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Ephemere


Zwischenzeit 

Für die Weihnachtstage hatte ich eine Einladung von Dominique erhalten, in eines dieser hochgelegenen Bergdörfer in Graubünden, nach Juf, die höchst gelegene ganzjährig bewohnte Siedlung der Schweiz, dort wo wild romantische Natur und Wintersonne für Erholung in der Stille sorgen können. Dominique liebt solche besonderen Orte, was möglicherweise mit seiner beruflichen Tätigkeit zusammenhängt - er gestaltet professionell Erlebnisse - und da ist so ein Aufenthalt in der Einsamkeit ja die passende Form der Erholung. Ich wäre da seiner Meinung nach die ideale Begleitung, um sein Ansinnen nach Entspannung und stillem Hochgenuß zu vervollkommnen.

Eine Zusage zu einem solchen Ausflug, der sich abenteuerlich anhörte, zumal sich die Anfahrt in einem Merzedes-Benz G unterhaltsam gestaltet und uns ein hübsches Berghotel erwartet hätte, könnte sämtliche zauberhafte Ideen weihnachtlicher Sentimentalität auf den Punkt bringen, aber ich wollte Weihnachten nicht in einer Schneekugel verbringen. Nicht schon wieder Koffer packen! Noch nicht schlüssig, ob ich professionelle Tage mit einem charmanten Gentleman in der Höhenluft verbringen will, kam mir Chiaras Einladung in den darauffolgenden Tagen zu einem gemeinsamen Abendessen als spontane und unkonventionelle Alternative gelegen.

Wir sind uns vor Wochen bereits begegnet als ich sie in ihrer Apotheke aufgesucht hatte und hatten uns auf Unbestimmt verabredet. Ihre formlose Einladung klang vielversprechend; kein explizit feierlicher Anlaß sollte unserem Treffen dienen, sondern einfach die Lust einer attraktiven, möglicherweise interessanten Frau zu begegnen mit nicht zu übersehenden Signalen der Sympathiebekundung, deren Grenzen auszuloten ein Vergnügen sein könnte. Chiara suchte offensichtlich Kontakt zu mir, was ich ihrem Redebedürfnis und der mehrfachen Einladung sie doch einmal zu besuchen entnahm.

Als ich vor Chiaras kleinem Palazzo stehe, dessen schöne Fassadengestaltung samt seinen Formsteinen und Gesims schon in völlige Dunkelheit getaucht sind, empfängt sie mich zu unserer kleinen, privaten soirée an der schweren doppelflügeligen Holztüre, noch bevor ich den schweren Messing Türklopfer bedienen kann. Ich darf davon ausgehen, daß sie mich bereits in der Türkamera hat kommen sehen; ihren Hund, von dem Chiara mir schon erzählt hatte, habe ich jedenfalls nicht bellen gehört.
Mit ihrem sympathischen Lächeln begrüßt sie mich auf´s Herzlichste - Küßchen hier und Küßchen da auf die Wange, nimmt mir meinen Mantel und den mitgebrachten Blumenstrauß ab, und geleitet mich ins Eßzimmer. Es ist ein großer Raum, der zum einen die Küche beherbergt und zum anderen mit einem großen, langen Glastisch samt einem passend kühl modernem sideboard eingerichtet ist.

Dort bittet sie mich am Bartresen Platz zu nehmen, der den übrigen Raum von der Küche trennt, wo wir zusammen mit einem fein gekühlten Sauvignon blanc auf unser Wiedersehen anstoßen, ergänzt durch eine kleine Gaumenfreude, AvocadoToast mit Riesengarnelen.Wie konnte sie nur wissen, daß ich sie besonders gerne mag?

Gleich zu Beginn läßt sie mich wissen, daß ihr Mann den heutigen Abend nicht mit uns teilen wird; er ist Verleger und, da sich der Firmensitz in Süddeutschland befindet, wird er die längere Fahrt hierher erst in den kommenden Tagen antreten. 

Nach den unterhaltsamen Details ihrer kleinen weihnachtlichen GeschenkeOrgie von Ehemann, Mutter und Schwester aus deren Schilderung mir nur noch die Tasche von Miu Miu mit Metallkette und Stepmuster in Erinnerung ist, die als Trophäe auf dem sideboard steht, beginnt Chiara ein Gespräch darüber, daß sich für sie die Tage zwischen den Jahren jedes Mal besonders eigenwillig anfühlen: eine Zwischenzeit oder, vielmehr wie ein Herausfallen aus der allgemeinen in eine EigenZeit.

