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Ephemere



Carne vale!
Ich werde morgen wieder unterwegs sein, nach Luzern. Eric ist dort im Schloßhotel und würde gerne die Abendstunden zwischen Anregung - Entspannung und Sinnengenuß mit mir verbringen. Das bedeutet ein bißchen außergewöhnliche soin corporel. Dazu ist ein warmes Schaumbad mit einem Glas frischem Orangensaft genau das Richtige und eine feine Gelegenheit meinen Gedankenlaunen nachzugehen.

Mit den derzeit zu erwartenden karnevalistischen Aktivitäten würden wir auch in Luzern kaum Berührung haben, obwohl ja die eine oder andere folkloristische Veranstaltung durchaus ihren flüchtigen Reiz haben kann, wenn man nur schon an die heißen Nächte in Rio denkt. 

Das Luzerner Fastnachtstreiben, wie im Allgemeinen die Faschingsgepflogenheiten des Nordens, sind ja von eigener kultureller Prägung und für mich nicht mit dem Carnevale zu vergleichen. Die Zeit vor der katholischen Fastenzeit ausgiebig zu feiern, nebst der spielerischen Freude zur außergewöhnlichen Verkleidung sind ihre augenfälligste Gemeinsamkeit. Das ist aber auch schon alles.

Ja, vielleicht noch die in der Kostümierung für kurze Zeit verwirklichte Aufhebung und Umkehrung existierender Klassenschranken - Privilegien für alle - was schon in den vorchristlichen der Feiern der Saturnalien dem Volk für kurze Zeit zugebilligt wurde. Und das war noch vor Macchiavellis "Il principe"! Aber ansonsten ist diese Maskerade einfach nicht reizvoll.


Für mich sind die Bilder zum Carnevale in Venedig die treffendste Allegorie. Sie verbinden sich in einer schönen Erinnerung als ich mit Maurice und Julie letztes Jahr in Venedig war; beide wollten unbedingt nach den morbiden Tagen ihres Herbsturlaubs in Venedig die anziehende Stadt noch einmal in einer anderen Stimmung erleben, bevor sie sich ernsthaft mit einer Immobiliensuche dort beschäftigen wollten. So planten wir kurz entschlossen einen Kurztrip dorthin, von mir aus keine vier Stunden Fahrt.

Zusammen im Vito ließen wir es uns gut gehen, Maurice chauffierte, Julie rauchte und wir unterhielten uns über die Veränderungen in Europa durch die zunehmende Entkultivierung mittels bürokratischer Gleichmacherei, aber auch über Sinnliches, wie die Lust an Selbstdarstellung und Selbstgestaltung. Das aufregende Spiel mit sich selbst, um das uns Maurice als Frauen beneidet, weil wir allein schon äußerlich viel größere Spielräume hätten denn er als Mann. Die einzige Regel, die uns als Frau Grenzen setzt sei, seiner Meinung nach, die uns selbst eingeräumte Freiheit, die wir gewillt sind uns zuzugestehen. Ansonsten stünden uns gerade in diesem Jahrhundert phantastische Möglichkeiten zur Verfügung, durch Selbstmodifikation und Rollenvielfalt die sozialen Spielräume in unterschiedlichen Lebensphasen auszuprobieren, die zwar Ab- und Ausgrenzungen der Umwelt nach sich ziehen würden, aber zugleich auch der eigenen Selbstvergewisserung dienen könnten. Nicht zuletzt könnten, seiner Meinung nach, Spielfreude, Selbstbezogenheit, sowie dadurch entstehende Distanzierungsmöglichkeit die Unordnung der Welt erträglicher machen. Mit derartigen Manifestationen verging die Fahrzeit nach Venedig sehr schnell und wir waren auch ohne weitere bemerkenswerte Zwischenfälle an.

In der Kühle der Dämmerung tauchte ich mit meinem Wintermantel - dankbar für die große weich fallende Kaputze - dessen italienische Herkunft wie gemacht war, um ins Venedig des Carnevale zu passen, vollkommen in die einnehmende Atmosphäre der geheimnisvollen, engen Wege mit Treppen und Brücken ein. 

Maurice mit Mantel und Hut, und Julie in ihrem langen Mantel, der die Schultern und den Oberkörper bis zur Taille betonte, so daß ihre Brüste gut zur Geltung kamen, um dann mit einem glockigen Teil genau jene schwingende Silhouette zu erzeugen, die der Mode der Renaissance angelehnt ist, gaben einen schönen Anblick. Sie waren auch ein attraktives Paar.


Dennoch war wohl auf den ersten Blick zu erkennen, daß wir mit den Wegen unvertraut waren, denn wir hatten die Orientierung verloren und wußten überhaupt nicht mehr wie die Pizza San Marco zu finden ist, der zentrale Punkt für die Neuausrichtung unserer promenade, die Julie auf den Spuren Casanovas nach einem Besuch im Caffè Florian fortgesetzt wissen wollte. Wir standen etwas unschlüssig da, bis ich von einem Mann  berührt wurde. Ein Mann in ein dunkles, weites Cape mit weißer Halbmaske und Dreispitz gekleidet, was einen die Phantasie in den Gassen Venedigs mit ihrer nächtlichen, leicht nebligen Stimmung  gerne zu sehen Glauben machen möchte - also eine Person in der Maske der Bauta.
Das phantastische Abbild eines eleganten Mannes faßte mich keineswegs auf auch nur irgendeine erdenkliche Weise an; so eine derbe Geste hätte die gesamte Kostümierung zunichte gemacht, wäre bestenfalls Ausdruck jener Verdrehung von Klasse und Zugehörigkeit gewesen, die den Kostümträger nur demaskiert hätte.

