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ZEIT.geschehen

Warning! Perception requires participation!


Bisher gab es hier im Tessin kaum Schnee, doch es ist kalt und so habe ich die Anregung der beiden charmanten Herren, die gerade bei mir zu Besuch sind, gerne wahrgenommen zum einen ein kleines Stück weiter in den Süden zu fahren, und zum anderen wieder ein wenig Kultur aufzunehmen.

Francis hatte mir mit wenigen Anrufen alles Notwendige schnell arrangiert und so dauerte es keine 2 Stunden bis wir im Auto saßen.
Nach der absolut überflüssigen zeitlichen Verzögerung zwischen Caslano und der Autobahnauffahrt Lugano, bedingt durch die der Tessiner Folklore zugehörigen Stauveranstaltung, waren wir schnell auf der Autobahn nach Mailand, um dort bei einem Kaffee und wenigen kurzen Blicken in die neuen Auslagen der Geschäfte, eine kleine Pause zu machen.
Nach einer weiteren kurzweiligen und höchst amüsanten Autobahnfahrt, war es auch an diesem Abend wieder wunderschön über die Via Forlanini, die Piazza Donatello und die Via Giuseppe Giusti das Four Seasons in Florenz zu erreichen. 
Die Nacht war äußerst prickelnd mit Stefan und Francis und ihr Entgegenkommen auf wirklich allen Ebenen sagte mir, daß sie dies ebenso empfunden hatten. So waren wir am Morgen beim Frühstück doch etwas ermüdet und schweigsamer.

Anlaß für die kurze Reise war die PITTI UOMO, die in diesen Tagen wieder stattfand und die beiden Gentlemen waren doch schon etwas aufgeregt, wie ich eben auch. 
Ich sehe mir die neuen Trends der Männerbekleidung immer wieder gerne an und die Models wissen ja wirklich wie man sich in solcher Kleidung bewegt.

Es sind jene kleinen und leider immer weniger werdenden Räume der gepflegten Zivilisation und Kultur, die das Leben so lebenswert machen. 
In solchen Augenblicken ist der scheußliche Anblick von den Gehenden und Sprechenden - meist in schwarzer Plastikbekleidung vom Massendiscounter wie H&M oder Zara - schnell vergessen.

So hatte ich Gelegenheit in Begleitung meiner beiden Herren einige Veranstaltungen
zu besuchen. Das weiche Tuch klassischer Männerbekleidung ist alles andere als langweilig und kann "Frau" begeistern, was ich dort auch wieder erleben durfte. Florenz war in diesen Tagen die Hochburg der europäischen Modekultur für den gepflegten Herren. Die europäische Schneiderkunst ist unerreichbar für die ewig vom Countrystil belasteten amerikanischen Modeversuche und all die amerikanischen Einkäufer vor Ort haben es auch verstanden.


Die Damenmode, das habe ich bei meinem Kurzaufenthalt in Mailand schon zur Kenntnis nehmen können, bewegt sich ja auf Grund der Islamisierungsbewegung in unserem Europa auf zweifelhaftem Terrain. In aller Klarheit zeigen das Dolce & Gabbana in ihren Auslagen und meinen wohl mit ihrem Versuch Kopftuch und schwarzes Überkleid laufstegfähig zu machen. Wie ich in der "Welt" lesen konnte hält sie solche einfältig naiven Geschmacklosigkeiten für einen "netten Beitrag zur Kulturverständigung"; die NZZ schrieb hierzu: "Religion schneidert mit" und beendete ihren Bericht mit der treffenden Bemerkung: 

"offenbar glauben sie immer noch, dass männlicher Respekt für die Frau mit der Anzahl geschlossener Knöpfe an ihrer Bluse zu beeinflussen ist. Auch Frauen haben zuweilen ein fragwürdiges Männerbild.


Und da das Thema gegenwärtig die Runde zu machen scheint, will ich noch Hugo Müller-Vogg ansprechen, der unter der Überschrift: "Münchner Einzelhändler und Hoteliers finden die Burka richtig schick" in Klarheit schrieb: "Die Kapitalisten werden den Islamisten noch die Burka verkaufen, in der sie die westliche Zivilisation erst multikulturell kostümieren und sie dann im Namen der Toleranz unterminieren."

Nun ja, Dolce & Gabbanas Konzept war schon immer mehr darauf ausgerichtet mit schnellem Effekt viel Geld zu verdienen und die hohe Schule der Schneiderkunst stand stets im Hintergrund. Sie spekulieren vermutlich auf jene Kreditkarten, die gegenwärtig noch sorgfältig in den Lagern versteckt werden.
Das soll es ja auch geben und man geht am Besten, wenn man sich selber gegenüber aufrichtig bleiben will, dort nicht mehr  hin.

Auch, wenn Florenz nur wenige Autostunden von meinem Wohnsitz entfernt ist, fiel mir auch dieses Mal der Abschied wieder schwer.

Auf der Rückfahrt überraschte ich Stefan und Francis mit meiner Bitte ein wenig von direkten Route abzuweichen, und so ein ganz klein wenig nach Rechts abzuzweigen, nach Mantua, was die beiden sehr überraschte, denn sie konnten mit dem Ort so rein garnichts anfangen.

