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Ephemere

Et mon coeur dit vas-y ♫ ♫ und mein Herz sagt: Mach weiter ♫

Noch ganz und gar im Bann meines Tagtraums, mache ich mich frisch und kleide mich an. René kommt. Eigentlich ist nichts kompliziert daran, denn all zu sehr bekleidet mag er mich ohnehin nicht. Dennoch passiert das Mißgeschick, daß ich in den dünnen Seidenstrümpfen hängen bleibe, was natürlich eine Laufmasche ergibt - ausgerechnet jetzt, wenn ich nicht genau weiß, wann er vor der Türe stehen wird. Nichts mag ich weniger als mich mitten in der Ankleide beeilen zu müssen.

"Das Leben ist kompliziert und will ständig etwas von einem", denke ich mir.
Aber das eine gebe ich ihm wirklich gern: meine Lust, in gewählter Selbstbeschränkung, im Leben auf hohem Fuß an eine Tradition anzuknüpfen, in der ich mich als kulturelle Schöpfung zu mir bekenne. Also lege ich nach dem Wechsel der bas de soi auch noch die  HIGH HEELS mit ihrer zeitaufwändigen, elend langen Schnürung an; mein Kleid mit dem schnellen Reißverschluss wird den höheren Zeitaufwand wieder ausgleichen.
Die restliche Toilette dauert auch noch einmal eine gute halbe Stunde, da kommt mir  Renés Anruf nur gelegen, daß er sich verspäten wird.

Als es dann an der Türe klingelt bin gerade so fertig, um ihn empfangen zu können. Die zwei Stockwerke hinab ins Erdgeschoß zum Öffnen der Portone sind für manchen Gast oftmals eine ungewöhnlich lange Zeit des Wartens; aber René kennt die Situation und wird nicht so schnell ungeduldig. Außerdem weiß er ja, daß er einen schönen Anblick erwarten darf. Wir umarmen uns herzlich und jeder freut sich den anderen wiederzusehen.

Wenn René zu mir kommt, besucht er mich meist in seinem legerem US-Look, mit flachen Mokassins, Hemd und Jeans. Heute dagegen stand er im Kaschmirsakko vor mir! Wow, das war nicht nur ein unerwarteter Anblick, der eines feinen Herrn, sondern auch haptisch ansprechend. Auf dem Weg nach oben konnte ich nicht umhin ihm sanft über die Schultern zu streichen.

René nimmt gleich vor dem Kamin Platz, während ich uns beiden einen Espresso machen lasse und er mir von seinen Reiseerlebnissen erzählt. Er kam soeben mit dem Leihwagen aus Nizza, wo er einige Kunden in den zurückliegenden Tagen aufgesucht hatte. René setzt das Geschäft seines Vaters fort, der auch schon mit Edelsteinen gehandelt hatte. Er beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Handel der edlen Stücke, sondern versteht es auch sie zu bearbeiten. Das hat er nach seinem Studium der Gemmologie in Idar Oberstein gelernt. Daher versteht er es auch nach Entwürfen renommierter Unternehmen wie Les Ambassadeurs, also auch Cartier zu arbeiten; zugleich ist er aber als sein eigener Botschafter in Europa unterwegs, um die guten, langjährigen Privatkunden auf seinen Reisen persönlich zu besuchen, wie die alte Dame in Nizza, die auch schon Kundin seines Vaters war. Ihr soll er Smaragd-Gemmen besorgen und sie in einem Armband verarbeiten.

NIZZA, das ist für ihn Heimat; dort trifft er alte Bekannte und Freunde, kann sich in seiner Muttersprache ausdrücken, schaut am Strand von Cannes den reichen Russinnen mit ihren, wie er sagt, "Edelkörpern" hinterher und manchmal wird er sich auch eine für ein paar Stunden am Abend gönnen. Aber das schildert er mir nicht so detailliert.
Sie sind für seinen Geschmack zwar ein bißchen derb, im Gegensatz zu einer Französin, die hat Stil, die hat Klasse, aber die ist eben auch nicht auf Abruf zu haben!
Bei seinen Erzählungen aus den zurückliegenden Tagen von der Cote d´Azur frage ich mich, ob ich nicht Weihnachten dort verbringen sollte, wenn das Wetter hier in die kalte Ungemütlichkeit kippt.

So sitzen wir am prasselndem Kaminfeuer und ich spüre allmählich nach der ersten Freude des Wiedersehens wie wir zwar miteinander reden uns jedoch mit Worten zunehmend weniger berühren, weil René andere Begehren hat. Es sind diese mechanischen Antworten, die entstehen, wenn die Aufmerksamkeit geteilt wird und mein Gegenüber mit der multitasking Aufgabe an seine Grenzen gelangt.

Gerne folgt er mir vom warmen Sitzplatz am Kamin in den kleinen Salon zum day bed.

