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ZEIT.geschehen

„Mendacium“

Den ganzen Tag über schien die Sonne und es waren schon fast wieder frühlingshafte Temperaturen an diesem Dienstag. Es gab vieles zu organisieren, Telefonate, Lieferanten  empfangen, die Floristin brauchte letzte Anweisungen für die Blumendekoration und der Catering Service hatte mir die ganze Küche zugestellt, die beiden Vögel waren im Ofen und sollten zur rechten Zeit gar sein.
Wir hatten wieder einmal unseren kleinen Salon, das Treffen der peregrinatio academica, und ich freute mich sehr auf meine Gäste, obwohl ich doch noch ein wenig erschöpft war von den vorangegangenen Tagen.

Es war wieder Fashion Week in Mailand in den letzten Februartagen und selbstverständlich habe ich die Einladung wahrgenommen. Ästhetische Selbsterfahrung durch Luxus gehört doch einfach zum Leben. Ich mag den Flair dieser Stadt und es gab wieder wunderschöne Dinge zu sehen, zu probieren und zu kaufen. Die Architektur wie die internationalen Gäste tun ihr übriges, so daß man sich nur wohlfühlen kann. Leider hatte ich in dem mir vertrauten Hotel kein Zimmer mehr bekommen können und so war ich im Palazzo Parigi nicht weit von der Scala. 

Ein nobles Haus mit ebensolchen Gästen. Beim Frühstück lernte ich Chiyoko kennen, eine junge, sehr hübsche Frau aus Tokio, die in diesen Tagen für ihre Firma als Einkäuferin auf der Fashion Week war. Am Abend als wir wieder in das Hotel zurückkamen hatte ich noch Gelegenheit ihre zarten, schlanken Hände und ein kleines Muttermal an einer verborgenen Stelle kennenzulernen, als wir uns noch kurz vor dem Essen gemeinsam duschten.
Chiyoko sagte zu als Ehrengast an unserem kleinen Salon teilzunehmen.
Mein kleiner Koffer war noch nicht einmal ausgepackt und die ganzen Einkaufstaschen, die ich aus Mailand mitgebracht hatte standen auch noch herum, als meine Gäste eintrafen.



Es war ein freudiges Wiedersehen mit Cornelius, Joey Dubois, Johnathon und einigen anderen, die hier ich nicht alle aufzählen will. Zuletzt kam Chiyoko mit dem Taxi vom Aiport Lugano.

Meine kleine soubrette hatte alle Hände voll zu tun uns aufzutragen und nahm zwischendurch gerne die Komplimente meiner Gäste, wie die eine oder andere kleine Zärtlichkeit für ihr großes Bemühen entgegen.

Max fragte mich wie ich denn das Resultat der Volksabstimmung hier im Tessin zur sogn. „Durchsetzungsinitiative“ sehen würde, wo doch das Tessin mit gut 60 % dafür gestimmt, der Rest der Schweiz die Vorlage jedoch weitgehend abgelehnt hätte? Nun, einigen meiner Gäste, vor allem Chiyoko, mußte ich zunächst einmal ein wenig erklären, daß es bei diesem urdemokratischen Akt der Schweizer Volksabstimmung darum ging, daß Ausländer selbst beim kleinsten Gesetzesverstoß des Landes verwiesen werden sollten.

Wäre die Initiative vom ganzen Schweizer Volk angenommen worden, so wäre die Folge ein Zwei-Klassen-Recht.

Cornelius, der große Blonde aus Genf betonte noch einmal mit überzogener Geste, daß die knapp 60 %ige Zustimmung der Tessiner zur Folge hätte einen kleinen Apfeldieb ausländischer Herkunft sogleich des Landes zu verweisen.

Nietzsche, sagte Joey Dubois, der großen Wert darauf legt stets mit vollem Namen genannt zu werden, Nietzsche, sagte er nochmals und zitierte: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.“ Ja, diesen Aphorismus kenne sie auch, kam vom Chiyoko und wollte wissen, ob sie Nietzsches Gedanken in Bezug auf das Wahlverhalten der Tessiner Bevölkerung als ein Sich-selbst-Belügen verstehen könne, was alle Anwesenden wie im Chor bejahten und ich fügte hinzu, daß S.Freud das später "Verdrängung" nannte.

Es werde so viel gelogen, sagte Johnathon, am meisten wohl gegenwärtig in Deutschland. Er erinnere sich, daß er im Herbst auf einem Flug nach Madrid in der NZZ, die ja sehr zurückhaltend sei, lesen konnte: „Der in Deutschland in Mode gekommene Begriff der „Willkommenskultur“ ist reichlich verlogen.“

Für die Rückkehr zu einer verantwortungsvollen Politik in Deutschland bedürfe es jedoch eines Nouveau traité de la civilté, qui se pratique en Allemagne parmi les honnêtes gens.

