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ZEIT.geschehen

Naked Truth

Auf meinem kleinen Schreibtisch stapeln sich die Bücher mit heraushängenden Einmerkern für die Stellen an denen es gilt noch einmal zu lesen, wie eine nicht mehr zu überblickende Anzahl meiner kleinen gelben Notizzettel mit allerlei Kurzgedanken und ich befürchte die Übersicht zu verlieren. In den vergangenen Jahren waren die etwas ruhigeren Tage des Januar stets eine gute Gelegenheit wieder eine gewisse Übersichtlichkeit herbeizuführen.

Doch in diesem Jahr komme ich irgendwie nicht dazu, bin ständig unterwegs oder habe liebe Gäste in meinem Haus und so bin ich gerade aus Paris zurückgekommen. Meine kleine, zärtliche Soubrette ist noch damit beschäftigt meinen kleinen Koffer wieder auszuräumen und die kleinen Teilchen wieder an ihren Ort zu bringen, die Wäsche für die Reinigung zu sortieren und die vielen Einkaufstüten, die ich mitbrachte in meine Zimmer zu bringen, wobei sie natürlich nicht widerstehen kann schon vorab einmal hineinzuschauen.

Wir waren eine illustre kleine Gesellschaft und hatten das Vergnügen der Couture Fashion Week beizuwohnen. In diesen Tagen ist es wundervoll in Paris. 

Maurice hatte für uns eine großräumige Suite vorbestellt, wo ich mit meiner Entourage in zwei Etagen im Mandarin Oriental wohnen konnte. Die Rue Saint-Honoré gleich neben dem Place Vendôme ist sehr zentral gelegen und so ist es eine kurzweilige Freude für kleinere Einkäufe jene besonderen Geschäfte aufzusuchen, in denen man die Dinge finden kann, die es unsereinem ermöglichen dieses Leben noch ein klein wenig lebenswerter empfinden zu lassen.


Für mich ganz persönlich war der Höhepunkt Giorgio Armani und ich war den ganzen Nachmittag über schon sehr aufgeregt, gespannt und unruhig in Erwartung der Show. Armani Privé, das ist noch Schneiderkunst, das ist Handwerk vom Feinsten!

Am darauffolgenden Mittwoch, noch ganz unter dem Eindruck der vorangegangenen Stunden bei Giorgio Armani und all der Bilder des Abends, die ständig wieder vor meinen Augen vorbeizogen, bin ich nach dem Frühstück, um wieder ein wenig zu mir zu finden, ganz alleine zum Petit Palais gegangen am Jardin des Tuileries entlang; da kommt man wieder etwas zur Ruhe, wie zum Nachdenken.

Den gleichen Weg bin ich vor fast einem Jahr schon einmal gegangen, auch in einer freudigen, gespannten Erwartung, denn ich war auf dem Weg ins Petit Palais, um die Ausstellung: „Les Bas-fonds du Baroque“ zu besuchen und noch heute lebe ich sehr von den Bildern, die ich dort sehen durfte, wie auch von der besonderen Atmosphäre der Räume, die mir jedes Mal ein Gefühl vermitteln, das mich erkennen läßt, daß dieses kleine Leben doch etwas ganz Besonderes ist.

Die außergewöhnliche Überraschung bei der Ausstellung im vergangenen Frühling im Petit Palais war, daß ich unerwarteter Weise, gleich als ich den Raum betrat, dem Barberinischen Faun gegenüberstand, jener erregenden Skulptur, die mich schon so oft bewegte bei meinen Aufenthalten in München die Glyptothek aufzusuchen.

Die Nachbildung des Barberinischen Fauns in Paris war für einen Laien, wie mich, nicht zu unterscheiden vom Münchner Original und ich schaue das Kunstwerk sowieso unter einem ganz anderen Blickwinkel an.

Viele, die an ihm vorbeigehen werden vermutlich in amüsierter Weise an einen antiken, schlafenden Arnold Schwarzenegger denken, doch wenn man es zulassen mag, erinnern nur seine geschlossenen Augen an den Schlaf. Sein Muskelspiel in dieser lasziven Pose provoziert; nicht nur den Blick, der unweigerlich im Zentrum des Kunstwerks verharrt - seinem Gemächt, in seinen gegebenen schlummernden Möglichkeiten, seiner Latenz, ganz und gar nicht nur im philosophischen Sinne. Paul Klees Satz: "Dem gleich einem weidenden Tier abtastenden Auge des Beschauers sind im Kunstwerk Wege eingerichtet." kam mir unweigerlich in den Sinn.
Wenn auch mit geschlossenen Augen, so scheint er uns Frauen in seinem Nacktsein unentwegt sagen zu wollen: Berührt mich ! Es wird nicht zu eurem Schaden sein.


