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Ephemere

Aus der Ferne zusehen

In diesen Tagen rund um Allerheiligen wird hier in der Konditorei die lombardische Variante der „Pani dei Morti“ angeboten. Sie liegt an der kleinen Piazzetta neben der Café Bar und ich beschließe einige der dolci zu kaufen, die verlockend in der üppigen Auslage auf einem Glasteller liegen, neben feinen Torten, Früchtekuchen und Konfekt. Nicht, daß sie mit der des Marchesi in Mailand vergleichbar wäre, aber die Atmosphäre des historischen Gebäudes zusammen mit dem süßen Backwerk erinnert mich daran.
Nicola, der Chefkonditor bedient mich höchst persönlich und fühlt sich durch meine Gegenwart sichtlich herausgefordert. So erzählt er mir ausführlich von den unterschiedlichen Varianten der pani, die früher selbstverständlich in jeder Familie zuhause gebacken wurden: mit Pinienkernen, Mandeln oder getrockneten Feigen, je nach Wohlstand oder auch nur trockene Kekse mit Amaretto. Das Gebäck würde den Seelen der Verstorbenen serviert werden, die jedes Jahr direkt aus dem Jenseits kämen, um ihre Lieben zu besuchen. Da es notwendig sei ihnen nach der beschwerlichen Reise etwas zur Labsal anzubieten und man sie außerdem mit dem süßen Brot während ihres Aufenthalts gewogen halten könnte, sei es aus haltbaren Zutaten gemacht, so daß es sich die verstorbenen Seelen mit den noch lebenden Verwandten jederzeit zusammen am gemeinsamen Tisch gemütlich machen könnten. Er ist besonders gesprächig und ausgelassen, weil ihm die Pani so gut gelungen waren, obwohl der Anlaß, die Gedenkfeier an die Toten eigentlich kein Grund zum Lachen sei, wie er mit ernstem Gesicht anfügt, das sich sofort wieder ins Gegenteil wandelt und mich in seine Werkstatt einlädt, dorthin wo er die kleinen, bunten Zauberteile kreiert. Dabei hält er mir ein kleines cremino als weitere süße Verführung hin, das ich zu seiner freudigen Überraschung genussvoll zwischen meine roten Lippen stecke.
Hin und her gerissen, zwischen meiner Neugier ihm einmal über die Schultern schauen zu dürfen, mitanzusehen wie die süßen Teile hergestellt werden, andererseits seine nette Einladung in ihrer herzlichen, jedoch auch unverblümten Eindeutigkeit ablehnen zu müssen, bin ich froh, daß mich ein neuer Kunde rettet, der die Konditorei betritt, womit es auch für Nicola uninteressant wurde mir weiterhin schöne Augen zu machen und wir vertagen die Angelegenheit auf meinen nächsten Besuch.

Ich beschließe es mir nebenan in der Café Bar auch noch kurz bequem zu machen, ohne meine verstorbenen Verwandten, und bestelle einen Espresso. Es ist immer noch so warm bei Sonnenschein, daß ich draußen sitzen kann, aber eben doch so kühl, daß man die langen Schatten zwischen den engen Häuserfluchten meiden möchte. Ein sonniger Tisch ist noch frei. Mein Kaschmirmantel tut sein übriges, daß es noch erträglich ist. Wenn nur die Sitzfläche nicht so kalt wäre! Es ist nicht mehr die Zeit für exhibitionistische Spielereien den nackten Po auf die kalte, metallene Sitzfläche zu setzen und den kurzen Kälteschauer zu genießen.

Von Nicolas lebhaften Erzählungen noch regelrecht euphorisiert muß ich schmunzeln bei der Vorstellung an sein breites Grinsen auf den dicken, runden Wangen, deren Wölbungen sich unter der weißen Berufstracht in Brust und Bauch wiederholen und möglicherweise noch an anderer Stelle, die mir verborgen geblieben war. Mir wird dabei warm um´s Herz. Nicht, weil er besonders galant gewesen wäre, sondern wegen der spürbaren Freude zu seinem Beruf, die sich in seiner gesamten Erscheinung widerspiegelt - einer Mischung aus Matteo Renzi und Pinocchio, der langen Nase wegen. Er erfüllt in Mimik, Gestik und Prosodie alle Klischees eines Italieners.
Mir fällt dabei Goethe ein, der von einem Besuch in der Commedia dell´ arte schrieb: „[…] stets öffentlich lebend, immer in leidenschaftlichem Sprechen begriffen … Hinzu kommt noch eine entschiedene Gebärdensprache, mit welcher sie die Ausdrücke ihrer Intentionen, Empfindungen und Gesinnungen begleiten.“
Das ist es, was für uns Italien zum Sehnsuchtsort macht, warum wir uns nicht nur zum anderen Licht, sondern auch zum sonnigen Gemüt, der italienischen Art das Leben zu zelebrieren hingezogen fühlen.
