. Das sollte auch der Titel der Ausstellung sein: "inside out". Kevin wollte zusammen mit mir seine Bildauswahl besprechen, in der er sein Anliegen am besten realisiert sieht: er will Frauen zeigen, die ihren erotischen Esprit preisgeben, ohne entzaubert zu werden.


"Mein Blick auf die Frau soll bewirken, daß sie durch die Spiegelung im Anderen in sich ein erotisches Selbst, das des Augenblicks, kreiert und damit ihre Authentizität gewährleistet. Ich möchte ihre körperliche Erscheinung als Göttin in einen Menschen verwandeln und ihre Aura im Bild festhalten …"
So betrachtet sich Kevin als Photograph, Handwerker der Mechanik und zugleich Spielpartner der Frau, die gekonnt aus ihrem Reichtum der Emotionen schöpft. Mich erinnerte sein photographisches Ansinnen ein wenig an Jacques Lacans Konzeption vom Anderen, über den sich das Individuum erst als Selbst konstituiert. Na, vermutlich dachte er das nicht beim Photographieren.

Mal sehen, wie sich seine Idee durchhalten läßt: es gibt ja nicht nur Kevins BildTheorie, sondern wir wollten die Bilder ja jetzt im Nachhinein gemeinsam nüchtern betrachten, entkoppelt von der emotionalen Entstehungssituation, dem Machen und seinen Wechselwirkungen. Da spielen plötzlich kleine Details ein Rolle, der Blick des Modells, die Handhaltung, die Pose als zweidimensionale Darstellung dessen was vorher dreidimensional war, und schließlich sollte die gesamte Komposition unter dem Aspekt von verkaufsorientierter Einträglichkeit betrachtet sein. 
Und dann ist da bei so einer Ausstellung, mit einer solchen Thematik - erotische Frauenkörper -  nicht zu vergessen wie die Moral hereinspielt. Hartnäckig eingelebte Vorurteile, die sich in einem puritanischen Fundamentalismus geistiger Ausrichtung zeigen, können manchem Zeitgenossen die ästhetisch ansprechendsten Photographien ungenießbar machen. 

Nach einer interessanten und heftigen Diskussion beschlossen wir das Thema am nächsten Tag fortzusetzen. Kevin wollte gerne noch ausreichend Zeit für den sinnlichen und vergnüglich, entspannenden Teil unseres Beisammenseins haben.
Mein Mädchen brachte uns nach dem Essen die Getränke in meinen kleinen Salon mit dem großen Bett. Dabei warf sie einen inquisitorischen Blick auf unsere Szenerie, in der sich mich und Kevin vorfand als hätte sie die elysischen Gefilde zum ersten Mal betreten. Sie verstand es sehr gut sich zu zelebrieren und hoffte möglicherweise auf Kevins Einladung, da sie schon im Vorfeld mir gegenüber ihr Gefallen an Kevin geäußert hatte. 

Er wußte von der spontanen Verfügbarkeit meiner hübschen soubrette und es gab bereits die eine oder andere Einladung an sie - nicht nur von mir, wenn ich mit ihr alleine bin - ,die schon zu manch später Stunde zum Entzücken aller Beteiligten gerne ihre Qualitäten einbrachte. Auch dieses Mal gelang es ihr mit ihrem galanten Auftreten und dem bezaubernden Lächeln die neugierig interessierten Blicke von Kevin auf sich zu ziehen, was sie genoß und gerne mitnahm, da ja Aufmerksamkeit schon das halbe Abenteuer war und für die Zukunft vielversprechend. Heute abend jedoch blieb die Einladung aus und sie ließ uns bald daraufhin wieder allein.

Kevin ist Voyeur, wie sich unschwer erraten läßt, liebte er meine visuelle Darbietung - und ich war seine passende Ergänzung. Er genoß den herrlichen Anblick, den mein Körper ihm bot, welcher sich nach lustvollem Entkleiden zunächst auf einige kleine Stückchen Satin beschränkte. 