Dort brauche ich ihn garnicht erst zu bitten mir beim Ausziehen meines Kleides  behilflich zu sein. René liebt es mich zu entkleiden, das ist so etwas, was er mit seiner Freundin nicht macht, die liegt immer schon ausgezogen auf dem Bett oder erwartet ihn schlafend.

Langsam gleitet der Reißverschluß den Rücken hinunter; als meine nackten Schultern zum Vorschein kommen gibt er mir einen zärtlichen Kuß auf die Schulter, der tiefer geht als bloß unter die Haut, verbunden mit den geflüsterten Worten, daß er sich freut mich wiederzusehen, nicht nur als unterhaltsame Gastgeberin, sondern auch auf diese besondere Weise wieder mein Gast sein zu dürfen.

Das Kleid liegt bald darauf wie ein schwarzer Ring um meine Fußfesseln aus dem ich heraussteige, damit ich ihm die Carioca und den farblich passenden Lederslip präsentieren kann, den ich ihm zu Liebe angezogen habe.
Normalerweise trage ich keine Slips.
Auch auch nicht in dieser Jahreszeit. Davon habe ich mich völlig verabschiedet. Schließlich gibt es ja beheizbare Autositze und Weißfuchs, wenn´s wirklich kalt ist.

Renés Interesse an dem Stückchen Leder ist auch nur von kurzer Dauer; vor mir kniend zieht er mir den Slip aus und nimmt in einem tiefen Atemzug mit geschlossenen Augen genießerisch den Duft von Leder und Intimität auf.
"Hmmmm, la senteuer du plaisir……..".
Während er Sakko, Hemd und Hose ablegt, schlüpfe ich in meine HIGH HEELS, die Neuen mit der noch tief schwarzen Sohle für´s gemeinsame Vergnügen.

Er legt sich auf´s Bett und wartet in der Haltung gelebten Klassenbewußtseins auf die kommenden Freuden.
Hat er etwas zugenommen und jetzt die Figur eines kleinen Märchenkönigs? Vielleicht ein bißchen bauchig, von gewisser Erhabenheit. Nicht nur beim Sex ist er ein Genießer der alten Schule, sondern sichtlich auch bei anderen Genüssen.

Gerne gibt er sich meiner visuellen Einladung und meinem Können hin. Dabei gewähre ich ihm persönliche Einblicke und Berührungen, die ihm das wohltuende Gefühl vermitteln, das man in einem 40 Groschenroman mit entfachter Leidenschaft beschreiben würde und ihn allmählich unangestrengt sein läßt. Das Amusement an meinem Köper manifestiert sich stetig auf´s Neue in einer Art Suchspiel der Stellen, die von den kleinen bijous geziert sind. "Die Berührung Deiner Schmuckstücke ist wie das Auffinden eines verloren gegangenen Edelsteins", während die Hände das bereits das ergriffen haben, was der Mund noch als Wunsch formuliert. Dieses stets neue Erleben der sich erhitzenden Körper und eine außerhalb des Alltäglichen erwachte Lust zeigt sich in entspannten Regungen, die freudvoll als Begehren benannt werden mögen, wie seinen verbalen Ermunterungen: " Vas-y, vas-y! Plus vite,… plus, cherie, ….oui!" und so vergrößert sich allmählich die Welt der Empfindungen, die der Gedanken schwindet, die Loslösung vom Außen gewinnt Raum, Sinn und Sinnlichkeit werden eins, bis René die angestrebte Entspannung findet und er ganz er selbst ist, was für mich das größte Kompliment ist und zugleich die freudvolle, innere Bestätigung für mein Leben- als KunstgenußObject.

Danach  liegen wir noch eine zeitlang beisammen, zunächst schweigend, in angenehmer Gelöstheit, dann sucht er seine Zigaretten, zündet sich eine an und beginnt von sich zu sprechen:

Es sei schwierig für ihn, das Zusammenleben mit einer Frau, weshalb er sich auch von seiner Ehefrau getrennt hat. Eine kleine Reise pro Jahr mit seiner Ex, zur Weihnachtszeit sei ausreichend. Sie sind wie Freunde, vertraut, aber das ist für ein Eheleben nicht genug. Für ihn als Mann schon garnicht.
Dabei fällt mir blitzartig Karl Kraus ein: "Gib´Deine Frau frei - Nimm´sie hin! " und ich beende den kurzen Gedanken mit einem stillen Lächeln für mich.

René erzählt unbeirrt weiter: Geschieden sind sie nicht, das ist die juristisch, finanzielle Seite der Angelegenheit, aber sie leben eben nicht mehr zusammen. Mit seiner neuen Freundin teilt er sich ganz bewußt auch keine gemeinsame Wohnung. Das wäre nur wieder eine erneute Einschränkung. Damit hofft er die Fehler aus der ersten Ehe zu vermeiden. Überhaupt liegen die Vorzüge seiner jetzigen Freundin mehr darin, daß er für seinen Beruf und die damit verbundenen gesellschaftlichen Auftritte eine attraktive Begleitung benötigt. Denn beim Sex ist sie wie alle Amerikanerinnen: langweilig. Missionarsstellung, keine Phantasie, beim ersten Klingeln des Handys hebt sie den Hörer ab, weil es ein Notfall sein könnte…. und das, mitten im Beischlaf! Darüber haben sie sich schon so entzweit, daß sie dann danach gar keinen Sex mehr miteinander hatten.

