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ZEIT.geschehen

Traumfrau

Früher war es schöner. Ja, das meine ich wirklich. Es war vor gar nicht so langer Zeit nahezu zum Ritual geworden nach unseren kleinen Gesprächs- und Vergnügungsabenden am Mittag des darauffolgenden Tages noch zu einem gemeinsamen Essen nach Lugano zu fahren. Leider ist das unmöglich geworden. Nein, nicht wegen der eigenwilligen Verkehrsführung, die den Weg in das Parkhaus zum Abenteuer werden läßt, sondern wegen der dortigen Videoüberwachung.

Das Zentrum der Stadt ist zum Panoptikum geworden wie von Foucault beschrieben. Lugano dürfte die höchste Dichte an Überwachungskameras in der Schweiz haben. Meine Gäste haben früher ja auch noch den einen oder anderen Tag in dieser schönen Stadt zum Einkaufen oder im Hotel verbracht, doch heute fahren sie lieber die 70 km nach Mailand, wo man auch freundlicher ist und so haben wir es heute mit unserem kleinen Abschiedsessen auch gehalten.

Unsere Persönlichkeiten sind nicht geschaffen dieses Prinzip der eigenen Unterwerfung einfach hinzunehmen. So sind wir in einem exquisiten Ristorante, dessen Namen ich hier nicht preisgeben werde. Marco, der die ganze Nacht nicht geschlafen hat, bewundere ich schon seiner Fähigkeiten wegen einfach so noch einen Tisch ohne Vorbestellung zu bekommen.


Natürlich ging es schon auf der kurzen Fahrt von meinem Haus hierher wieder um das Dauerthema Frauen. Urs aus Zürich stellte die Frage, ob eine cortigiana onesta stets eine Traumfrau sei, was große Verwunderung hervorrief, wie das hektische Bemühen zu erfüllende Kriterien aneinanderzureihen, die eine Traumfrau erfüllen sollte. Was hier so alles an Vorstellungen ausgesprochen wurde erstaunte mich stets wieder. Untermauert wurden die Phantasien mit allerlei Namen von celebrities, wobei Marc, ein treuer Ehemann, der mit Frau und Kinder in Toronto lebt, hinzufügte, daß die meisten Ehefrauen ja Traumfrauen für ihre Männer seien, zumindest am Beginn der Partnerschaft bis sie, in der Regel nach dem ersten Kind, in einer Art Metamorphose mehr zum Freund und Kumpel werden. Thomas fügte heftig bestätigend hinzu, daß viele Ehefrauen als deutlich sichtbares Zeichen der Wandlung ihre oft längeren Haare beim Coiffeur lassen würden.

Im Ristorante ging die Diskussion hierzu weiter und nahm eine unerwartete Wendung, als Sergio, der Chef des Hauses, mir servierte und meinte, heute  sei in der FAZ zu lesen, daß Signora Merkel auch eine Traumfrau sei, was zu heftigem Gelächter führte und Sergio offensichtlich verunsicherte. Dieser kam auch gleich nach dem Auftragen wieder mit seinem iPad an unseren Tisch, um uns die Seite der FAZ zu zeigen. Es folgte ein ungläubiges Staunen in unserer kleinen Runde.

Überschrift: Angela Merkel - Traumfrau - von Ralph Bollmann am 09.November 2015.

Darunter ein Bild derselben, was auch im Buch „Eine geistgemäße Physiognomik“ als Beispielbild eines Bedeutungsträgers hätte dienen könnte. Bemerkenswert zu diesem Bild sei noch, daß das ihre Individualität unterstreichende braune Kleidungsstück mit Stehkragen passend zur Haarfarbe der Traumfrau war.

Während wir noch erheitert das Bild bewunderten bzw. den darunter stehenden Text zur Kenntnis nahmen, sagte Leonhard in einem stark von tiefstem bayrisch unterlegtem Englisch in die Runde, daß die neu gekürte Tramfrau gut zum heutigen Datum, dem 09.November passen würde, wie auch, daß der 09.November als bekannter Schicksalstag der Deutschen Geschichte, mit diesem Artikel der FAZ ein weiteres Ereignis hinzugefügt bekäme. Die erste deutsche Kanzlerin als Traumfrau.

Die Äußerung gebot es mir den anderen unserer kleinen Runde kurz das historische Datum der Deutschen zu erklären: vom 09.11.1848, der Hinrichtung von Robert Blum, als Anfang vom Ende der Deutschen Revolution 1848, dem 09.November 1918 mit seiner Novemberrevolution, dem 09. November 1923 als Hitler - Ludendorff Putsch, sowie am 09. November 1938 das Novemberpogrom und, und, und, ja und nun die Traumfrau gekürt am 09. November 2015.
Und während ich noch dabei war das Datum zu erklären begann Bob das Lied „Sweet dream Women“ von Taylor, Chip zu singen.

