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Ephemere

Chateau de la Chevre d'Or

Die Bar des Chateau de la Chevre d'Or ist ja nicht so ganz mein Geschmack und erinnert mich mehr an einen Rittersaal in einem Historienfilm. Doch einer freundlichen Einladung folgt man gerne und man bewegt sich hier schließlich ein wenig auf historischem Boden. Nietzsche soll hier einen Teil seines "Also sprach Zarathustra" geschrieben haben.
Meine Erinnerungen zu Nietzsches Zarathustra sind etwas fragmentarisch geworden, mußte ich mir selbst eingestehen. Vielleicht, weil doch stets wieder von neuer Tagesaktualität kam mir als erstes in Erinnerung, daß Nietzsche in diesem Buch den Staat als die Institution beschreibt, die den Menschen gleichmacht und seine Individualität bedroht.

Die vergangenen Tage verdeutlichten doch wieder wie wichtig es ist an seinen Werten festzuhalten und sie auch zu leben. Da laufen Irre wild herum, die sich in ihrer geistigen Verwirrung am Ende selber in die Luft sprengen und eine vom Altruismus Beseelte hat sich zur Aufgabe gemacht Europa nach ihrer Eingebung zu verändern, so ganz nach dem Motto: “Edel sei der Mensch, hilfreich und gut” aus dem Buch von Watzlawick “Anleitung zum Unglücklichsein".

Doch im Augenblick bin ich hierher gekommen, um Pierre´s Einladung zu folgen für ein paar vergnügliche, der gegenseitigen Entspannung und Freude dienende, Tage.

Pierre und ich hatten in der vergangenen Nacht sehr viel Spaß und Freude. Mein ausdauernder Liebhaber bestellte telefonisch die vierte Flasche Champagner, welche Florentine, das Zimmermädchen, brachte und beim Öffnen der Flasche sichtlich angeregt unser lustvolles Tun beobachtete, was Pierre dazu veranlaßte Florentine einzuladen nicht nur den Champagner mit uns zu trinken.
Florentine zögerte nicht lange und war, ganz Französin, der Meinung: Ein Volk von Zögernden hätte nie die Bastille gestürmt -  und den Rest überlasse ich Ihrer Phantasie. Die junge Frau ist mir schon bei meiner Anreise aufgefallen und sie jetzt auf eine persönlichere, intimere Weise kennenzulernen war eine wundervolle Bereicherung.
Nun sitzen wir uns in der Bar gegenüber und Pierre sagte gerade zu mir, daß wir doch sehr viele Gemeinsamkeiten hätten, die über den gemeinsamen Genuß der Freuden des Lebens hinausgehen. Eine jener Gemeinsamkeiten, die bereits von Jacques Lacan ausführlich beschrieben wurde. Ich mag und schätze Pierre sehr, diesen gut aussehenden Psychiater aus Paris, der dort im 4. Arrondissement seinem Beruf nachgeht.


Ja, meinte er, wir haben beide sehr viel mit Menschen, deren Gefühlen und mit Geld zu tun, was mich sehr belustigte, denn mir kam umgehend die Geschichte in den Sinn, die die Psychoanalytikerin Maryse Choisy in ihrer Studie "Psychoanalysis of the Prostitute" beschrieb, welche sich in Ihrem Behandlungszimmer zutrug: In der 147. Sitzung, die zugleich der Zahltag für diesen Monat war, sagte der Analysant zu ihr: "Wie ich es liebe die Rechnung für meine Analyse zu bezahlen. Ich fühle mich als würde ich eine Frau aushalten." Und wir kennen ja auch alle den wunderschönen Film "Empathy" mit seiner grundsätzlichen Frage "how is psychoanalysis different from prostitution?"

Ja, es ist das Geld was uns verbindet. Schon Karl Marx bezeichnete das Geld als „allgemeine Hure“ und auch von Georg Simmel wissen wir: „So empfindet man am Wesen des Geldes selbst etwas vom Wesen der Prostitution. Die Indifferenz, in der es sich jeder Verwendung darbietet, die Treulosigkeit, mit der es sich von jedem Subjekt löst, weil es mit keinem eigentlich verbunden war, die jede Herzensbeziehung ausschließende Sachlichkeit, die ihm als reines Mittel eignet - all dies stiftet eine verhängnisvolle Analogie zwischen ihm und der Prostitution.“

Doch gerade Politik und Kirche bemühen sich die Illusion zu verbreiten, daß Geld und Liebe sich widersprechen würden, worin vielleicht das Bemühen erkennbar ist, daß man nur ja keine Verwandtschaft zwischen der bürgerlichen Liebe und Ehe und der Prostitution erkennen sollte. So eine Trennung von Liebe und Geld ist natürlich nicht realisierbar. Auch Liebesbeziehungen gründen sich auf einer materiellen Basis, die eben Geld kostet.

