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ZEIT.geschehen

Verrauchte Momente

Die 4 Kilometer vom Flugplatz ins Zentrum sind eigentlich keiner Erwähnung wert, doch heute, die Folgen eines Unfalls werden gerade beseitigt, zieht sich die sonst kurze Fahrt in die Länge. Ich habe noch die wunderschönen Bilder vor Augen, die ich mir in der Ausstellung „Splendeurs et misères - Images de la prostitution“ im Musée d’Orsay noch vor meiner Abreise angeschaut habe.
Mein Weg führt mich heute nach Cologny, ein wenig außerhalb von Genf. Ein kleiner, beschaulicher Ort abseits dieser doch etwas eigenartig gewordenen Stadt, die nach meinem Empfinden mehr von ihrer glücklichen Geschichte lebt und deren Gegenwart zunehmend mehr von Identitätslosen, schwarz Verhängten abhängig ist, die sich von einem Luxusgeschäft zum anderen, hinter einem kleinen Pascha wie eine Kamelkarawane in der Wüste, bewegen. Architektur und Kultur werden zur Kulisse für arabischen Kommerz, der die Stadt am Leben erhält. Eine schmerzhafte, wie bedauerliche Entwicklung.
Ich war in freudvoller Erwartung, dort in Cologny, Monsieur G. zu treffen. Er ist bei einer der vielen internationalen Organisationen in Genève – une ville en soi - tätig und wir haben uns nicht nur zu einem Gespräch verabredet, zu dem er mich eingeladen hat.
Es ist schon fast Mitternacht und ich fühle mich nach dem erquicklichen Nachmittag, voller Aktivität und anregender Gespräche, doch etwas ermüdet.
Nun sitze ich hier in der Habana Bar im Lausanne Palace; es sind nur noch wenige Gäste hier und ich habe mir einen ruhigen Platz gesucht. Der Raum ist erfüllt vom Geruch des braunen Leders der Sessel und dem Aroma der erlesenen Zigarren, die hier nicht nur von den Herren geraucht werden.
In einem solchen entspannenden Moment denke ich gerne wieder an den jungen Edward, Sprößling aus feinstem englischen Haus, dessen Vater ihm einige Stunden mit mir schenkte, die ihm eine differenziertere Bewertung der Liebe ermöglichen sollten, bevor er sich eventuell in einiger Zeit in eine gesellschaftlich anerkannte Bindung begibt.
Sein Vater, der in London ein Immobilienbüro besitzt, hatte ihm eigens für diesen besonderen Anlaß noch einen neuen Anzug gekauft, der ihn zwar perfekt kleidete, doch bewegte er sich darin wie ein Rocker aus einem der Viertel von London, die man besser nicht aufsucht.

Er war furchtbar aufgeregt wie schüchtern, als wir vor ca. zwei Jahren hier saßen. Er wollte nicht nur zum ersten Mal seine bewegte Phantasie in Bezug auf das weibliche Geschlecht ausleben, sondern auch seine erste Zigarre in diesem wundervollen Ambiente rauchen.
Irgendwo scheint er einmal gelesen zu haben, daß es den Geschmack der Zigarre veredle, wenn man sie im Schoß einer Dame anfeuchten würde.
Wie deutlich zu sehen war erregte ihn der Gedanke so sehr, daß es nahezu 20 Minuten in umständlichsten Formulierungen benötigte, dieses Anliegen an mich heranzutragen. So heiter die unbeholfenen Formulierungen des jungen Herren auch waren, gleichwohl riefen sie auch zwischen meinen Beinen ein Gefühl hervor, das es mir erleichterte seinem Anliegen nachzukommen und die Zigarre, seinen Wünschen entsprechend, zu verfeinern.
Ich nahm die Zigarre aus seiner leicht zitternden Hand und führte sie für alle sichtbar an jene Stelle, die das Aroma seiner ersten Zigarre veredeln sollte.
Die ganze Szene wurde aus der Distanz von seinem Vater, wie dessen Geschäftsfreunden genüßlich mit zustimmendem Nicken beobachtet. Erwartungsvoll nahm Edward seine Zigarre wieder entgegen, genoß offensichtlich den Geruch und nahm sie mit geschlossenen Augen in den Mund, um einen Augenblick innezuhalten.
Nun, das Anzünden einer Zigarre ist für einen Ungeübten nicht einfach; daher endete der Vorgang mit einer unbeabsichtigten Hektik und einem Hustenanfall, der Edward zwang sein augenblickliches Lustobject abzulegen und den Raum unter dem Gelächter seines Vaters und dessen Freunden vorübergehend zu verlassen. Jedoch erlaubten die anschließenden Stunden noch ausreichend Gelegenheit nicht nur das gepflegte Anzünden einer Zigarre zu erproben.
So sehr diese Erinnerung auch heute noch erheitern mag, so erinnert sie auch stets wieder auf´s Neue an den nun schon über Jahrhunderte mißverstandenen Begriff der Liebe in Verbindung zur Ehe.
Ich erinnere mich an Montaigne, der die Ansicht vertrat, daß die Verwirklichung der Liebessehnsucht nicht nur nicht unabhängig von der vorausgegangenen Ehelichung zu sehen sei, sondern vielmehr, daß Liebe und Ehe einander ausschließen.
Und "Die Liebe haßt es, daß man sich an etwas anderes hält als an sie, und hat nicht gern etwas gemein mit Beziehungen, die aus einem ganz anderen Grunde geknüpft sind wie es die Ehe ist, bei deren Eingehung Verbindung und Vermögen mindestens so schwer ins Gewicht fallen wie Reize und Schönheit. Man heiratet nicht seinetwegen, sondern ebenso sehr, wenn nicht mehr, um der Nachkommenschaft, um der Familie willen. So heißt es denn eine Art von Incest begehen, wenn man in diesem ehrwürdigen und heiligen Bunde, der die Ehe ist, den Extravaganzen der Liebesleidenschaft eine Stätte bereitet. Eine gute Ehe weist die Gesellschaft der Liebe zurück und will die Freuden der Freundschaft genießen.
Lieben und sich binden sind zwei grundverschiedene Dinge, die einander ausschließen."
schreibt schon der Soziologe Werner Sombart.
Diese kleine Schrift von Werner Sombart habe ich in einer Originalausgabe von 1922 in einem winzigen Antiquariat bei meinem Aufenthalt in Paris erwerben können und sie begleitet mich seitdem. Und weiter schreibt er: "Mit den Kurtisanen tritt die Liebe, die zu einer freien Kunst geworden ist, wieder aus dem Stadium des Dilettantismus heraus und wird der Pflege Berufener überantwortet. Wie zu jeder Kunst Talent und Übung gehören, so in ganz hervorragendem Maße zur Liebeskunst, weshalb diese erst zu ihrer vollen Entfaltung gelangen konnte, nachdem durch einen natürlichen Ausleseprozeß die talentvollen Frauen aus der Masse herausgehoben und diesen Gelegenheit geboten worden war, durch ausschließliche Beschäftigung mit dieser Kunst sich zu Meisterinnen in ihr auszubilden."

Ob Edwards Vater diese Schrift kennt ist mir nicht bekannt, doch wie ich später erfahren konnte, waren er, wie auch Edward, sehr zufrieden mit meinem Einfühlungsvermögen. Morgen werde ich Edward und seinen Vater wiedersehen und wir werden sicher nicht nur über Immobilien sprechen.

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