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ZEIT.geschehen

Es ist die dunkle Jahreszeit, Anlaß mal wieder das Unglaubliche zu kultivieren, oder?

Vor ein paar Tagen, genauer gesagt am 8.12 war hier auch einer jener kantonalen
Märchentage.„Immaculata“, die unbefleckte Empfängnis Mariens und in den darauffolgenden Tagen bis Weihnachten und Hl. Dreikönig setzen sich ja solche „Märchentage“ gesellschaftlich institutionalisiert und dicht aufeinanderfolgend fort. Diese romantischen Tage lassen einen wirklich manchmal glauben, daß die Menschen glücklicher wären.

Doch selbst in der Isoliertheit des Tessins kann ich mich nicht vollkommen der Sorge entledigen, die mich befällt, wenn ich die stündlich wechselnden Meldungen in den Online Medien zur Kenntnis nehme, in denen permanent, wie "krampfend" an der neuen gesellschaftlichen Realität meiner Heimat gebastelt wird. Sozusagen der weihnachtliche Strohsterne Bastelwahn für den Islam, inszeniert von dieser Person mit postoraler Prägung.

Ich bin auf dem Weg nach Lugano und eine gespannt, freudige Erwartung scheint sich in mir auszubreiten, je näher der vereinbarte Zeitpunkt für meine zweite Verabredung mit René kommt, in Erinnerung an den äußerst vergnüglichen Abend den wir miteinander verbracht hatten und wir uns erst zu fortgeschrittener Stunde getrennt haben.

Der Fußweg ins Zentrum von Lugano ist in mehrerlei Hinsicht steinig: die vielen Stufen, die das Gefälle vom Bahnhof hinunter ausgleichen sind in meinen Schuhen wenig erquicklich und all meine Schritte vom Parkplatz bis zum See werden per Video von den kantonalen Überwachern aufgenommen.




Ohlala, beinahe hätte ich mir bei dem Gedanken meine neuen High Heels auf dem abenteuerlichen Abstieg ins Zentrum der kleinen Stadt ruiniert. Zugleich erreicht mich die Nachricht von René, daß sich seine Termine zeitlich in die Länge ziehen, so daß ich ihn bitte nicht auf unserer Verabredung für heute zu bestehen, und im Augenblick vielleicht lieber die Vorfreude auf unser nächstes Wiedersehen zu genießen. Wir verabschieden uns jahreszeitgemäß mit den Festtagswünschen und ich habe einen "freien Tag".
Das Gedränge zur Weihnachtszeit ist groß und steht in völligem Gegensatz zu der inzwischen prägenden Leere dieser, architektonisch schönen Stadt am Lago di Lugano.

Menschen in den erstaunlichsten Bekleidungsstilen pflügen sich entweder in Sportkleidung mit Abzeichen der Stammeszugehörigkeit - RL und dem riesigen Abbild eines Pferdes  - durch die engen Gassen, behelmte Kleinstkinder  auf Rollern werden von Mami bespaßt, damit er durchhält, der kleine Racker und den langen Weg durch´s Kaufparadies schafft, Gruppen von Jugendlichen sitzen draußen dort, wo im Sommer die Touristen ihr Risotto löffeln. Hier kann man rauchen, gemeinsam "abhängen" und sich Handynachrichten in Echtzeit zukommen lassen.

Außerdem ist Mensch vollbepackt mit Einkaufstüten, deren Logo unmißverständlich auf den jeweiligen Geldbeutel des Trägers schließen lassen. Die simple Manifestation des Grundes warum man sich in der Stadt versammelt; man will ja schließlich Handel treiben, sehen und  gesehen werden.Erfreulicherweise zelebriert sich manche Frau sichtlich selbstgefallend mit zierlich kleinen Schritten von Kopf bis Fuß in chices Tannengrün gekleidet oder jetzt auch gerne in WeihnachtsRot. Der Anblick von Frau in AbsatzSchuh und Pelz ist immer wieder das leise Aufschimmern eines traditionell klassenbewußten Kleidungsstils, der für Auge und Seele angenehm ist.

Ich verspüre da überhaupt kein Bedürfnis nach der neuen Normalität, die da lautet :" Lieber nackt als Pelz", im Gegenteil, ich bin für beides beides zugleich! Ich bevorzuge Pelz auf nackter Haut zu tragen. Die naturhafte Wärme von Pelz, die sich an jener Stelle als Kontrast entfaltet, wo sie fehlt, das Gefühl, wenn die Haut von den feinen Pelzhärchen gestreichelt wird, schafft diese Mischung aus wohliger Geborgenheit und Sexyness, weil sich die ursprünglichste Aufgabe von Bekleidung, zu wärmen und zu bedecken, mit dem kulturellen Vergnügen von Schönsein verbindet, indem sich ein modisches Accessoire angenehm an den Körper schmiegt. Man sollte sich die schönen Seiten des Lebens jederzeit gönnen.