Im Nacktsein scheint ein Verderbnis zu stecken, das schon in der biblischen Überlieferung des Sündenfalls beschrieben wird. Adam und Eva schämten sich nicht der Tat vom Baum die verbotene Frucht genommen zu haben, sondern vielmehr ihrer Nacktheit, die sie in Folge des Sündenfalls erstmals wahrgenommen haben und bedeckten sich mit einem Feigenblatt. Doch über all die Jahrhunderte übte die Nacktheit eine Faszination aus, die auch heute noch ungebrochen ist und ich kenne mich da wirklich aus.

Mit der Nacktheit ist es wie mit der Wahrheit. 

Wenn auch nicht nach meinem Geschmack so habe ich sie schon sehen können, die nackte Wahrheit, im Reservoir Park in St. Louis, Missouri. Mit ihren etwas zu breit geratenen Hüften und dazu passenden Oberschenkeln auf einem Tuch sitzend, in den weit ausgebreiteten Armen jeweils eine Fackel haltend, mit versteinertem Blick. Eben die nackte Wahrheit, die nackt sein muß, aber keines Falls erotisch, was die Wahrheit in der ihr eigenen Klarheit, wie Schönheit erscheinen ließ.

Nacktheit, wie auch die Wahrheit scheinen noch immer schwer erträglich.

Das Bemühen um die nackte Wahrheit in ihrer Klarheit ist in der Kleinbürgerlichen Welt, in der Selbstsicherheit primitiver Biederkeit und Gemütlichkeit verfälscht, verniedlicht infolge geltungsbedürftiger Bequemlichkeit. Die eigene Stammtischwahrheit ist schnell zurechtgebastelt und bei der Nacktheit nimmt man was man erreichen kann, die Auswahl in der unmittelbaren Umgebung ist beschränkt und Geld gibt man nur ungern hierfür aus, um seinen Horizont zu erweitern. Dann schon lieber für ein neues Handy.

So ganz persönlich bevorzuge ich ja die Klarheit hierzu in jeder Beziehung, denn das gibt mir das Gefühl von Aufrichtigkeit.

Wie Sie sehen können habe ich kein Problem mit dem Nacktsein und habe mein kleines Schwarzes fallen lassen, für Sie. 
Wie ich auch eine große Freude daran finden kann nach der Wahrheit zu suchen und sie anzuerkennen.

So aus ci­ne­as­tischer Sicht lief 1996 den Film: „Die nackte Wahrheit“ in den Kinos. Die Verfilmung der Lebensgeschichte von Larry Flynt, dem Herausgeber des Hustler Magazins, in welchem wir sehen konnten, daß in den USA die Meinungsfreiheit zumindest vom obersten Gerichtshof ganz oben angesiedelt wird.

In der Kunst ist das Zusammenwirken von Nacktheit mit der Wahrheit in unzähliger, wie vielfältiger Weise anzutreffen und so ganz spontan denke ich hierbei an Salvador Dali und das Bild mit dem Titel: “Meine nackte Frau bei der Betrachtung ihres eigenen Körpers“, wogegen die Theologie größere Spielräume zuläßt. So sagte Dr. Dorothea Wendebourg, Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin:
„Der Werke Gottes gedenken ist keine nackte Betrachtung dieser Werke, sondern heißt, ihm dafür immer Dank sagen...“

Das ist eben Glaubenssache und so will ich mich bei der Betrachtung zur Nackten Wahrheit wieder Seriöserem, der Philosophie, zuwenden im Bestreben eine Einheit herbeizuführen ganz im Sinne von Elisabeth Gerber und ihren Ausspruch:

„Die Philosophie ist eine Edelhure, deren nackte Wahrheit ihren Preis hat.“

In der Literatur ist hierzu zahlreiches zu finden, so habe ich erst vor einiger Zeit das Buch „Das nackte Denken“ des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy gelesen. Sehr empfehlenswert.

Zahlreiche Philosophen haben sich mit ihr auseinandergesetzt so ganz heftig: la vérité nue et crue.

Sören Kierkegaard schreibt in seinem Tagebuch: „...Was nützte es mir, daß die Wahrheit kalt und nackt vor mir stünde, gleichgültig dagegen, ob ich sie anerkennte oder nicht ...? Worauf es ankommt, ist nicht die Masse von Erkenntnissen, sondern das innere Handeln des Menschen.“ und auch Ludwig Feuerbach spricht die „unverhüllte, pure, blanke Wahrheit“ an. Herder schreibt in seiner Untersuchung zur Philosophie im 18. Jahrhundert: „Den Körper der Gedanken unter einer Vertugade zu verstecken, als ihn wie unter einem durchschimmernden Gewande angenehm hervorschimmern zu lassen.“ Er wollte es einfach wissen!