Unternehmerisch ist das zurückliegende Jahr für sie abgeschlossen.
Emotional ist es meist eine gefühlsbetonte Rückschau; letztes Jahr war die Renovation des Hauses, meist ohne auf die Entscheidungsfreudigkeit ihres Mannes zurückgreifen zu können, besonders kräftezehrend, wenn sie auch manche escapade amoureuse als Entschädigung dabei mitnehmen konnte. 
Körperlich ist es für sie ein behaglicher Schwebezustand, da die Körperdisziplinierung ihre Auszeit feiert. Obwohl Chiara eine gute Figur hat, macht sie mir nicht den Eindruck als würde sie den Rest des Jahres in dauergestreßter  Körperkasteiung verbringen, jedenfalls nicht auf dem sportlichen Sektor....
Geistig ist diese merkwürdige Zeit im "Dazwischen" für sie von einer inneren Unruhe gefärbt: Vergangenheitsbewertung und Zukunftsvision treffen besonders hart aufeinander, zumal das neue Jahr in seiner ganzen Fülle auffordernd vor ihr liegt. Ja, dabei ich gebe ihr recht, daß die dunkle Jahreszeit zusammen mit dem Jahresbeginn für das seelische Gleichgewicht besonders herausfordernd sind, wenn die Partylaune gewichen ist und sich Alltagsstimmung einstellt

Deshalb will sie neben den Neuerungen für´s gemeinsame Haus mit ihrem Mann, Ingo, dergleichen nun auch auf ganz persönlicher Ebene einführen, aber sie weiß zunächst noch garnicht womit sie beginnen soll. Offensichtlich bin ich ihr ein willkommener Zuhörer, dem sie sich so offen anvertrauen kann, weil sie davon ausgeht - da ich nicht von hier bin -, daß ich ihre Problematik diskret behandle und sie sich nicht unter ihresgleichen herumsprechen wird.

Ich deutete an, daß es für den Zustand, den sie schaffen will, eine treffende Beschreibung von Luhmann gibt, dessen Name wie Gedanken ihr unbekannt waren, der davon ausgeht, daß man kreative Impulse besonders dann erhält, wenn eine "eher passive Offenheit gegenüber Zufällen in der Systemumwelt " besteht. 

Gedanklich gefällt mir die contrakausale Analogie zum physikalischen Impulserhaltungssatz, der die Wechselwirkung  mit der Umwelt zwecks Energieerhaltung ausschließt. Wir sind eben keine geschlossenen Systeme! Wir sind dynamische Systeme; wir können uns verändern.

Chiara wehrt ab, sie würde sich nicht als kreativ ansehen. Sie möchte einfach nur nach all den sachbezogenen Veränderungen auch in ihrer Gefühlswelt mehr Lebendigkeit und Vielfalt spüren. Ihrer Vorstellung nach ist Kreativität der Prozeß vieler einsamer Stunden eines Genies in grenzenloser Schaffenskraft, dessen Ergebnis sich dann in einem plötzlichen Einfall oder einer Problemlösung ungewöhnlicher Art zeigt. So etwas kennt sie von sich nicht. Vielmehr ist sie schon seit längerem in einer Art unbestimmter Ahnung, daß es Zeit sei etwas zu verändern. Ob ich so etwas nicht kenne, einen Zustand leichter, latenter Unzufriedenheit?

Wir sitzen uns nun schon einige Zeit am Bartresen gegenüber verbunden durch intensives Zuhören, Sprechen und gleichlaufendem Fühlen, so daß ich mir gestatte ihr ein erstes Mal vertraulich die Hand auf ihren Arm zu legen: “Ja das kenne ich auch, dieses nichts Näheres wissen. Zugleich bewertest Du bei solch einer Sichtweise Deine eigenen Möglichkeiten, Dein tatsächliches Potential zu gering. Wenn man Kreativität als komplexes neuropsychologisches Phänomen betrachtet, in dem neue, gedankliche Verbindungen oder verschiedene Kategorien des Lebens gesucht werden, sie verstehen lernt, auszudrücken versucht oder es gelingt sie zusammenzuführen, hat Kreativität in jedem Leben Platz, im jeweils persönlichen Format."

Chiara erzählt von ihren seltenen Momenten, in denen sie alleine einen Film anschaut und dabei ausgetauschte Berührungen beobachtet, die sie so nachempfindet als wäre sie selbst angefaßt worden. Dabei streichle ich erneut ihre Hand als sie uns noch einmal Wein nachschenkt, was sie mit einem bedeutungsvollem Blick und einem Lächeln erwidert.
Dann erzähle davon, daß sie mit ihren Empfindungen von hoher Sensibilität sich in guter Gesellschaft befinden würde: Kandinsky, und Franz Liszt  wären auch Synästhetiker gewesen. Kopfnickend bestätigt sie mir Kenntnis von Kandinsky zu haben, da sie erst vor kurzem die Ausstellung Paul Klee und Wassily Kandinsky in Bern besucht hatte.