Für mein Date wollte ich besonders attraktiv sein und habe mich nur mit hauchzartem Stoff verhüllt, der das Notwendigste an den richtigen Stellen bedeckt. Leider kriecht die Kühle der Jahreszeit unter die Kleidung, die auch der darüber geworfene Mantel nicht abhalten kann.

Ich gehe ins Cafè, zu Nadja. Sie ist Mitinhaberin des Cafès in dem man wegen der räumlich herbeigeführten Zweiteilung noch rauchen darf. Das ist architektonisch sogar ganz gut gelungen, wenn man gläserne Trennwände als Ausdruck von "Maß und Maßlosigkeit" zweier Lebensweisen akzeptabel findet. Trotz Erfüllung der Gesetzesvorlagen hatten die örtlichen Behörden Nadja das Leben schwer gemacht, wollten grob die neue Prohibition durchsetzten. Aber hier entscheiden bisweilen weniger nüchterne Anwälte über Aufschwung und Niedergang als die Zugehörigkeit zu bestimmten Clans und den damit verbundenen Hebeln von Macht und Ohnmacht. Vermutlich war da ihr Partner und Geschäftsmitinhaber hilfreich, der zu den Patrizier Familien zählt, denn Nadja hat wie soviele Schweizer einen Migrationshintergrund, was man ihr anhand ihrer auffallenden Größe auch gleich abnimmt.
Für die festive season trägt sie heute die neuen High Heels von Sophie Webster mit Flügelchen am Fersenteil, ist in die Farben schwarz-silber gekleidet und hat ihre blonden Haare wie immer zu einem strengen Zopf gebunden, was ihre hohen Wangenknochen besonders akzentuiert.

Ich bin froh endlich im Warmen zu sitzen, bestelle mir einen heißen, schwarzen Kaffe und ausnahmsweise einen Nürnberger Schokoladenlebkuchen. In diesen Tagen werde ich immer wieder sentimental und der Geschmack von Lebkuchen weckt in mir angenehme Kindheitserinnerungen. Die enge Verbundenheit von Geschmack, olfaktorischer Wahrnehmung und der breitwilligen Hingabe an kindliche Erinnerungen, schmälern in ihrer Rationalität keineswegs das damit verbundene Glücksgefühl.

Nadja kommt für einen Augenblick an meinen Tisch, um zu plaudern. Sie ist über den geruhsamen Geschäftsverlauf beunruhigt, da ihr sämtliche italienische Gäste ausbleiben, angeblich wegen der hohen Bewertung des Franken im Verhältnis zum Euro. Außerdem habe sie jetzt, in der Zeit von Weihnachten und Jahreswechsel einen dermaßen großen Streß mit all den Erledigungen und der vermehrten Organisation. Die Gäste wären auch so anspruchsvoll und äußerten permanent Sonderwünsche. Bald darauf kommt sie auf ihren Ehemann zu sprechen und deutet Beziehungsprobleme an. Er sei wie ein Hund, wenn er Hunger habe käme er zum Essen, ansonsten würde er herumstreunen und anderen Frauen hinter herlaufen. Wir werden unterbrochen, Kundschaft wartet auf sie. Mir ist es nur recht. So kann ich mich, mein ipad, samt NZZ Feuilleton zur Seite gelegt, zwischen den anderen Gästen sitzend der Atmosphäre des Cafès überlassen.

Mir gegenüber sitzen zwei Herren. Einer der beiden in Anzug und Krawatte hat diese ganz besondere Art und Weise eine Zigarette zu halten: seine Handhaltung mit durchgestrecktem Zeige- und Mittelfinger, mutet in ihrer entspannten Inszenierung fast feminin an, als ob er seine manikürten Hände elegant präsentierten wollte. Der andere, Wein trinkend und sein Laptop bearbeitend, versucht sein klingelndes Handy zu beruhigen. Als er es in die Hosentasche zurückschiebt fällt es ihm unten am Hosensaum wieder heraus, was ihm peinliche Röte ins Gesicht treibt. Ich muß lächeln und wende mich wieder meiner Lektüre zu.