Und ebenso wollte Rousseau nichts von der Verschleierung wissen, wie sie ja heute von der deutschen Politik so gepflegt wird, denn in seinen „Einsamen Spaziergängen“ schreibt jener: „... die Wahrheit ohne Schleier sehen, und die Armseligkeit der Kenntnisse, worauf die Menschen so stolz sind, erkennen wird.“ 

Gotthold Ephraim Lessing fühlt sich ebenso der Wahrheit verbunden in seinen Gedanken: „Die Wahrheit hat noch bei jedem Streite gewonnen. Der Streit hat den Geist der Prüfung genährt, hat Vorurteil und Ansehen in einer beständigen Erschütterung erhalten; kurz, hat die geschminkte Unwahrheit verhindert, sich an Stelle der Wahrheit festzusetzen.“
Und schlußendlich sollte man Nietzsche nicht vergessen, der in „Die fröhliche Wissenschaft“ vor sich hin dachte: „Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen?"

Bibliotheken sind gefüllt mit Gedanken zur nackten Wahrheit und vielfach unbeachtet liegen dort die Bücher, denn manches Mal könnte sie auch weh tun, die splitternackte Wahrheit («stark naked truth»).

Neuerdings konnte ich ja auch zur Kenntnis nehmen, daß sie gar verhüllt wird. Da kommt der iranische Präsident Rohani nach Italien und schon wird die Nacktheit eingesargt in Rom. Eine Selbstverleugnung der nackten Wahrheit, die Aufgabe der eigenen Identität, die in Deutschland umgehend Nachahmer gefunden hat, wo man die Entfernung der Nacktheit, das Wegschließen von Kunstwerken zugunsten der Islamis hochoffiziell „Interkulturelle Sensibilität“ benennt. 

In Deutschland will man nichts mehr wissen von der nackten Wahrheit. An ihre Stelle hat man neuerdings die Moral gestellt, deren Handhabung leichter ist, da sie je nach politischem Tagesbedarf neu für das Volk gestrickt werden kann. 

Die Grundvoraussetzungen für ein Gemeinwesen wovon J.Habermas in seiner Theorie des kommunikativen Handelns spricht: “Wahrheit, Richtigkeit, Wahrhaftigkeit“ sind von der Politik aufgegeben worden. Hat sich der Staat damit nicht delegitimiert?

Ich werde jetzt häufiger die Münchner Glyptothek besuchen, diese schönen und ruhigen Räume der Kultur und ein klein wenig Wehmut überkommt mich bei dem Gedanken, daß in naher Zukunft die mir vertraute Kultur die Welt nicht mehr verändern wird. 

Es wird neuerdings eine Kultur des Spektakels bevorzugt; Teddybär Verteilen am Münchner Hauptbahnhof als kurzlebiger Moralevent.

So bleibt abzuwarten wie lange der Barberinische Faun in der Münchner Glyptothek unbedeckt bleibt. Bis es soweit ist will ich ihn so oft wie mir möglich ist, besuchen. Vielleicht wird sich die Geschichte wiederholen, wie damals in Rom, als sich der Faun noch im Palast der Barberini auf dem Quirinal befand und ich wünsche mir zu den wenigen zu gehören, die Zugang haben werden, wie damals der Jurist Hieronymus Tetius, der von ihm sagte: 

„.....denn in der Tat, wenn du aufmerksamer hinschaust, wirst du die spitzen Ohren nach Art der Tiere zwischen den Efeuranken und der Mähne gewissermaßen ungewollt hervorbrechen sehen, und du wirst den Schwanz wie zusammengedrückt unter demselben Oberschenkel und sich dann und wann bewegend erkennen“. So schön.........

Wo Kultur zur reinen Unterhaltung wird, als flaches Entertainment einer Gesellschaft, ist alles egal, die Nacktheit, wie die Wahrheit.

Als ich wieder von meinem kleinen Spaziergang in die Rue Saint-Honoré zurückgekehrt bin, hörte ich bei einem kleinen Kaffee auf meinem iPod noch Claude Debussys „Prélude à l‘Après-midi d‘un faune“, um mich anschließend der Hochkultur meiner Gentleman hinzugeben, als nackte Wahrheit, die es ermöglicht sich vor den Widrigkeiten zu schützen, wie größere Freude zu empfinden, jedoch in jedem Fall weniger zu leiden.

                                      Und zum Schluß noch ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe

                                                                      Für euch sind zwei Dinge 
                                                                      Von köstlichem Glanz: 
                                                                      Das leuchtende Gold 
                                                                      Und ein glänzender Schwanz
                                                                      Drum wißt ihr euch, ihr Weiber, 
                                                                      Am Gold zu ergetzen
                                                                      Um mehr als das Gold 
                                                                      Noch die Schwänze zu schätzen.


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