Neugierig schaue ich noch einmal in die Tüte worin sich die kleinen Gebäckstücke befinden; sie duften wunderbar und liegen - noch ein wenig ofenwarm - in meiner Hand als ich sie vorsichtig aus den Papierschichten wickle, damit sie möglichst nicht zu Bruch gehen. Kleine dunkelbraune Fladen mit Puderzucker angehaucht; im Italienischen liegt der Hauch bereits im Wort: zucchero a velo. Sie sehen weihnachtlich aus, künden schon vom kommenden Winter, wenn die schneebedeckte Landschaft mit den entlaubten Bäumen so aussieht wie die pani: braun - kahl - kalt.
Noch ist es nicht soweit! Der Mantelstoff wärmt meine Beine und die kühle Luft am Übergang von meinen Stay-Ups zum Kleid ist wenigstens noch nicht frostig. Dennoch ziehen meine Assoziationen zum Winter unweigerlich Gedanken an Deutschland nach sich. Von dort höre ich derzeit von meinen Freundinnen meist nur unangenehme Geschichten, spüre ihre Furcht vor den gesellschaftlichen, kulturellen Veränderungen, wenn nicht euphemistisches Relativieren oder Schweigen die Oberhand gewonnen haben. Der persönliche und briefliche Verkehr ist von dem Thema und der bedrückenden Stimmung geprägt.
Sie sprechen weniger über´s Allgemeine, sondern vielmehr von ihrem diffusen Unbehagen, das sich noch schwer in Worte fassen läßt. Mehr eine Ahnung von Bedrohung.
Ich kann aus der Distanz ein wenig anders darüber nachdenken, was mit meiner Heimat geschieht. Ich bin ja nicht dort. Zunächst fällt mir dazu ein: Demokratie bedeutet wählen können. Wählen können bedeutet Alternativen haben, mindestens um sie zu wissen, Stichwort - freie Berichterstattung. Meine Freundinnen haben derzeit keine Wahl und scheinen nur zusehen zu können wie neue Tatsachen geschaffen werden in Kultur - Sprache - Denkweise und am offensichtlichsten materiell.
Eine neue soziale Plastik wird da ins Werk gesetzt, gemeißelt von eisener Frauenhand, die sich in Ermangelung einer demokratischen Gesinnung auf die Institutionen der Demokratie stützt und sie zugleich demontiert, indem sie Recht außer Kraft setzt.
Oder ist es eher eine symbolische Niederkunft, gleichsam einer Baubo Figurine, die mit gespreizten Beinen strömende Männermengen gebiert? Das wäre nur der erste Akt in der natürlichen Abfolge von Schöpfung und Zerstörung. Der zweite macht sich bereits im Verlust an Vertrauen zu sich selbst, den sicherheitsgebenden Institutionen des Staates breit und in einer dunklen Empfindung aus Furcht, Duldung und Konzentration auf den Alltag.
Grundrechte sind unverlierbar, dachte ich. Verteidigung meiner Freiheitsrechte, Positiver, negativer Freiheitsbegriff…. Selbst hier im Süden durchfährt mich ein Kälteschauer, wenn sich nun noch zur pisareformierten Generation von Schülern die Quote der eingewanderten Analphabeten dazugesellt.
Wie war das mit "kultureller Schmerz körperlich spürbar"? Ich glaube es Botho Strauß aufgeschnappt zu haben.
Beim Sitzen im Sonnenschein, den kleinen Schwarzen in der Tasse vor mir stehend und den verheißungsvollen Pani dei morti im Gepäck stellen sich spontan Gedanken an die erste Zeit meines "Auslandaufenthalts" ein. Zu Beginn war ich sehr bemüht die anderen, kulturellen Gepflogenheiten anzunehmen: die ungewohnte Sprache, die neuen Verhaltensweisen, nein nicht das südliche Verständnis von "Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit". Aber die Beredsamkeit im Alltag, die sonnige Lässigkeit im Umgang, im Geschäfte machen, um nicht von Clanwirtschaft zu reden und allen den damit einhergehenden Verpflichtungen, die anfänglich völlig undurchschaubar waren und einfach nur charmant, herzlich und warm daherkamen.
Bis ich bemerkte, daß meine Anpassung überhaupt keine Wirkung zeigte, außer jener, daß ich mich mit mir unwohl fühlte und die Besinnung auf meine kulturelle Herkunft mir den notwendigen Halt gibt, um weiterhin gut arbeiten zu können. Vor allem die künstlerische Arbeit litt unter den neuen Anforderungen, die Kreativität hatte sich verabschiedet und meine Kunst wurde zu einer des Überlebens, weniger eine der Neugestaltung.