Als der Mann mit dem Handy Debakel seinen Platz verläßt wendet sich sein Gegenüber interessiert zu mir und lächelt mich an. Er war schon die  ganze Zeit über im Gespräch mit seinem Kollegen immer wieder von meinen Blicken beunruhigt. Jetzt, ohne seinen Gesprächspartner mutiger geworden, sucht er unverholen Augenkontakt und schaut mich dabei auf so familiäre Weise an, daß jedwede verbale Formulierung nur belanglos klingen würde. Ich gestehe mir dabei gewisse Empfindungen ein, die sich durchaus genußvoll ausweiten und meiner allgemeinen Stimmung des Wohlbefindens einen erotischen Kick geben.

Dazu paßt, daß ich mir noch einen French75 bestelle, der bei mir, ich ahnte es, rasch seine Wirkung  entfaltet; da muß ich auf mich achtgeben. Meine Phantasie wird dann blühend und die Körperempfindungen äußerst intensiv. Da genügt es die Beine übereinanderzuschlagen, zu spüren wie der kühle Stoff meines Rockes an den heißen Schenkeln reibt und sich das Prickeln in den Lenden steigert, wenn ich dabei an die lustvollen Spiele mit Francesca und Jean Claude denke, oder an Monsieur B. und seine diplomatischen Künste, die er nicht nur in seinem Beruf erfolgreich einzusetzen vermag. Mich gerade selbst verwöhnend und genießend lächle ich die, inzwischen wieder zur Gesprächsgemeinschaft vereint, beiden Herren an, stehe auf und gehe zu Nadja an die Bar. Das erste was sie macht, ist sich bei mir zu entschuldigen; schließlich käme ich ja nicht, um ihre Probleme anzuhören. Das nehme ich gerne an. Leicht angeheitert, in etwas verwegener Stimmung erzähle ich ihr daraufhin von René, dem besonders große, blonde Frauen, wie sie, gefallen. Er sei ein unterversorgter Exehemann, Liebhaber einer Amerikanerin, aber ein genußfreudiger Voyeur und wäre sicher hoch erfreut sie kennenzulernen. Ich würde gerne ihre angenehme location empfehlen und verabschiede mich damit bei ihr in die Festtage.


Auf dem Weg durch Lugano vorbei an dem hell beleuchteten Weihnachtsbaum auf der Piazza bin ich froh, daß mir bisher noch mancher Kulturgutverlust bisher erspart blieb. Der Weihnachtsbaum besteht aus echten Nadelholz und ist noch keine gestapelte Nachahmung aus Getränkedosen, oder leeren Whiskyflaschen. In seinem Widerschein sehen einfach alle Menschen freundlich aus; sie stehen unter ihren Gaspilzen an den Stehtischen, trinken, reden und lachen miteinander, friedlich, fern aller Weltnachrichten. Mein Weg führt an meiner Lieblings Parfümerie vorbei, wo ich ein Fläschchen Chanel NR5. mitnehme. Die Präsentation hierfür war einfach zu hinreißend und verführerisch. Ich glaube, ich weiß auch schon bei wem ich es wagen kann so eine abenteuerliche Aufmerksamkeit wie einen Duft zu schenken. Die Bedienung, dem Produkt entsprechend attraktiv geschminkt und gekleidet, macht mir auch gleich noch eine stilechte Verpackung als Geschenk.


Als ich in guter Laune mit dem netten Geschenktütchen ausgestattet mein Auto erreiche, beschließe ich ein Taxi nach Hause zu nehmen. Mir ist nicht mehr danach im Stop-and-go zur Hauptverkehrszeit selbst zu fahren.

Kommentare

  1. Immer wieder lese ich in Ihrem Blog mit großem Vergnügen. Überrascht und erfreut war ich, zu lesen, dass der French75 noch eine Liebhaberin hat... Chapeau!
    Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Jahreswechsel und ganz unbekannter Weise, dennoch im Geiste verbunden ein gutes, erfolgreiches und erfülltes Neues Jahr!

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  2. Immer wieder lese ich sehr gern in Ihrem Blog. So auch diesen Beitrag, der mich ob der Erwähnung des French75 schmunzeln liess. Sitzt da etwa im Tessin eine Schwester im Geiste, die ebenfalls diesen Cocktail zu nehmen und zu geniessen weiss! Welch Freude! Ich wünsche Ihnen ein glückliches, vielfältiges, erfolgreiches und spannendes neues Jahr! :-)

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  3. Vielen Dank für den freundlichen Kommentar. Noch schöner wäre es mein Gegenüber kennenzulernen und vielleicht dabei gemeinsam einen Cocktail zu trinken.

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