Beide, wie manch anderer Künstler und Erfinder, hätten ihre besonders vernetzten Wahrnehmungen für Ihre Arbeit einsetzen können. Inzwischen hat der technische Fortschritt die Visualisierung ermöglicht, so daß die gleichzeitige Aktivierung verschiedener Gehirnareale die gesteigerte Ideenproduktion verdeutlicht, womit die Fixierung auf eine einzige Problemlösung gelockert wird. 
Ihre ausgeprägte Sensibilität ist so gesehen der beste Hintergrund für eine gelingende Lebensveränderung, zumal sie sich offenbar schon auf dem Weg dorthin befindet.

Innerlich fühle mich ich bestätigt, daß es interessant sein könnte diese gut aussehende, einmal sehr androgyne Frau, die jetzt in Gesicht und Körper etwas weiblicher geworden, kennenzulernen, zumal ich sie in einer Lebensphase antreffe, die sie für Neues offen sein läßt, was mich ermutigt die LustSpielräume für das mich betreffende plaisir auszuloten. 

Chiara ist sichtlich guter Stimmung. Gemeinsam sitzen wir inzwischen am festlich gedeckten Eßtisch und werfen uns gegenseitig bei Steinpilzrisotto mit Kaninchen allerlei spielerische Spekulationen über den Reisanbau im Tessin und die Tradition der Kleintierhaltung zu. Eine Gelegenheit um sich über die historisch noch nicht weit zurückliegende Armut im Tessin auszutauschen, sowie über manche befremdliche Eßgewohnheit, wie den Verzehr von Katzenfleisch. Gute Güte Katzenfleisch? War es vielleicht im Essen oder ein besonderer Scherz ?
Unser köstliches Essen war von Chiaras Haushälterin bestens vorbereitet und sie wird morgen sicher die Spuren davon diskret beseitigen. Angenehm verwöhnt begeben wir uns nach dem Essen der größeren Behaglichkeit wegen in die Bibliothek. Auf dem Weg dorthin hängt sich Chiara bei mir am Arm ein, legt ihren Kopf an meine Schulter und führt mich beschwingt durch den kühlen Gang. 
Im Gegensatz zum Eßzimmer, das im modernen Stil gehalten ist, hängen hier schwere Vorhänge an den Fenstern, ein Lüster, Stuck ziert Wand & Decke, nebst einem auffällig großen Spiegel und alte Möbel tragen zahlreiche Bücher. Die Atmosphäre ist warm, ätherisch bis floral, was sich in Chiaras Duft widerspiegelt, der mir angenehm auffällt als ich neben ihr am Kamin stehe, wo wir uns von der wohltuenden Wärme einnehmen lassen und unsere leichte Konversation unter weiterem Weinvergnügen fortsetzen. 

Mit einer etwas unbeholfenen Berührung meines Kleides unter der vordergründigen Absicht das Leder befühlen zu wollen, neigt sich Chiara mir zu, was ich mit einer leidenschaftlichen Beschreibung von Leder und nackter Haut, die einander so ähnlich sind, daß man nach einer Weile nichts mehr von der Bekleidung zu spüren glaubt, erwidere. Dabei streiche ich ihr über die kurze Haare in undercut, fühle mich von der gelungenen Mischung aus burschikosem Haarschnitt und femininem Gesicht sehr angezogen und gebe ihr einen zarten Kuß auf die Stirn.
Ach, "es ist notwendig sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die Zeit, in der wir leben, vergessen kann." zitiert Chiara Ludwig II. als er den Bau von Schloß Herrenchiemsse in der kalten, unwirtlichen Bergregion veranlaßte. Chiara zitiert Ludwig II? Ja, sie war bei ihrem Besuch auf Herrenchiemsee so beeindruckt gewesen, daß sie sich den Satz gemerkt hatte, der ihr soeben eingefallen sei.

Daraufhin frage ich sie, ob wir einander auch die Zeit unvergeßlich machen wollen und uns miteinander vergnügen? 

Als hätte sie darauf gewartet, bindet sie ihr Kleid auf, der feine Kaschmir gleitet fließend zu Boden und mit einem strahlenden Lachen setzt sie sich mir zu gefallen auf der Ledercouch in Pose. 