Die Voraussetzung für eine solche Übereinkunft wäre jedoch zunächst einmal eine interpretative community im Sinne von Stanley Fish, doch bestünde hier wenig Hoffnung, denn es ginge darum soziale Dynamiken an kulturell Bewährtem auszurichten als ein reclassement social.

Nun, der Argumentationsparcours für das Wort Lüge und dessen Inhalt scheint unendlich.

In tiefstem Bayerisch meinte Max er „denk do an den Dieter Hildebrandt, der hätt mit dem Roger Willemsen a moi in Köln a Stücker´l aufgeführt. „Weltgeschichte der Lüge“ hot des g´hoassn und do hätt´ der Hildebrandt gemoand: „Die Lüge ist auch ein essenzieller Bestandteil unserer sozialen Intelligenz“. Das mußte ich erst einmal meinen anderen Gästen übersetzten und fügte hinzu, daß das wohl eine kluge Aussage gewesen sei und vielleicht auf manche Volksgruppe übertragbar wäre.

Wie es denn mit den Büchern sei, fragte William, der die Eigenschaft besitzt nicht nur in dieser genießerischen Runde, sondern auch im intimsten Zusammensein die ungewöhnlichsten Fragen zu stellen. In einem Buch erschiene doch vieles als „wahr“ und müsse deshalb noch lange nicht die Realität abbilden. 

Wir einigten uns weit in die Geschichte zurückgehend darauf, daß das Schreiben selbst bei heutigen Autoren noch immer in Zusammenhang mit Platons Gedanken zur Mimesis, der „nachahmende Rede“ und zur Diegesis, der Erzählung, zu sehen ist und, daß das Mystische Zeitalter in dem Schuld, Arglist und Verstellung noch nicht existierten vorüber ist, spätestens seit 1721, als Francisque Molin in Paris: „La boîte de Pandore“ aufführte. Das Stück spielte in einem kleinen Ort wo man zwei Statuen sah: die Unschuld und die Gutgläubigkeit. Was folgte war das Lebenstheater als Theater der sozialen Lebensrealität.


Wir hatten schon einige Flaschen Pinot noir geleert, Chiyoko lehnte von Wein und Truthahn etwas ermüdet und erhitzt, ihren Kopf an meine Schulter und meinte es sei nicht leicht mit der Lüge, und stellte mir unmittelbar danach flüsternd die Frage, ob sie anschließend bei mir schlafen dürfe? Dabei gab sie mir einen kleinen Vorgeschmack als sie die oberen drei Knöpfe ihrer Bluse öffnete, ihr zarter BH von Agent Provocateur sichtbar wurde und sich unter dem zarten schwarzen Tüll ihre festen, die kleinen Brüste dominierenden Brustknospen abzeichneten.
Noch verwirrender wurde unser Gespräch als Cornelius das allseits bekannte Mörderbeispiel von Augustinus ansprach: „Angenommen, es flüchtet sich einer zu dir, den du durch eine Lüge vom Tode befreien könntest. Wirst du dann nicht lügen?“ Nun Augustinus Meinung hierzu ist bekannt. Für uns ergab sich aus diesem Beispiel die Frage wie hier mit einer Notlüge umzugehen wäre und Max in seiner bayerischen Mundart die Frage dahingehend erweiterte, ob eine Notlüge im Falle, daß ein Ehepartner die sexuelle Beziehung zu einer anderen Frau, einem anderen Mann hätte, nicht doch die Ehe erhalten würde?
Ich war der Meinung, daß er mit einer solchen Haltung, einer Notlüge wohl mehr seine Lebenslüge stabilisieren würde. Mir scheint die Menschen sind eher bereit sich etwas selbst vorzulügen als etwas zuzugeben.
Wie es aussieht muß man mit der Lüge leben, mit der Inneren, wie der nach Außen Gerichteten. 

Max erinnerte an Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“. Hier gibt die Lüge die tägliche Hoffnung für das Überleben.

Während unserer zwischenzeitlich heftigen Debatte servierte uns meine kleine soubrette das Dessert: Blaubeer Eistorte mit knusprigem Teigboden und Joey Dubois nutzte die süße Unterbrechung, um zu bemerken, daß der von uns gelebte prosperierende Sex als rein und von jeglicher Lüge befreit zu sehen sei und fügte scherzhaft, provozierend hinzu, ob denn meine Boobs nicht auch eine Art von täuschender Lüge seien? Jean Luc, der wie immer auch an diesem Abend, sehr zurückhaltend war meinte jedoch, daß der bewußt sublimierte Körper mehr die Wahrheit repräsentiere als er eine Täuschung nach außen trage.