Gerade gestern war ich nachmittags schnell mal zu La Perla nach Mailand gefahren und hatte dort diesen wunderschönen, mit Stickerei dekorierten String entdeckt, den ich unbedingt haben mußte. Solche kleinen Kostbarkeiten, die den ganzen Tag und manchen darauffolgenden Augenblick so veredeln, finden sich selten genug. Wider meine Gewohnheit trug ich den kleinen String allein deshalb, um mein Ensemble in cremefarbener Satinwäsche und stockings zu komplettieren. Das sah einfach gut aus, die beiden Farben: Haut und lingerie in der Farbe von Vanilleeis.

Das ist es ja schließlich auch unter anderem, was die Begegnungen mit mir vom All-gemeinen unterscheiden: es geht ja nicht um den spontanen, triebgesteuerten Überfall im fahrenden Aufzug, bei dem eng sitzende Leggings hektisch vom Körper gerollt, der fleischfarbene Hanro Slip auf den Fahrstuhlboden fällt, und es dabei zu lächerlich, komischen Momenten kommt, die sich in quietschenden Turnschuhsohlen, die heftige Reibung hörbar machend, und den zwischen den männlichen Beinen baumelnden Jeanshosen äußern.

Nein, hier geht es um die Lust aus Überzeugung und Sex als GelassenSein, als ein ästhetischer Aspekt der Existenz. 

Neugierig wie Sie sicher sein werden, möchten Sie mehr über die Stunden mit Kevin wissen und ich glaube mit den folgenden Zeilen ist alles beschrieben:

"Cette nuit, contentant ses vigoureux désirs 
Algarotti nageait dans la mer des plaisirs.
Un corps plus accompli qu’en tailla Praxitèle, 
Redoublait de ses sens la passion nouvelle.
Tout ce qui parle aux yeux et qui touche le cœur, 
Se trouvait dans l’objet qui l’enflammait d’ardeur. 
Transporté par l’amour, tremblant d’impatience, 
Dans les bras de Cloris à l’instant il s’élance. 
L’amour qui les unit, échauffait leurs baisers
Et resserrait plus fort leurs bras entrelacés. 
Divine volupté! Souveraine du monde!"

Konnten Sie mitfühlen?

Sie verstehen sicher, daß Diskretion etwas sehr Wichtiges ist und so ließ ich hier einen großen Deutschen, Friedrich den Großen, für mich sprechen.

Die Vögel zwitscherten schon als wir auseinandergingen und Kevin sich in eines der Gästezimmer verabschiedete, um sich noch ein wenig Ruhe zu gönnen.

Am späten vormittag fuhren wir gemeinsam nach Lugano. Dort waren von dem
folkloristischem Treiben, das zu den Osterfeiertagen hier herrschte nur noch die Plakate für dessen Ankündigung zu sehen, die ein wenig verloren und deplaziert herumstanden.
Es war so ein Ostern wie man es sich im Norden klimatisiert und sozialisiert vorstellt: Die Mimosenblüte war bereits vorüber und stattdessen hatten die kleinen, gelben Forsythien und Magnolien zu blühen begonnen, bevorzugt in der Farbe weiß. Die wenigen, aber stattlichen Erscheinungen der Magnolia mit ihren üppig großen Blüten gaben der gesamten Stadt ein anderes Gesicht. 
Glücksmomente bei strahlendem Sonnenschein, Magnolienblüte vor historistisch geprägter Architektur - der Beginn des Frühlings, egal was der Kalender sagte, der jetzt, wenige Tage später, weiterhin seine Blütenpracht und Aufbruchstimmung entfaltete.

Zusammen mit meinem charmanten Begleiter ging ich vom Parkhaus ins Zentrum. Vor mir sah ich eine Dame, deren ansprechende Rückenansicht mich den gesamten Weg begleitete: Ein weißer, glockiger Steppmantel mit einer hübschen Nerzschleife im Rücken auf Höhe der Taille, die dem Mantel einen kecken Blickfang gab bis sich auf der Piazza unsere Wege trennten. So bekam ich leider das zum Mantel dazugehörige Gesicht nicht zu sehen. Vorbei an Auslagen mit frischem Gemüse und Feinkost, aber auch Kuriosem, wie ausgestellten Puderdosen als Handy geformt. Kevin und ich scherzten darüber, ob es wohl einen inhaltlichen Unterschied machen würde mit einer Makeup Dose oder einem Handy zu telefonieren? Wir fanden keine befriedigende Antwort, ebensowenig warum die ansonsten bemerkenswerte Präsentation in der Vitrine bei Cartier fehlte, die aber auch so interessant aussah. Ironische und humorvolle Episoden, die wir einander erzählen machten den Weg zur Bar zum amüsanten Gang durch die alltäglichen Petitessen.