Nein, es war vielmehr eine galante Attitüde der Ehrbekundung, die er mit einer Handbewegung so eindeutig zu setzen wußte, daß sie unmißverständlich als Einladung zu jenem Eingang zu verstehen war, wohin sich seine gesamte Erscheinung wortlos ausgerichtet hatte. 
Im gelben Lichtkegel stand der eine Flügel der feinen Holztüre offen und  dahinter verlor sich der Lichtschein in einer bloßen Andeutung von Verheißung.

Seine Augen, sein intensiver Blick luden in den verführerischen Gang ein. Es ist diese Art der Energie, die durch die Augen den Weg ins Körperinnere findet und den subtilen mehrdeutigen Wunsch nach Fortsetzung und Intensivierung auslöst, Schwingungen hervorruft, die sich höchst angenehm im gesamten Leib ausbreiten und dort auf überraschend angenehme Weise wirken, ja erregen. Sie verschmelzen mit dem Begehren und der Bereitschaft sich dem Unerwarteten hingeben zu wollen, was immer es auch sein mochte.

Ich war derart fasziniert, daß ich meine beiden Begleiter bewegen konnte sich mir anzuschließen. Wir betraten durch einen schmalen Gang ein großes Treppenhaus von dem sich dann im ersten Stock, wiederum durch einen eigenen Eingang getrennt, eine ganze Welt voll historischer Pracht in Stuck, Samtvorhängen und Kronleuchtern mit einer kleinen, geschlossenen Gesellschaft an Kostümierten eröffnete. 
Die Grazie mit der man sich hier bewegte war Ausdruck eines historisch gewachsenen Selbstverständnisses, so wie es bereits bei der Ankunft in Venedig bei manchem der Kostümdarstellern zu entdecken war, der in seiner ihm eigenen Eleganz die Selbstdarstellung der Stadt widerspiegelte.

Hier erfuhr es in der Kulisse des Raumes, mit der Wärme und dem Gelächter, dem Stimmengewirr und der endlosen Bewegtheit der Darsteller und Tanzenden eine weitere Steigerung. Die FestTeilnehmer wirkten wie künstlerische Kreationen. Phantastisch! In höchsten Maß bedeckt und dennoch in größtem Maß exhibitionistisch.

Leider hatte ich den geheimnisvollen Mann, der die wortlos kultivierte Einladung ausgesprochen hatte, aus den Augen verloren. Vermutlich hatte er ein Rendez- vous mit einer jener Damen, die die "stilisierte Form der Selbstfeiern" zum "Selbstzweck der Erlebnisproduktion für das einzelne Individuum" zu verstehen wußte.

Julie, Maurice und ich hatten noch einen wunderbaren Abend mit reichlich euphorisierender Wirkung aufgrund der dargebotenen Getränke, so daß wir dankbar waren sans difficultés ins Hotel zu gelangen. Im Danieli verbrachten wir noch gemeinsam bis in den frühen Morgen Stunden der Lebendigkeit im fortgesetztem Strom der phantastisch fremden Bilder, die wir alle von dem privaten Fest zuvor noch in uns trugen und unseren Phantasien dienten.

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Kaffeehaus mit Caffè, Cornetto und einem herrlichem Ausblick auf die piazza, traten wir die Rückfahrt an. Trotz einer nicht zu leugnenden kurzen Nacht glich die Rückfahrt einem Karneval der Ideen: von der Authentizität und Historie der Kostüme, bis zur pragmatischen Immobiliensuche diskutierten wir, alle noch von den subtil farbigen Bildern der Nacht ergriffen und in Hochstimmung, die unterschiedlichsten Themen. 
Julie als Kulturhistorikerin war besonders angetan von der unerwarteten Lebendigkeit und Vielzahl der vorgefundenen typisierten Masken, die sie auf dem Fest gesehen hatte.

Bauta und Tabarro von Männern und Frauen gleichsam getragen, waren dem venezianischen Stadtadel im 18. Jahrhundert  standardisiertes Anonymisierungsmittel und entfalten bis heute eine bemerkenswerte Wirkung.

Ich fragte mich noch im Nachhinein, ob ich mit einem Mann oder einer Frau mein Glas erhoben hatte? 
Venedigs wunderbare historische Kulisse, das Selbstverständnis der Akteuere und die allegorische Wirkung der Masken gestatteten mit Leichtigkeit eine perfekte Inszenierung von Traumwirklichkeiten. Manch einer mag geneigt sein hier von Täuschung und Betrug  zu sprechen.

Na und?  Spielen wir nicht jeder jeden Tag auf´s Neue mit einer Art typisierter Maske, um die Gefühle einer Rolle besser zum Ausdruck zu bringen, was in gelingender Darstellung dann die "persona" auszeichnet? Und  gestalten wir nicht damit unser „Sichamüsieren"?

Wie in meiner Heimat dieses Jahr die Faschingsfeierlichkeiten, nach Silvesterköln und vor Faschingsköln am gras mardi aussehen mögen, mit den zahlreichen flüchtigen Zaungästen, wird in meiner Phantasie mehr an eine Wiederauflage  der Lupercalien erinnern, denn an ein Hochfest des Kulturfortschritts.

Maurice, Julie und ich haben uns hervorragend vergnügt, was in dem großen Strauß aus weißen Calla mit dem Kuvert - von beiden unter anderem mit ein paar persönlichen Zeilen - seine bildliche Entsprechung fand. Mein Hausmädchen wird die Blumen versorgen.





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