Direkt zum Hauptbereich

ZEIT.geschehen

La forza del destino?

Der Bürgermeister einer mir sehr vertrauten Chiemseegemeinde schrieb einmal im örtlichen Gemeindeblatt, die Menschen mögen nicht so jammern, sie wohnten schließlich in einem Landstrich, in einem Ort, in welchem andere Urlaub machen würden. Vermutlich würde er das heute noch sagen, sofern er noch lebte. 

Doch aus der kleinen Gemeinde am Chiemsee hört man in diesen Tagen sehr viel von Gewalt und Polizeieinsätzen. So war in der Presse am 17.01.2016 zu lesen: „Asylbewerber-Streit sorgt für Großeinsatz der Polizei“, 
am 20.01.2016: „Wieder Großaufgebot der Polizei in Asyl-Unterkunft“ oder 
am 21.02.2016:“ Somalier schlägt mit Stein auf Landsmann ein“. Dieselbe Zeitung, das Oberbayerische Volksblatt, schrieb am  18.02.2016, daß ein früherer Supermarkt in eine Asylunterkunft für 85 Personen „umgewandelt“ wird.


Derzeit ist es zum einen an dem kleinen Ort am westlichen Chiemseeufer noch nicht so warm wie ich es mir wünsche und zum anderen scheint es mir auch nicht mehr sehr friedlich zu sein, daß ich dort zu einem kleinen Osterurlaub verweilen möchte.

Wenn ich nicht unterwegs bin, lebe ich ja auch dort wo andere Urlaub machen. In diesem Jahr habe ich beschlossen über Ostern hier, im Tessin, zu bleiben. Es ist schon richtig Frühling. Heute war ich kurz in Lugano, um mir das jährliche Ostertreiben anzuschauen, wie auch eine liebe Freundin zu treffen. Und im Gegensatz zu manchem Ort in Deutschland gibt es hier noch keine No-go-Areas. 

Ja, solche No-go-Areas gibt es in Deutschland jetzt auch ganz offiziell. 
In der Pressekonferenz am 14.März hat die bundeskanzlerische Oberwillkommensheißerin das selbst gesagt. 

Wenn man es sich zu eigen gemacht hat die verfeinerten Sitten des Lebens zu bevorzugen, dann fährt man dort nicht mehr hin wo die willkommen geheißene chaotische Gewalt jetzt die traditionell zivilisierten Strukturen auflöst.

Wie in den vergangenen Jahren stehen an Ostern in Lugano kleine Marktzelte und Straßenmusikanten geben dazwischen ihr typisches Liedgut zum Besten, immer ein wenig mit Herz-Schmerz verbunden, wie es eben so die italienische Art ist. Alles sehr bescheiden, folkloristisch das Tessin repräsentierend, was aber bei den Einheimischen wie den zahlreichen Besuchern aus der Nordschweiz freudig angenommen wird. Da kommt man so ins Nachdenken über das Osterfest. 

Gerade in diesen Wochen und Monaten der Verwirrungen und Irrungen in Verbindung mit den zuziehenden Personen, vor allem in Deutschland. Mit dem Nachsinnen stellen sich Begriffe ein wie: Demokratie, Werte und Glaube und vielleicht ist es grundsätzlich immer wieder einmal gut sich hierüber Gedanken zu machen.
Die verbindende Gemeinsamkeit der drei Worte scheint mir das „Haltgebende“ zu sein, wobei der „Glaube“ eine persönliche und sehr intime Kraft darstellen kann, während die „Werte“ und die uns vertraut erscheinende „Demokratie“ gesellschaftlich stabilisierende Begrifflichkeiten sind, welche man aktiv unterstützend in sein Leben integrieren, oder auch nur die Gesetze akzeptieren kann, um in seinem ganz persönlichen Leben unbehelligt zu bleiben.
So katholisch erzogen tauchen wieder Kindheitsbilder auf vom Osterfeuer, welches in der Nacht vom Karsamstag zum Ostersonntag vor der Mitternachtsmesse entzündet wurde. 

