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ZEIT.geschehen

Mein nächtliches Gespräch

Man kann sich ja in diesen Wochen am unglückseligen Thema geradezu festbeißen.
So ein Leben ohne Lust, solch´ selbstkasteiende Lebensform, daß einen die Beschäftigung mit dem Eskapismus dieser Person, die gegenwärtig das Land in den Abgrund treibt kaum noch loslässt.
Ich beschloss einer Einladung zu folgen, die mich ins schöne Italien entführen sollte. So war ich vor einigen Tagen mit meinem sinnlichen Begleiter auf dem Weg nach Florenz. Also, Maître de conférences kommt ja ursprünglich aus Beirut, ein Mann von Welt, so ganz und gar nicht ein solcher, der sich das Bild dieser Frau auf die Brust tätowieren ließe, nur um einen deutschen Paß aus ihren Händen zu erhalten. M. ist der Meinung die Deutschen "gaspiller l'avenir du pays", was ihn sehr amüsiere.

Die "Villa La Massa" in Florenz ist ja ein recht schönes Haus, mit kultivierten Gästen. Wenn die Gemahlinnen sich gegen Mitternacht in ihre Zimmer zurückziehen, entwickeln sich doch sehr informative Gespräche unter uns Verbleibenden.
In der Vergangenheit entfloh ich manchem Filibuster, indem ich mich meinen Träumen hingab, an Tullia d’Aragona, die in besseren Zeiten hier in der Stadt wirkte und Einfluß auf Kultur und Politik nahm.
In diesen Tagen kommt jedoch das Gespräch umgehend auf die deutschen Flüchtlingseuphoriker, sobald meine Herkunft erkannt wird, obwohl in unseren Kreisen mein Metier und wahre Berufung weitgehend bekannt ist. Außer der Luft zum Atmen, verbindet mich ja auch wirklich nichts, mit diesem sozialistischem Faktotum der FDJ, das gerade meine Heimat islamisiert.
John und William, die Zwillingsbrüder aus London waren auch da. Ach, was hatten wir schon Stunden voller Esprit und Leidenschaft hier im Hause verbracht, Stunden sexueller Erfüllung ohne Selbstaufgabe, großzügige Tauschgeschäfte. William fragte mich, wie ich den neuen Trend zum Religiösen, dieser "incarnation of all german housewives", sehen würde? Mir war ja durchaus bekannt, daß es Angela Kasner mit ihren Eltern bevorzugte, lieber in der DDR zu leben als in Hamburg und, daß sie dort in einem staatsfrommem lutherischem Umfeld lebte.
Bevor ich nach Worten suchend antworten konnte, fügte John an: Sie sagt doch: „Der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt.“ und „Wir brauchen den Geist der Zuversicht.“
Mit dem Glauben an dieses nicht greifbar Geistige habe ich ja so meine Probleme und, wenn der Gedanke daran mich doch einmal überwältigen sollte, halte ich es lieber wie Pascal mit seiner Theorie des „pari“.
Da ich katholisch erzogen, nicht mit dem Kasnerisch-lutherischen "Geist der Zuversicht" vertraut sein kann, erinnerte ich mich an das Pfingstfest und den Heiligen Geist, was jedoch als Erklärungsmodell, als eine Beleidigung eines jeden Katholiken empfunden werden müßte.
Mein Versuch dies mit einer Emanation zu erklären, die diese eventuell überkommen habe, scheiterte im allgemeinen Gelächter. Ken, ein unersättlicher, zärtlicher Lover aus Virginia warf ein: Donald Trump hat diesmal recht, wenn er sagt: "What she’s done in Germany is insane. It’s insane." Das fand allgemeine Zustimmung.
Giulio, der Maître d’hôtel, der unsere Gläser gerade wieder befüllte, meinte höflich, Signora lasse sich sicher von einer Präkognition leiten, was jedoch die Heiterkeit zu dieser frühen Stunde nur verstärkte.
Clément, ein mir sehr vertrauter Genießer, ein wandelndes Lebensfluidum aus Antibes, warf jedoch mit ernster Stimme ein, die mir bisher unbekannt war :"Auctoritas, non veritas facit legem" (Autorität bestimmt das Gesetz, nicht Wahrheit). "Welches Gesetz?" fragte, der neben mir sitzende, Michael, ein IT Berater aus München. Diese präsidialdikatorische Erscheinung in Berlin setzte mit ihrem Handeln jedes Gesetz, jede zwischenstaatliche Vereinbarung außer Kraft und dies erinnere ihn an den Psychoanalytiker Piero Rocchini, der in seinem Buch:"La neurosis del poder" (Neurose der Macht) beschreibt, daß über die Hälfte der Politiker schwer psychisch erkrankt seien und behandelt werden müßten, jedoch im geringsten Fall unbedingt aus ihrer Position entfernt werden sollten. William, welcher mich gerade leise gefragt hatte, ob ich anschließend noch für ihn und John Zeit hätte, um sie in ihre Suite zu begleiten, meinte die "disorder of government" sei eine freiwillige Reduktion des gesunden Menschenverstandes. Ein selbstindiziertes Irresein.