Wenn sich jetzt Gesicht und Struktur von Deutschland so massiv verändern, wo bleibt der Anker im Außen, der, wenn er auch in den kalten nördlichen Gefilden liegt, doch immer mit Bildern von Menschen gemalt ist, die sich europäisch abendländisch geben, jener Identität, die in der "Fremde" mit ihrer regionalen Differenz plötzlich scharf ins Bewußtsein rückte, die mir nahe ist und auf die ich zurückgreifen konnte, um nicht in dem Versuch der Assimilation jegliche Eigenständigkeit zu verlieren?
Schließlich sind persönliche Erfahrungen und kulturelle Identität elementare Bestandteile der eigenen Lebensgeschichte, die innerhalb einer Demokratie einen fest verankerten Platz haben. Ich will garnicht den überseeischen "persuit of happiness" bemühen, sondern ganz naheliegend die einfachen Regeln zur Integration für Einwanderer in die Schweiz. Dort ist keine Rede von Aufgabe der eigenen Identität.
Da sitze ich nun, ein paar hundert Kilometer entfernt, jenseits der Alpen und in mir verbreitet sich all die raue Schwere deutscher Politik. Das war schon damals so, als Peer Steinbrück die Kavallerie auf den Weg schicken wollte. Die bekam ich hier auch zu spüren.
Wird in Zukunft der "refugee guide" des Bayerischen Rundfunks im Lehrplan stehen, um zu vermitteln was ursprünglich einmal als deutsch galt?
Ich habe die Wahl und entscheide mich dafür mich wieder mehr den kulturellen Aspekten des deutschsprachigen Kulturschaffens zuzuneigen als im tagespolitischen Wimmelbild die verborgene Kuh zu finden.
Nach dem Bezahlen nehme ich die Tüte mit den "pani" und balanciere mit meinen hohen Absätzen über´s Kopfsteinpflaster. Mit jedem Schritt wird die Piazzetta größer und wächst sich vor meinen Augen zu ausgedehnten Dimensionen aus. Es ist nicht diese Art Kopfsteinpflaster, die großformatigen Würfel auf denen man seinen Schritt sicher platzieren kann, sondern die kleinen, unruhigen Steinwürfel. Mir ist als würde mit jedem Fußtritt ein anderer körperlicher Zustand kreiert und die wilde Verlegung versetzt mit selbst beim bloßen Darübergehen in eine Unruhe. Neulich erst habe ich mir meine Absätze ruiniert, weil ich in einer der großen Fugen hängen geblieben bin. Die Folge war eine kleine Odyssee, um einen jener kundigen Schuster ausfindig zu machen, der es noch versteht Schuhe zu reparieren. Die heutigen Steinzeitschuhe, Crocs oder ugg boots, sind es nicht mehr Wert instand gesetzt zu werden, abgesehen von dem ästhetischen Ärgernis, das sie bereiten. Ja, Knatsch kreiert Geschichten…So ist es auch unvermeidlich, daß mir in meiner Eile heute auch noch die nette Apothekerin über den Weg läuft.
Bis vor kurzen kannte sie mich nur vom Sehen und wußte garnicht, daß ich hier lebe. Mit vielsagendem Blick signalisierte Sie mir beim letzen Besuch in ihrer Apotheke, daß sie mich wiedererkannte und fragte, ob ich auch dieses Mal eine Packung der kleinen blauen Pillen bei ihr kaufen wollte. Wir hatten uns nämlich auf besondere Weise kennengelernt, da ich ihr innerhalb eines Monats drei solcher Päckchen abgekauft hatte, die ich für einen schüchternen Gast besorgen sollte. Er zeigte mir seine Dankbarkeit für den kleinen Liebesdienst so großzügig, daß ich durch meinen Großeinkauf an Lustpillen gleich zwei Herzen gewonnen hatte….das Glück folgt mir.
Während wir auf der Piazzetta stehen und reden schaue ich mir die Apothekerin das erste Mal genauer an und bemerke ihre angenehme Erscheinung. Ein eigenwilliger Typ Frau mit einem gewissen Etwas, einer ausgesprochen sinnlichen Nase, die mich anspricht, und einem ultrakurzen Haarschnitt, der zu ihrem jugendlichen Gesicht einen guten Kontrast bildet. Wir sind uns, glaube ich, beide sympathisch. Sie wäre es wert einmal Freiheiten und Möglichkeiten bei ihr auszuloten, was sich allerdings mit italienischen Frauen nicht so einfach gestaltet. Trotzdem frage ich sie, ob sie vielleicht einmal Zeit hätte mich zu besuchen; sie würde mich in der casa blanca antreffen, die ihr wie allen Leuten der Umgebung, sofort ein Begriff ist. Das Haus mit den vielen Geheimnissen, angefangen von der merkwürdigen Tatsache, daß das große Haus kaum bewohnt zu sein scheint bis zu den auffälligen Fahrzeugen, die dort parken. Hocherfreut sagt sie zu und wir verabschieden uns mit den drei Küsschen auf die Wangen, die hier so entspannt getauscht werden. Zu meiner Freude duftet sie angenehm. Hmm, das ist schon einmal ein guter Anfang!