Als die ersten Zigarren angezündet wurden meinte Chiyoko, daß fürsorgliche Eltern ihre Kinder doch ermahnen würden nicht zu lügen und ihnen hierzu die Geschichte von Pinocchio erzählten, jedenfalls habe sie das in Italien so erlebt; so sei doch ein Bemühen erkennbar die Lüge als schlecht darzustellen und die Kinder zur Wahrheit zu erziehen. Doch fragte sie hinzufügend, ob jene Kinder hierdurch nicht benachteiligt werden gegenüber anderen Kindern, die die Lüge zu ihrem Vorteil einsetzen und vielleicht sogar von ihren Eltern hierbei unterstützt werden. Und manches Mal ist es Menschen ja auch lieber, wenn sie belogen werden; denke man nur an einen totkranken Patienten, der, obwohl in der Ahnung seiner innerlichen Verfassung, doch gerne von seinem Arzt hört und jener die Härte der Wahrheit lieber verschweigend zu seinem Patienten sagt, daß es ihm gut gehe und er weiterleben solle, wie bisher und auch die meisten der angeblich so romantischen Liebesbeziehungen, die eigentlich schon enden, wenn das erste Kind da ist, denn dann wird geputzt, Windeln gewechselt und die Wäsche gewaschen, würden doch zumindest noch ein paar Jahre aufrechterhalten mit dem verlogenen Argument, es sei halt eine romantische Liebe.
Es war schon wieder spät geworden bei Zigarren, Kaffee und noch manchem Glas Whisky und wir hatten ja alle auch noch etwas Vergnüglicheres vor. Doch war es mir wichtig darauf hinzuweisen, daß es eine zumindest grobe Unterscheidung gäbe zwischen der politischen, nach der Macht strebenden, wie erhaltenden Lüge und jenem Weg, den ich persönlich vorziehe von dem bereits schon Baldassare Castiglione in seinem „Buch vom Hofmann“ schrieb als er die „Verstellung“ geradezu als Grundlage sah für kultiviertes Benehmen. Diese höchst geistreiche wie ebenso pikante Anleitung für ein kultiviertes Leben könnte mancher als Verstellung, ja als Verlogenheit betrachten, doch die Gedanken besitzen noch heute Gültigkeit für unser elegantes Leben, unser „vie galante“.

Ebenso wie Torquato Accetto in seinem 1641 veröffentlichte Buch mit dem Titel: „Die ehrenwerte Verhehlung“ empfehlend schrieb:  „einen „Schleier aus ehrenwerter Finsternis“ über die traurigen Wahrheiten des Lebens zu legen." 

Alles Schöne sei nichts anderes als eine „liebenswerte Verhehlung“ des Todes und der Verwesung.
Doch schon bevor Torquato Accetto sein kleines Buch schrieb, so ist es überliefert, sagte der italienische Philosoph Tommaso Campanella, daß „um die Welt zu retten die Weisen sprechen, handeln und leben müssen wie die Verrückten, „auch wenn sie im geheimen ganz anders dachten“.


Nun wäre es auch eine Lüge gewesen Chiyoko zu sagen, daß ich die nächsten Stunden mit ihr alleine vergnüglich verbringen wollte und die Stunden des Gesprächs bei gutem Essen gehörten nicht nur dem Thema der Lüge, obwohl in dessen Interpretation auch viel Gehirnerotik zu finden war, so quasi als Vorspiel zum darauf folgenden Praktischen.

Es waren wieder wundervolle Stunden und die Zeit verging viel zu schnell. Beim Frühstück war Chiyoko noch ganz aufgeregt von ihren neuen Erfahrungen, die sie in den Stunden zuvor gemacht hatte und auch meine Gentleman befanden sich in einem Zustand zufriedener Entspannung und vollen Lobes für Chiyoko.

Ich konnte in der sich langsam auflösenden Frühstücksrunde die Bemerkung zu unserem nächtlichen Gespräch nicht unterdrücken, ob denn nicht die perfideste aller Täuschungen die Wahrheit sei? So könnten wir in der gegenwärtigen Gesellschaft die Wahrheit als Verschleierung ihrer selbst betrachten, in einer Welt der Lüge. 
Quanto sia bella la verità.

Und zum Schluß noch ein Gedicht von Christian August Fehre:

Der Lügner

Da seht mir nur den kleinen Buben an,
Das wird ein großer Lügner werden.
Er lacht mit schelmischen Gebärden
Auf seiner Mutter Mann
Und ruft: Papa! Papa! aus seiner Wiege
Sein erstes Wort ist eine Lüge.





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