Ich erzählte Ihnen, daß ich gerade wieder das schöne Büchlein «Il Cortegiano» von Baldassare Castiglione zu lesen begonnen hatte und Castigliones Geburtsort Casatico gleich bei Mantua läge, den ich mir gerne einmal anschauen würde. Mein Anliegen rief keine große Begeisterung hervor, doch bogen wir bei Modena rechts ab und wie soll ich es sagen, na ja, viel zu sehen war dort nicht und ich kann jetzt gut verstehen, daß Castiglione seine Erziehung am Hof Ludovico Sforzas in Mailand erfahren hat.

Stefan war der Meinung es sei für jeden Mann wichtig «Il Cortegiano» zu lesen, doch Casatico müsse man nicht zwingend kennen und ich wollte ihm hier wirklich nicht widersprechen.
Der Gentleman der Renaissance, der cortegiano, welchen Castiglione beschreibt, war stets eine seltene Besonderheit, doch eine wohltuende Bereicherung die, wenn man das Glück hat einen solchen in seiner Nähe zu wissen, man stets zu schätzen weiß.

Als die FAZ noch Stil hatte und sich nicht nur ausschließlich mit dem neuen, deutschen Elend beschäftigte, schrieb einmal unter der Überschrift "Raffinement vs. Reglement" - "Er ( der Gentleman ) repräsentierte einen sozialen Typus, der seinen Platz in den Freiräumen hatte, welche die höfische Kultur des Humanismus formte: wo in erster Linie Bildung, Geist und Umgangsformen Unterschiede bedingten."

Wenn ich, was hin und wieder notwendig ist, durch München gehe, so ist wohl die Mehrzahl der Männer der Ansicht in einer Art unablässiger, jovialer Anschmeiße in beständiger Outdoorbekleidung, in einer wohl nie zu Ende gehenden, spasmodischen Kindlichkeit zu allen Abenteuern bereit, etwas Männliches darstellen zu wollen, was jedoch mit einem Herrn nicht das Geringste zu tun hat.
Galanterie ist ihnen ein Fremdwort und oft scheinen sie sich nur noch wenig von ihren neu zugezogenen Mitbürgern zu unterscheiden, die durch die augenblickliche Kälte bedingt noch in ihren Lagern hausen und sich ihrem "branlant et se branlant" ergeben.

Wenn ich mich noch recht erinnere, sagte Jacob Burckhardt in seiner Vorlesung "Über das Studium der Geschichte": 
"Eine Eigentümlichkeit höherer Kulturen ist ihre Fähigkeit zu Renaissancen. Entweder ein oder dasselbe oder ein später gekommenes Volk nimmt mit einer Art von Erbrecht oder mit dem Recht der Bewunderung eine vergangene Kultur teilweise zu der seinigen an."

Mich überkommen jedoch größte Zweifel hierzu, ob es den deutschen Bürgern in absehbarer Zeit gelingen könnte eine solche Renaissance herbeizuführen, wie ich ebenso der absoluten Überzeugung bin, daß Burckhardts Ergänzung "...oder ein später gekommenes Volk nimmt mit einer Art von Erbrecht oder mit dem Recht der Bewunderung eine vergangene Kultur teilweise zu der seinigen an." auf die gegenwärtig einfallende Islamlawine nie zutreffen kann.

Offensichtlich gibt es ja eine nicht geringe Anzahl von Menschen, die die Selbstzerstörung ihrer eigenen gering geschätzten Kultur, zu der sie selbst offensichtlich noch nie einen positiven Beitrag geleistet haben, noch als humanitären Akt verstanden wissen wollen und ihren "cultural turn" noch als chic verkaufen.

Stefan erinnerte noch an Tocquevilles Bemerkungen "Über die Demokratie in Amerika" in denen er treffend feststellte: » Leute, die noch am alten Glauben festhielten, fürchteten die einzigen zu sein, die ihm treu blieben, und da sie die Absonderung mehr als den Irrtum fürchteten, so gesellten sie sich zu der Menge, ohne wie diese zu denken. Was nur die Ansicht eines Teiles der Nation noch war, schien auf solche Weise die Meinung aller zu sein und dünkte eben deshalb diejenigen unwiderstehlich, die ihr diesen trügerischen Anschein gaben.« So erscheint es gegenwärtig auch mit dem, was man in Deutschland unter dem Begriff Meinungsfreiheit verstanden wissen will.

Jetzt wieder zurück nach solchen wundervollen Tagen haben wir noch einen vergnüglichen Abend vor uns und Francis meinte, meine kleine, fleißige Soubrette sollte uns doch ausnahmsweise Gesellschaft leisten.

Ich weiß noch nicht, aber ich liebe diese kultiviert schlüpfrigen Nächte.

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Ach ja, zum Schluß noch ein kleines Gedicht.

"Clarille auf den Tod Ihrer Frau Mutter"

Ich hätte nicht vermeint, daß sie so bald verrecke,
Da ihr das Klebebier noch in der Gurgel stecke.
Was hilfts, das Leben ist wie meine Jungfernschaft:
Durch einen kleinen Stoß ist beides hingerafft.

Wer gibt mir künftig Geld, die Röcke zu verbrämen,
Wo soll ich Strümpf und Hemd, wo die Fontange nehmen?

Ach Andres, lieber Herr, weil die Frau Mutter tot,
So gib mir einen Mann und hilf mir aus der Not.




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