Vollkommen in himmelblaue Wäsche getaucht sind die kleinen Brüste mit einenTriangle  geschmückt. Jener vermag kaum die großen, kräftigen Knospen zurückzuhalten, die sich unter der Spitze abzeichnen. Die Beine von hellen Nylons geziert perfektionieren mit ihrem dunklen Haar und Teint den traumhaften Kontrast von hell-dunkel. Die feinen Gesichtszüge mit der bemerkenswert wohlgeformten Nase sind ein wenig angestrengt von der für sie neuen Herausforderung - so hat sie sich, darf ich unterstellen, bisher keiner Frau gezeigt, und wenn auch etwas schüchtern erfüllt sie gerne meinen Wunsch sich aufrecht vor den großen Spiegel zu setzen, um sich genußvoll zu berühren.

Ich habe inzwischen ihr gegenüber auf dem Fellstuhl vor dem Kamin Platz genommen und schaue ihr gespannt, erregt zu. Der Anblick eines wohlgeformten Frauenkörpers ist mir zwar vertraut, aber dennoch jedes Mal ein besonderer Genuß. 

Dabei streichelt sie sich abwechselnd auf und unter ihrem Slip, vorsichtig und bedächtig, immer wieder meinem Blick suchend, verlangend, was mich bewegt auf sie zuzugehen.

Während ich mich hinter sie stelle, damit wir uns beide im Spiegel betrachten können, stimuliere ich ihre festen Knospen mit meinen Fingerspitzen, die immer noch unter dem duftigen Dreieck von Stoff verborgen liegen.

Ein zärtlicher Kuß in ihren Nacken, eine sanfte Berührung hier, eine unbekannte, aber längst geliebte Ahnung dort, flüsternde Worte der Ermunterung und unsere sich im Spiegel berührenden Blicke lassen uns in der Wärme des Ambiente und gegenseitigen Zugetanseins einander erregen, daß sie sich vor dem Spiegel, die Beine weit geöffnet, ihrer amour de soi  hingeben kann  - in meinem Beisein und Zutun. In der exquisiten Atmosphäre, voll von Lust, Spannung und Begehren, fühlt sie sich zunehmend freier, daß sie ihr Spiegelbild und mich vergessend, sich selbst gibt. Dabei lasse ich mich von ihrem schönen Anblick stimulieren, was mir vielversprechende Gefühle bereitet. 

Das Knistern zwischen uns ist noch spürbar als wir aneinander geschmiegt zusammen auf der Ledercouch sitzen und uns liebkosen; schamhaft und dennoch beherzt sucht Chiara mich an meinen unbedeckten Stellen zu berühren, was ein Leichtes ist, da ich nur ein Lederkleid ohne Ärmel trage. Mit einer scheuen Geste entfernt sie eine Haarsträhne aus meinem Gesicht und gesteht mir dabei, daß sie sich schon lange nach intimer Nähe zu einer Frau sehnen würde. In zunächst dezenter dann heftiger werdenden Einfühlsamkeit spüren wir einander nach, bis wir uns an den intimsten Stellen berühren und einen nassen Schoß haben.

Erschöpft und unbeschwert liegen wir noch einige Augenblicke schweigend vor dem wärmenden Kamin bis Chiara noch in Euphorie des soeben Erlebten, erneut über sich zu sprechen beginnt: 

Sie sei jetzt überrascht, daß sich ihr Wunsch nach körperlichen Vergnügen mit einer anderen Frau so schnell und außergewöhnlich erfüllt hätte. 

Wenngleich ihr einiges, worüber wir gesprochen haben, neu war, und ihr auch unsere unterschiedliche Kulturation nicht entgangen ist - schließlich ist sie als Italienerin mit einem gewissen Talent für´s süße Leben besonders bevorzugt - kennt sie solche Gegensätze schon aus der Beziehung zu ihrem Mann, Ingo. Doch trotz der Unterschiede oder vielleicht wegen ihnen ist ihr meine Gegenwart so angenehm, weil sie sich von mir ohne Einschränkungen und Verurteilung angenommen fühlt. Immer wieder hat sie sich Gedanken gemacht, ob sie sich so ein Vergnügen mit einer anderen Frau gestatten könnte. Nun ist es einfach geschehen. 

Vor meinem Aufbruch nehmen noch einen Kaffe mit Mousse au chocolat und scherzen über die Mehrdeutigkeit von „felix culpa“, der Lehre von der seligen, weil heilsnotwendigen Schuld. Ein herrlicher Begriff für wilde Mutmaßungen zu ausgelebten Lüsten, den Freuden des Übermaßes beim Essen und dem kleinen Kaufrausch. 

Am nächsten Tag bringt mir mein Hausmädchen einen persönlich übermittelten Brief mit den Zeilen:

Liebe Be, für den unvergleichlichen flair, den das erotische tête-à-tête mit Dir auf meiner Haut hinterlassen hat, eine kleine Duftnote des Dankes. 
Deine Chiara 

Anbei lag ein Fläschchen meines Lieblingsgduftes; sie weiß, daß ich Armani trage.

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