Rolf Haubl faßte eine von ihm durchgeführte Untersuchung von Paaren, die in der Trennung von Geld und Liebe ein Ideal sehen, so zusammen:
„Solange Geld im Spiel ist, wissen die Betroffenen nicht, ob sie geliebt werden. Deshalb misstrauen sie den Gefühlen ihrer Bezugspersonen. Wenn man Liebe, wie sie glauben, nur geschenkt bekommen kann, müssen sie Geld auszuschalten versuchen. Das führt zu einer Verachtung von Geld, die dessen Vernichtung heraufbeschwört: Erst, wenn ich arm bin, wird sich zeigen, wer mich wirklich liebt...…"
Aber wir wissen ja alle wie schnell hier durchlässige Kompromisse gefunden werden.

Pierre meint unsere diesbezügliche Aufrichtigkeit, die uns vielfach zum Vorwurf gemacht wird, sei geradliniger, doch für viele schwer zu ertragen, was es sinnvoll erscheinen läßt dies nicht öffentlich zu besprechen.

Der Patient kauft die Kompetenz des Analytikers und fragt sich regelmäßig, ob die freundliche Zuwendung des Therapeuten ihm als Mensch oder dem entrichtetem Honorar geschuldet ist, so wie auch mancher bürgerliche Freier sich dieselbe Frage im Lust und Freude spendenden Metier stellen wird.

Ob Hilfe suchender Patient oder der berechtigte Ansprüche stellende Gast einer cortigiana onesta, um seine Bedürfnisse zu befriedigen erfordert es Geld.

Ich persönlich mag es ja das Geld. Geld macht sinnlich. Es verstärkt die Anziehungskraft, durch angemessene Bekleidung, Körperpflege, Bildung und Umgangsformen, stärkt es das Selbstbewußtsein und man erlebt sich durch die Reaktionen der Männer erotisch und attraktiv.

Selbst in den idealisierten Liebesbeziehungen stellt sich nach kurzer Zeit die Erkenntnis ein, daß, wer ökonomisch mithalten will, man nie genug Geld haben kann. Da kommen mir einige junge Frauen in Erinnerung, die sich ratsuchend in dieser Sache an mich gewandt haben. Es wäre schön das zögerliche Fragen mit der Überschrift "Frau als Work in Progress" zu sehen, doch ist es oftmals eine Art des letzten Aufbegehrenwollens, vor der meist folgenden endgültigen, resignativen Einfügung unter den vorherrschenden sozialen Umgebungsdruck.

In solchen Situationen erzähle ich meist meine Kurzfassung von Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else", doch den meisten ist die Geschichte mangels Bildung unbekannt und so hilft manchmal die Erinnerung an den Kinofilm "Ein unmoralisches Angebot" mit Robert Redford. Meine anschließende Frage an die meist jungen Mütter ist im Anschluß an meine kleine Geschichten stets die gleiche: Wie würdest Du in der Rolle des Fräulein Else, oder Diana handeln?

Wie ja jedem bekannt ist stellt sich in der Ausgangslage bei Arthur Schnitzlers Novelle, wie im Film "Ein unmoralisches Angebot" dieselbe Frage. Doch "Fräulein Else" geht einen anderen Weg als Diana im Film und man kann ja auch nicht immer mit einem Gentleman wie John Gage alias Robert Redford rechnen.


Obwohl meist von der romantischen Liebe enttäuscht, häufig vom Ehemann betrogen oder von der illusionsbefreiten Kindererziehung an der Grenze der psychischen Belastbarkeit gehen die allermeisten wieder nachdenklich nach Hause, oder kommen nach einiger Zeit zu Pierre oder zu mir in die Praxis, um darüber zu sprechen, wenn sie  sich es leisten können.

Pierres und meine große Gemeinsamkeit ist, ganz oberflächlich betrachtet die Stundenmiete dieser Settings, die meist in einem künstlich erscheinendem Raum erfolgt, dieser Örtlichkeit der menschlichen Nähe, diesen Verbindungen erotisch gefärbter Übertragungen und Gegenübertragungen, die schlußendlich in einer Geldbeziehung wurzeln.

Diese Thematik ist eigentlich weder neu, noch betrifft sie nur Pierre und mich. Im Juni letzten Jahres hatte ich Gelegenheit an einem Vortrag von Prof. Dr. Christina von Braun teilzuhaben zum Thema: "Der menschliche Körper als Goldstandard des Finanzkapitalismus"

Frau von Braun weist auf den breiten Konsens hin, dass das Geld keiner Deckung bedarf; deshalb wurde auch der Goldstandard aufgegeben. So stellte sie in ihrem Vortrag die These auf, dass das moderne Geld durch den menschlichen Körper ‚gedeckt’ wird. "Das zeigt sich an dessen Monetarisierung u.a. im Söldnertum, der Prostitution, dem Organhandel, dem Sport, dem Versicherungswesen – und auch an den modernen Reproduktionstechniken. Die moderne Beglaubigung des Geldes durch den menschlichen Körper ist schon angelegt im sakralen Ursprung des Geldes, das nach einem Opfer verlangt, um ‚kreditwürdig‘ zu sein und sich vermehren zu können." (Universität Paderborn)

Wieso stehen wir nicht einfach dazu ?

Florentine kam gerade vorbei und fragte, ob sie uns heute Nacht wieder Champagner bringen dürfe?
Wir gehen jetzt noch ein wenig am Strand spazieren, Pierre und ich.................

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