Mit leichter Ironie bemerke ich, sehr froh zu sein, daß der kleine Putter vor der Türe des Salons den Silberteller zur Ablage der Briefumschläge und der Handys trägt, damit meine Gäste die vollkommene Freiheit von allen persönlichen Verpflichtungen in meinem Raum genießen können.

René ignoriert meine Bemerkung und schwärmt stattdessen von den europäischen Frauen. Sie zu treffen genießt er an seinen Reisen nach Europa sehr. Die verschiedenen Frauen mit ihren nationalen Eigenheiten: die Italienerin, zärtlich und hingebungsvoll, die Französin, verführerisch, kapriziös, die Engländerin mit ihrer Neigung zum kinky Sex und die deutschen Frauen, klar und offen für alles. Mit Schweizerinnen hat er keine Erfahrung.
An der Schweiz im Allgemeinen schätzt er die Neutralität - man macht Geschäfte mit allen - und die Verschwiegenheit seiner Geschäftspartner. René spekuliert laut darüber, ob sie einer moralischen Haltung entspringt oder vielmehr Ausdruck der nationalen Sozialisierung zum Konsens ist.

Aber abgesehen von der nicht zu klärenden Mutmaßung, schätzt er die Möglichkeit des diskreten Aufenthalts bei mir. Wenn er sich in Monaco mit einer neuen Frau sehen läßt, wissen am nächsten Tag all seine Bekannten und Freunde davon, so klein und eng ist die Welt dort. Das wiederum ist der Vorteil der amerikanischen Lebensweise. Dort, zumindest in der Stadt, wird man nicht beachtet. "Jacque vie ha son truc."

Wie recht er hat, jede Lebensform hat so ihre Tücken!
Merkwürdig wie unterschiedlich die meist kulturell eingefärbten und von der persönlichen Lebensgeschichte geprägten Details auch sein mögen, irgendwann in den Erzählungen tritt dann doch eine wie mir scheint sehr einfache Gemeinsamkeit zu Tage, nämlich jene, daß die Ehe, die auf Dauer angedachte Lebensgemeinschaft der Geschlechter, für die meisten kein besonders tragfähiges Konzept zur Lebensführung zu zweit ist. Jedenfalls nicht bei dem zwischenzeitlich länger gewordenem Lebens - und Zeithorizont, den man Seite an Seite verbringen kann und dem herrschenden Selbstverständnis an Ich-Bezogenheit.

Da gibt es die Idee, daß die Urform menschlicher Lebensgemeinschaften in der Polygamie zu sehen sei und die monogame Lebensform Ausdruck der sogenannten Kulturvölker ist. Unabhängig vom Stand der Forschung, bleibt übrig, daß das Kulturopfer innerhalb einer monogamen Bindung wohl nur für einen bestimmten Zeitabschnitt gelingt, da sie dann von der darauffolgenden monogamen Beziehung abgelöst wird.

Instinkte, Triebe und andere Strebungen entwickeln eine Dynamik und bewirken eine Veränderung psychischer Tatbestände, daß unter dem Einfluß dieser Kräfte, dem Kosmos an Gewohnheiten und den unhinterfragten, sozial übermittelten Annahmen den meisten keine Adaption ihres Ehemodells möglich ist. Man lebt nur ein Abziehbild der Vorgängergeneration.
René scheint mir seinen Schilderungen nach ein gutes Beispiel dafür zu sein.
Ob er sich auch so aktiv bei seiner Ex oder seiner jetzigen Freundin engagiert wie er jetzt lebhaft davon erzählt?

Um die schönen Stunden der Leichtigkeit nicht zu trüben, erscheint es mir wenig dienlich die Gedanken laut fortzusetzen.

René verabschiedet sich erst spät nach Mitternacht von mir. Das Feuer im Kamin brennt und wir haben uns vor seiner Abfahrt ins Hotel noch einmal kurz mit einem Drink und ein wenig Amuse-Bouche gestärkt, das mein Hausmädchen für uns vorbereitet hatte, bevor wir auseinandergehen.

Morgen werden wir uns noch einmal sehen. René fragte er mich, ob ich ihn am nächsten Tag nach Lugano begleiten würde. Dort hat er verschiedene geschäftliche Termine und wäre froh zwischendurch mit einer amüsanten Begleitung essen zu gehen. Er hat ja keine Ahnung wie dort zur Zeit aussieht!

Zum Abschied legt er mir über neben das Briefkuvert ein kleines Päckchen, verbunden mit dem Wunsch, daß ich den Inhalt am besten morgen in Lugano dabei haben soll.

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