( Sweet dream woman of the night / Come and love me in the night / Sweet dream woman / Come and be a woman to me )  Frank aus Stuttgart unterbrach ihn, ebenfalls singend mit: „ Das ist keine Religion, sondern Liebe / Keine Schuld oder Sünde für die Ewigkeit / Das ist keine Religion, sondern Liebe / Es ist die Hoffnung, die sagt, dass auch die tiefsten Wunden heilen“. "Ja, Ja ," meinte er, es sei aus dem Kinofilm „Traumfrauen“ von Anika Decker und passe doch zu Traumfrau´s arabischer Willkommenskultur.

Des befremdlichen Gesangs wegen schaute ich mich etwas verunsichert im Restaurant um, doch die anderen Gäste applaudierten zu diesen Darbietungen.

Ein Gast vom Nachbartisch, der offenbar unsere bisherigen Gespräche mitverfolgt hatte, sagte zu mir, bei Signora Merkel denke er an das Buch von David Huckvale
„Visconti and the German Dream“. Es sei ja auch hier in Italien bekannt, daß Signora Merkel und ihr Mann als große Anhänger der Werke von Richard Wagner gelten.

Wenn ein deutscher Kanzler eine Vorliebe für Wagner habe, wecke das in ihm als Italiener unangenehme Erinnerungen, wobei Anschel, aus Paris, zustimmte von welchem mir bekannt ist, daß sein Vater in einem KZ umgebracht wurde.

Sergio, der Chef des Hauses, rief laut: "Seht, seht, hier steht es: „Für viele ist sie, nach zehn Jahren im Amt, die Traumfrau.“ Und so las Adrián weiter:

„Dann ist das nicht mehr mein Land: Damit deutete sie die Möglichkeit an, dass sie dem Volk ihr Vertrauen auch entziehen könnte.
Es war das erste Mal, dass Merkel ihr Misstrauen gegenüber den Deutschen so offen zum Ausdruck brachte.“

"Merkel mißtraut den Deutschen?", kam von Leonhard.

"Mißtrauen Traumfrauen im öffentlichen Dienst ihren Galants, Be, das ist doch Dein Metier?"

"Nun ja, ich habe solche Probleme nicht, doch ist mir durchaus bekannt, daß es schon Kurtisanen gab, die ihre Männer in den Ruin getrieben haben, z.B. und jetzt aufgepaßt: Virginia Elisabetta Luisa Carlotta Antonietta Teresa Maria Oldoini. Ja, das ist ein Name. Vielleicht zerstört Frau Kanzler in ähnlicher Weise Deutschlands Kultur?"

Der mir unbekannte Gast am Nachbartisch wandte sich mir noch einmal zu und meinte: "Signora, die anwesenden Herren scheinen sie sehr zu achten und zu respektieren; das ist nicht selbstverständlich, aber darf ich Sie bitte noch etwas zu ihre Land, zu der Kanzlerin, zu Wagner fragen?"
" Ja, bitte."
"Ich habe Wagners „Meistersinger“ angehört und hatte den Eindruck, daß, come si dice, die Deutschtümelei, so sagt man doch bei Ihnen, und so ein nationales Pathos das Werk der Meistersinger beherrscht."
Und er rezitierte :“Habt acht! Uns dräuen üble Streich’: – zerfällt erst deutsches Volk und Reich, in falscher welscher Majestät kein Fürst bald mehr sein Volk versteht, und welschen Dunst mit welschem Tand sie pflanzen uns in deutsches Land; was deutsch und echt wüßt’ keiner mehr, lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr’. Drum sag’ ich euch: ehrt eure deutschen Meister!“

"Wie kann ich das in Zusammenhang mit Signora Merkel sehen, die Herrn Wagner so zu verehren scheint, sie sind doch Deutsche?"

Er brachte mich etwas in Verlegenheit, denn ich kenne weder diese Frau in Berlin, noch werde ich je das Bedürfnis in mir verspüren sie kennenlernen zu wollen. Sie verstehen zu wollen entzieht sich meinen Denken ohnedies, wie ich auch keinen Bezug zu Wagner habe.

Meine Begleiter schauten mich still, wie erwartungsvoll an was ich wohl antworten würde.

"Nun, Signor," wandte ich mich meinem Tischnachbarn zu, " ich bin eine cortigiana onesta, eine libertine de mœurs, ich glaube nicht, daß Signora Merkel etwas an ihrem Land, an den Menschen liegt, wie wir gerade lesen konnten „deutete sie die Möglichkeit an, dass sie dem Volk ihr Vertrauen auch entziehen könnte.“ Das ist eine neue Betrachtung in der deutschen Geschichte, die von Arroganz und Dummheit zeugt. Odio la stupidità. Diese Frau trägt einen Dezisionismus in sich, der der Inhalt ihrer Politik ist. In meinem Metier denke ich da mehr an Signor Casanova und fühle mich ihm zugeneigt als einem Aufklärer, der nicht die Menschheit beglücken wollte, sondern sich wünschte die Menschen, die er geliebt hatte, glücklich zu sehen."

Der mir fremde Herr bedanket sich italienisch überschwänglich bei mir, stand auf, gab mir einen Handkuss und verließ das Ristorante.

Anschel rief mit zu: " Très jolie!" und bestellte Champagner für uns.

Nachher werden wir uns hier verabschieden. Es ist doch immer wieder etwas traurig.


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