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Ephemere

 Amour de soi

Träumerisch betrachtest du dich im Spiegel und genießt deine angenehme Erscheinung bis sich dein Blick in den Augen deines Spiegelbildes trifft, von dort den nackten Körper hinabwandert und dann beinahe unausbleiblich im Zentrum deines Körpers verharrt. Eine Provokation!

Du verspürst Lust dich selbst zu berühren, dich zu erregen, das Unterschwellige lockend beginnst du deinen Reizen zu folgen: knospig, rund und schwelgerisch breiten sie sich vor dir aus. Jede Faser begehrt, ist durstig, ist willig und von Hingabe durchdrungen: offen, bloß, weit und wunderschön. Du bist dir eine rosige Freude in der täglichen Zeitlichkeit, du fühlst dich lebendig und du magst dich, badest in der sinnverwirrenden Atmosphäre Deiner überraschenden Erinnerungen: 







Damals auf dem Pferd als deine Gedanken schneller kreisten als sich das Karussell drehte und du mehr ahnend als wissend die Hitze zwischen deinen Beinen entdecktest. Der leuchtend rote, glatte Holzsattel bot freundlichen Widerstand als du mit jeder weiteren schwindelerregenden Umdrehung in der großen gewölbten Zunge hin und her gleitend deinem eigenen Rhythmus folgtest und sich die Welt um dich herum zu bunten Farbflecken verwirbelte, der Ritt durch deine neuen und unerforschten Empfindungen jedoch immer klarer, eindeutiger, lustvoller wurde bis der harmlos-blumige Slip, die culotte Petit Bateau,  durchfeuchtet war. 

Noch im Ohr das Knuspern, Brechen und Knacken beim ersten Biß in den glasierten Apfel, jener unerhört roten Frucht dargeboten einer neben dem anderen und genadelt wie ein Insekt im gläsernen Schaukasten, dem der süße, klebrige Mund so gerne folgte und du noch heute an deinen vollen Lippen naschst, die nun chanelrot und feucht von der kindlichen Phantasie diesen köstlichen Moment von Neuem zeitigen, wenn sich der sirupartige, zuckrige Geschmack abermals im Mund verteilt.

Dann war da noch das seltsame Klirren der Ketten an den kleinen Stühlchen des Kettenkarussells mit dem harten Eisenstab als Riegel, um dich sicher an Ort und Stelle gebunden zu fühlen, wenn aus dem leichten Schaukeln der Stühle ein heftiger Taumel wurde und dich das immer schneller wirbelnde Karussell so sehr bewegte, vom leidenschaftlichen Strudel davongetragen, fühltest du dich leicht und mutig, daß du deinen Rock im Wind flattern ließest, entblößt und dennoch verborgen in schwindelnd luftiger Höhe drehtest du dich mit all den anderen um dieselbe kleine, bescheidene Achse. In dieser besonderen Welt wurden Körper und Kette, Sitz und Sinne flirrend je länger die Drehungen andauerten, je schneller dich die Kraft nach außen drückte, bis ins Äußerste gedrängt, umso mehr brauste der Wind, Deine Schenkel streichelnd und wünschend, daß allein der Luftzug zum vollen Genus gereichte, um dann nach viel zu kurzen, luftigen Kreisen angekommen zu sein auf dem kindlichen Jahrmarkt der Gefühle von Weiblichkeit.

Im Imaginarium Deiner Erinnerungen mit dir spielend, der  Zeit entwischend gibst dich nur dir selbst für solche extravaganten Momente, erblickst Dich im Spiegel, unverstellt, nah, warm, weißt du wer du bist, spürst es & denkst dich neu.


Satt und zufrieden lasse ich mein Spiegelbild zurück und ein wenig matt lege ich mich auf´s daybed, wo noch das halbvolle Glas Apfelsaft, die nicht zu Ende gerauchte Zigarette liegen, der ungelesene Brief von Camille und ein Buch von Jean Jacques Rousseau. Ja, Rousseau, 250 Jahre alte Gedanken aus der Vergangenheit, nicht nur deshalb er war in den zurückliegenden Minuten weit weg gewesen, was auch gut so war,  wenn er auch bei näherer Betrachtung garnicht so weit von meiner eigenen Wirklichkeit entfernt ist, sich quasi in die Gegenwart hineindenkend präsent. 
Er spricht vom Akt der "amour de soi", jener Art von Selbstliebe, die der Mensch mit dem vernunftunbegabtem Tier gemeinsam hat. Sie, die ausschließlich einem selbst dient, sei von Natur aus gut und nicht schädlich, zumal sie nicht mit Eigennutz auf Kosten anderer verbunden ist und in ihr das Gefühl enthalten ist, sich nicht im Vergleich zu und mit anderen, sondern sich einzig und allein in sich selbst als absolute und wertvolle Existenz, zu begreifen und und damit Wohlbehagen gibt.


Er stellt die "amour de soi" jener Art von Selbstliebe gegenüber von der Thomas Hobbes spricht, der "amour propre", in der die Meinung über sich selbst davon abhängig ist, was andere Leute denken, und die sich somit nur mit und in der Gesellschaft realisieren läßt. 
Was denkt wohl meine kleine soubrette darüber, die mich immer noch auf dem behaglich warmen Leder vorfindet, meinen Gedanken nachhängend und ins Zimmer kommt, um es für den erwarteten Gast zurecht zu machen und mir dabei ihre neuesten Neuigkeiten erzählt?
Sie liebt die Geschichten von anderen zu hören und, wenn es nichts Neues von Freundinnen, Verwandten und Nachbarn gibt, dann erzählt sie von ihrem Hund, der ihr so wichtig ist, weil man einen Bernhardiner Hund im Tessin selten zu sehen bekommt, was sicher nicht nur mit dem allgemein mangelndem Bewußtsein für Qualität zusammenhängt, da hier auch keine anderen Hunderassen in der Öffentlichkeit zu sehen sind. Der Hund bedeutet für sie allein schon wegen seinem Fell und seiner Größe geschenkte Aufmerksamkeit, die sie als Italienerin gewöhnt ist und schnell vermißt. Ich vermute ja, daß ihre große Zuneigung zu dem Hund noch einer anderen Art der "amour de soi" geschuldet ist...



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