Bei caffè, Wasser und panini sprachen wir noch einmal über die Ausstellung und die Photographien. Dabei hatte Kevin den spontanen Einfall, ob er nicht nach der offiziellen Präsentation in der Galerie einige der großformatigen Exponate im Rahmen eines Sommerfestes bei mir im Garten präsentieren dürfte, sofern es meine Zeit und das Wetter das zulassen würden? So eine Ausstellung würde sicher in einem solch kleinen Ort zu einer großen Aufregung führen und es wären bestimmt eine Menge Vorbereitungen dafür notwendig. Doch waren wir beide von der amüsanten Idee und dem Moment hochgestimmt und stießen darauf mit einem Glas Champagner an, was die prickelnde Laune noch weiter anhob. Die Idee sollte mich noch auf der gesamten Rückfahrt begleiten, nachdem ich Kevin wieder zum Flugplatz brachte. Dort verabschiedete ich mich liebevoll, nachdem der schwere Photokoffer mit den Hasselblad Kameras schließlich auch seinen Platz gefunden hatte.

Wieder allein dachte noch einmal über Kevins Anliegen nach, was er mit seinen Photographien realisieren möchte, so, als ob er unausgesprochen Feuerbach zitierend diese besondere Art des Blickes photographisch festhalten will, "der ins Innere, Wesentliche des gegenüberstehenden Du vordringen wollte", um das Ergebnis dessen dann auf Negativfilm gebannt die Zeit überdauernd festzuhalten. Was für ein schöner Gedanke sich immer wieder selbst ein Denkmal zu setzen, das in sich die Überzeitlichkeit trägt!   

Zurück im Haus kam mir meine soubrette ziemlich aufgeregt entgegen. Sie hatte einen Blumenstrauß für mich angenommen und es war kein Absender daran vorzufinden gewesen. Von Kevin wußte ich ja schon, daß mich die herzliche Geste bei meiner Rückkehr erwarten würde, wie er es auf einem Zettel mit einigen lieben Zeilen des Dankes geschrieben hatte und einem für mich hinterlegten Umschlag.

Ich war bereits im Whirlpool meines geräumigen Badezimmers als mein Mädchen mit dem wunderschönen Strauß in passender Vase zu mir kam. Für besondere Arrangements hat sie einfach ein glückliches Händchen, so wie sie auch in den folgenden Tagen die Blumen mit frischem Wasser pflegt; ich brauche mich da um nichts kümmern.


In solchen Augenblicken der Erholung haben wir so unser Ritual, meine bonne und ich. Sie versteht den günstigen Augenblick wahrnehmend von sich zu erzählen, was sie so beschäftigt. Dieses Mal massierte sie mich zärtlich im warmen Badeschaum, und fragte dabei interessiert nach den Ereignissen der letzten Nacht. 

Bei der Gelegenheit erzählte ich ihr, daß die Blumen von Kevin waren. Ja, "Signor Kevin" wäre schon ein schöner Mann, dem sie sich auch nicht abgeneigt gezeigt hätte, aber letzte Nacht war sie froh gewesen bald gehen zu können. Ihr Liebhaber hatte sie schon ungeduldig erwartet, um mit ihr möglichst die ganze Nacht verbringen zu können, weshalb sie heute auch so müde wäre. Deshalb hatte sie auch der unbekannte Blumenstrauß so außer Fassung gebracht. 

Dann wollte sie aber doch Genaueres über die vergangenen Stunden erfahren. So verbrachten wir noch manche Stunde in Geplauder und Zärtlichkeiten mit Wasserspielen bis in den späten Nachmittag hinein.

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