Als Kind war es faszinierend, eine Art Lagerfeuerromantik mit Kerzenweihe ohne jedoch um die dahinterstehende Symbolik zu wissen.
Es ist der Wesensgehalt dieser Nachtwache (mater omnium vigiliarum), das Hinüberwechseln von Trauer (Fasten) zur Freude (Agapefeier), die Dynamik des Übergangs von der Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben.
Historisch gesehen ist die Entwicklung jener „Nacht der Nächte“ vom Jerusalemer Ostervigil des 4./5. Jahrhunderts, wie sie die galizische Nonne Egeria nach einer Pilgerreise schilderte, bis heute nahezu gleich geblieben und ganz persönlich kann ich dem Ritual Respekt und Bewunderung entgegenbringen, da es den Menschen schon über so viele Jahrhunderte Halt und Hoffnung, aber auch eine Art Ordnung gab, die sie in sich selbst nicht finden oder schaffen konnten.

So über die Zeit betrachtet scheint mir der „Glaube“ und hier das kraft-wie sinngebende Osterfest mit seinen sich jährlich wiederholenden Ritualen von größerer Bedeutsamkeit in Bezug auf „Haltgebung“ als die oben ebenso angesprochenen Begriffe „Werte“ und „Demokratie“, die gerade in diesen Zeiten oft in Anspruch genommen werden, jedoch einer Wandelbarkeit unterliegen, die, wie mir scheint, auch gerne zur Durchsetzung persönlicher Interessen mißbraucht wird.

Der in diesen Wochen so viel beschworene Begriff „Werte“ hingegen scheint mehr manipulierend eingesetzt zu werden.

In der „WELT“ vom 15.11.2015 war zu lesen: „Prominente Katholiken aus CDU und CSU sehen es kritisch, dass Bundeskanzler Merkel ihre Flüchtlingspolitik mit den christlichen Werten ihrer Partei verteidigt.“
Der Bundesinnenminister de Maizière meinte ja : „Wir erwarten die Wahrung unserer Werte“
und Reinhard Müller von der FAZ schreibt nach den Brüsseler Anschlägen: “Wertegemeinschaft gegen den Terror“.

Wenn man den Ausführungen von Prof. Dr. Konrad Fees folgen wollte, der sagt: „De facto gibt es keine Grundwerte, weder in der Politik, noch in der juristischen Fachsprache, noch in der Pädagogik“, wäre die Disskusion schnell zu Ende. Ich bin "Werten" ja sehr zugeneigt und lebe sie gerne.
Ungeachtet der Pauschalaussage von Herrn Fees und den populistischen Äußerungen mancher Politiker und Journalisten, sich wieder einer seriösen Betrachtung des Begriffes „Werte“ zuneigend, kommt man schnell zu der Masloẃschen Bedürfnispyramide, der Bedürfnisse den „Werten“ gleichsetzt. Johannes Heinrichs erweiterte das Wertstufenmodell und damit kann ich gut leben. 

Bei dem zahlreichen Wertegeplappere von Seiten der Politik stelle ich mir doch die Frage, ob das nicht vielmehr der Ausdruck des Niedergangs der Gesellschaft ist, da Politikern, wie Bürgern der Mut fehlt sich zu einer klaren Moral zu bekennen?


