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ZEIT.geschehen

Tutto nel mondo è burla, l’uom è nato burlone - Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch ist als Narr geboren.

Nur knapp 3 Stunden sind es mit dem Auto von Mailand nach Portofino und nun sitze ich hier am Hafen. Keine Sonne, es ist trüb wie so manche Stimmung, nur noch sehr wenige Menschen sind hier.
So sitze ich alleine bei einem anregendem Blackberry an einem dieser kleinen runden Aluminiumtische, die man noch stehen gelassen hat. Die Strecke bis sich das Grau der Wolken und das des Wassers treffen läßt das Gefühl aufkommen, daß dort eine Wand sei. Würde man sich einer gewissen emotionalen Instabilität hingeben, so wäre das die Mauer gegen die man in solchen Gefühlslagen oft anrennt. Eine wabernde Wand, die einen stets wieder zurückzuwerfen scheint.
Als ich vor einigen Tagen im Hotel de Milan ankam, lag schon ein Umschlag auf dem Tisch meines Zimmers und die Schrift auf dem Umschlag sagte mir sofort wer der Absender war. Nachmittags war ich einkaufen und den Abend verbrachte ich im Teatro alla Scala. Verdis „Falstaff“ stand zur Aufführung.
Als ich ins Hotel zurückkehrte, mit all den schönen Bildern im Kopf und dem Schlußgesang in den alle Beteiligten einstimmten: „Tutto nel mondo è burla, l’uom è nato burlone" – (Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch ist als Narr geboren.), öffnete ich den Umschlag auf meinem Tisch, in welchem sich die handgeschriebene Anfrage befand, ob ich nach Portofino kommen könne. Ich holte meine Handtasche und vergewisserte mich, ob ich den Schlüssel zu seinem Haus bei mir hatte, den er mir vor einigen Jahren gegeben hatte. Ich habe sein großzügiges Entgegenkommen bisher nie in Anspruch genommen; so war das Haus die meiste Zeit unbewohnt.
Also bin ich nach Süden gefahren und schaue jetzt auf diese graue Mauer von Wasser und Wolken da draußen. Heute Abend wird er kommen und wenn ich Ihnen nun die Details der darauf folgenden Stunden verweigere, so wird Sie dies, wenn Sie nur die kleinste Vorstellung von meinem Metier haben, sicher nicht verwundern.

Mit dem neuen Tag und einem wundervollem Sonnenaufgang bin ich nach einer lebhaften Nacht zu meinem kleinen Tisch zurückgekehrt, die graue Mauer, die gestern den Blick begrenzte hat sich aufgelöst, die Sonne scheint und im Augenblick ist außer mir kein Mensch auf diesem kleinen Platz.
Mein Gentleman aus Lyon ist heute morgen ohne Schlaf mit dem Taxi wieder abgereist und ich weiß nicht wie es ihm geht.
Bevor Sie nun Ihre Phantasie all zu sehr bemühen. Ich kann Ihnen nur sagen, daß von all jenen Bildern, die eventuell spontan in ihrem Kopf entstanden sind, keines zutrifft. Kein Tuch ist gefallen. Der Kuss zur Begrüßung und beim Abschied, diese Geste der herzlichen Höflichkeit war lediglich etwas intensiver, durchsetzt von einer inneren Anerkennung der jeweils anderen Person, ein Gefühl, das in diesen Zeiten immer seltener anzutreffen ist. Es war der einzige körperliche Kontakt und der Ausdruck einer inneren Verbundenheit zwischen zwei sich ansonsten fremden Menschen in vergangenen Stunden.
Heute Nachmittag werde ich wieder abreisen von dem ruhigen, beschaulichen Ort.
Wir sprachen in den Stunden des Zusammenseins über sein Geschäft, seine Familie, über Moral. In meinem Metier geht es sehr viel um Moral. In diesen Tagen wird das Wort sehr in Anspruch genommen und mit den unterschiedlichsten Inhalten gefüllt. In Deutschland macht man mit dem Wort neuerdings Politik.
Das Thema der vergangenen Nacht war, wenn auch zu einem anderen Beispiel, das Gleiche und, ich will es vorwegnehmen, die befreiende Klarheit zu finden war nicht möglich.
Um etwas ins Allgemeine zurückzukehren: insbesondere zur Zeit sehen wir doch wie die europäische Politik unter dem Diktat einer deutschen Kanzlerin das Fehlen sachlicher Kompetenz durch moralische Plattitüden ersetzen will.

Und das Moralisieren wird verbunden mit einen Sendungsbewußtsein, das schon Züge von inquisitorischem Eifer in sich trägt, als ob es sich um einen Endkampf zwischen Gut und Böse handelte.
Was jetzt Politiker praktizieren war bisher meist Paaren vorbehalten, die sich im Endstadium ihrer Beziehung befinden. Im Zuhören solcher Geschichten habe ich schon viele Stunden verbracht, obwohl ich eigentlich für entspannendere Betätigungen entlohnt wurde, zu denen es dann gar nicht mehr kam.
Die Politik implantiert einen moralischen Gruppendruck unter den Menschen, was als solches nicht neu und uns vertraut erscheinen mag. Eine Handlungsweise, die bisher mehr im menschlichen tagtäglichen Umgang zu finden ist und zwar stets dann, wenn keine sachlichen, von der Vernunft getragenen, Argumente mehr vorhanden sind.
Wenn ich unser Gespräch der letzten Nacht zusammenfassen will, so sind all die vielen Worte, die zahlreichen, der persönlichen Erklärung dienenden Beispiele, in welche wir uns so gerne verstricken und die Suche einen glaubwürdigen Weg hieraus zu finden, in einer einzigen Erinnerung zusammengeflossen.
„Jeder suche doch seinen Vorteil, wer wolle sich schon opfern, man will, dass es andere tun. Und Edle, Aufopfernde könnten gerade für ihr Ziel ihren Trieben unterliegen.
Was sei Liebe anderes als besitzen wollen?
Jeder will Zuwachs seines Machtgefühls. Gerade der Höhepunkt der Evolution, das menschliche Bewusstsein, komme zu Irrtümern, mache Missgriffe, wirke mit bösem Stolz. Wir sind alle wachsende Vulkane.“
Es war Friedrich Nietzsche, der das in seiner Schrift „Die fröhliche Wissenschaft“ sagte.
Nietzsches Gedanke mag den einen oder anderen erschrecken, doch, betrachten wir ihn als Kompromiss, so scheint er mir als das kleinere "Übel", als eine Anerkennung der gegenwärtigen Realität, bis sich ein besserer Gedanke einstellt ohne sich dahin dem Moralisieren hinzugeben. «Wer moralisiert, will verletzen»
Bevor er in sein Taxi stieg, erzählte ich ihm noch kurz von meinem Besuch im Teatro alla Scala und Verdis „Falstaff“, konkret vom Schlußgesang: „Tutto nel mondo è burla, l’uom è nato burlone". Er schaute mich lächelnd an und meinte: "Es mag sein, daß wir als Narren geboren sind, doch der Spaß ist doch ein Mehr daraus zu schaffen."
Ins Haus zurückgekehrt lag auf dem Tisch wieder ein Umschlag mit der Aufschrift "ObjectBe - Merçi beaucoup! ", welchen ich gerne, ohne ihn zu öffnen, entgegennahm. Wir kennen beide die jeweiligen Ansprüche des Lebens, die es zu befriedigen gilt.
Ich will noch ein wenig ruhen, ein Bad nehmen, meine Tasche packen. 15.04 Uhr fährt der TGV von Nizza nach Paris.

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