Zum letzten Begriff, der „Demokratie“ ist mein Empfinden sehr erschüttert.
Die von den Aliierten nach 1945 verordnete Demokratie und dem sich zaghaften darin Üben, vielleicht bis Novenber 2005, ist einem Sozialismus nach DDR Vorbild gewichen, was ich schmerzhaft und in voller Ablehnung zur Kenntnis genommen habe. Demokratie ist und bleibt für mich stets mit Freiheit verbunden. Im US Kinofilm „2Guns“ sagt einer der Darsteller: „Wir leben vielleicht in einer freien Marktwirtschaft, aber noch lange nicht in einem freien Land.“ Das mag sehr plakativ sein, doch beschreibt es gut den demokratischen Zustand des neuen Deutschlands. 
Unter Berücksichtigung, daß sich es bisher bei der Betrachtung von „Glaube“, „Werte“ und „Demokratie“ um Begriffe handelt, die sich auf unseren christlich geprägten,
westeuropäischen Kulturkreis beschränken, die Begriffe höchst unterschiedlich interpretiert werden und zur Erhaltung unserer Kultur eine Konsensfindung im Vordergrund stehen sollte, drängen sich nun seit Monaten Millionen aus Ländern in denen nicht die geringsten demokratischen Spielregeln vorherrschen, deren Werte vordergründig darin zu bestehen scheinen Frauen zu bespringen mit den Worten: „So Allah will“ und anschließend die Vergewaltige fragen „ob es ihr gefallen hat“, deren Glaube eine Hirtenreligion ist; sie bewegen sich in den westeuropäischen Raum, bevorzugt nach Deutschland, da sie von einer Bundeskanzlerin eingeladen wurden.
Und kaum angekommen stellen die Ankommenden Forderungen. Der syrisch-stämmige Schriftsteller Rafik Schami sagt in der FAZ vom 15.03.2016, daß Philosophen wie Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, sowie der Dramatiker Botho Strauß, wie auch deutsche Intellektuelle den Islam hassen würden und zu feige seien, sich mit der arabischen Kultur auseinanderzusetzen.
Welch´ Anspruchsdenken! Ich bin in der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Kultur ausreichend und lebensfüllend beschäftigt und so empfinde ich auch keinerlei Verpflichtung mich mit Allem und Jedem auseinandersetzen zu müssen.

Ich hatte noch eine Verabredung, so ein Date kann man hier noch ganz normal von einer Telefonzelle aus machen.
Eine junge Frau bat mich um ein Gespräch, da sie sich schon seit Jahren mit einem wohl schlechten Gefühl zu ihrem Vater quält. Gefühle ohne Erinnerungen können sehr belasten, viel Energie in Anspruch nehmen und man kommt doch nicht weiter. Väter leben ja doch manchmal eine Art Doppelleben gegenüber ihren Töchtern und entdecken deren Sexualität nahezu zeitgleich wie sie selbst. Wir haben uns für ein freudiges Wiedersehen in ihrem Hotel getroffen.

So etwas kenne ich auch von anderen Frauen, daß die frühen sexuellen Erfahrungen oft ohne Erinnerung bleiben und es geht nicht immer so aus wie bei Heinrich von Kleists Erzählung - “Die Marquise von O“.

Hier lesen wir: “In M, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O, eine Dame von vortrefflichem Ruf und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen, daß sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle und daß sie aus Familienrücksichten entschlossen wäre, ihn zu heiraten.“
Der Philosoph Slavoj Zizek sagt hierzu: 
„Die Heldin hat nicht die geringste Erinnerung an den sexuellen Akt: Es gibt keine neurotischen Symptome, die seine Verdrängung signalisieren würden (weil, wie wir von Lacan wissen, daß Verdrängung und die Rückkehr des Verdrängten ein und dasselbe sind). Mehr als einfach verdrängt, ist das Faktum des sexuellen Aktes verworfen.
In Men in Black haben die Geheimagenten, die gegen die Aliens kämpfen, eine kleine bleistiftartige Blitzmaschine, die sie benutzen, wenn nicht autorisierte Personen Aliens begegnen: Sie blitzen die Leute mit ihrer Maschine an und die Erinnerung an das, was in den letzten Minuten geschah, wird völlig gelöscht (um ihnen die traumatischen Nachbeben zu ersparen)“.

La forza del destino ? Nein, ich glaube nicht.

Womit ich auch wieder beim österlichen Gedanken, dem Wesensgehalt der Nachtwache wäre, dem Hinüberwechseln von stiller Trauer zur Freude, der Dynamik des Übergangs von der Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben und man muß bei solchen Gedanken nicht katholisch sein.

Ich denke, wir werden noch schöne Tage hier haben.


Kommentare