Dario aus Zürich, bisher etwas abseits sitzend, welcher als Schweizer unser bisheriges Gespräch sicher unangenehm und als viel zu direkt empfunden haben muß, stand auf und sagte, er habe in einem Buch von Andrzej Łobaczewski mit dem Titel "Political Ponerology" lesen können, daß klinische Psychopathen selbst im gewaltlosen Wettbewerb Vorteile genießen, um die Ränge sozialer Hierarchien zu erklimmen, weil sie ohne Gewissensbisse lügen können. Ob dies nicht eine Erklärung für das neue politische Deutschland sein könne? Allgemeines Gelächter, gefolgt vom Geräusch einer neu entkorkten Flasche. Nun gut, die Dame könnte sich jedenfalls von Pro Senectute, einer Schweizer Dienstleistungsorganisation für ältere Menschen beraten lassen, setzte er, alle ihm innewohnende Zurückhaltung eines Schweizers überwindend, amüsiert hinzu, worauf Clément, meinte, daß jene, von ihrer persönlichen Imperialismus Phantasie beseelt auch kein Vertrauen mehr in die Schweizer Neutralität habe und sie in ihrem, schon auf die deutsche Bevölkerung übergegangenem Gleichheitsfanatismus, ja das Schweizer Bankgeheimnis mit Unterstützung der USA, auch schon geschliffen habe.
Provozierend rief Michael: "Eine Ephialtes der europäischen Kultur!"
"Meine Herren, bitte, ich kenne sie ja alle sehr persönlich in ihrer sie auszeichnenden Individualität, doch wollen sie sicherlich nicht die ganze Nacht mit mir in einem Gespräch über eine weitere, bedauerliche Unannehmlichkeit der deutschen Geschichte verbringen wollen", sagte ich.
Die Runde verstummte für einen kurzen Augenblick. "Sie hat Recht", sagte der schon ungeduldige John und fügte hinzu: "Wenn die beschränkte Vernunft die Menschen nicht verdummt hätte, wenn der wahre Glaube die Tore ihres Verstandes geöffnet hätte, so würden sie einsehen, daß in den Händen Gottes die Kurtisane ein Faktor ist, der die Völker aufrüttelt und die Gesellschaft umgestaltet.", verehrte Freunde, so sagte es, glaube ich, Paul Larfargue.
Dieses, für mich bestimmte Kompliment nahm ich gerne entgegen.
M., mein Begleiter, saß die ganze Zeit schweigend im Hintergrund und hörte uns nur zu. Und bevor ich meine Frage an ihn richten konnte, wie er denn die Situation einschätze, sagte er schon:" Chère Madame… , Ihr Land begeht einen großen Fehler. Sie glauben die Menschen seien alle gleich und sie geben vor helfen zu wollen. Sie zitieren, in einem Erklärungsversuch der die Menschen beruhigen soll, gerne Max Frisch, der sagte: "Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen". Das ist falsch. Hier hat nur, wenn Sie mir das direkte Wort gestatten, eine geltungssüchtige Politikerin gerufen und viele Millionen werden kommen zum Schaden ihres Landes. Sie kennen die arabische Seele nicht. Diese Menschen kennen nur ein Nehmen ohne zu geben. Ich kenne sie!"
Nun, nicht daß eine betrübte Stimmung entstanden sei, doch war es etwas stiller geworden im Raum. Ob es die aufkommende Müdigkeit war oder die Worte meines Beiruter Freundes, ich weiß es nicht.
Und das, obwohl wir alle von uns in der Runde sagen dürfen: Wir sind privilegiert !
Bei diesem Gedanken dachte ich sofort an den Marquis de Sade: "Welche Sterbliche ist einfältig genug, um aller Erfahrung zum Trotz zu behaupten, dass alle Menschen an Rechten und, an Kraft gleich geboren werden! Nur ein Misanthrop wie Rousseau konnte ein solches Paradoxon aufstellen, er mochte gern diejenigen zu sich herabziehen, zu deren Grösse er sich nicht erheben konnte." Man sollte ihn eigentlich nicht öffentlich zitieren, doch es trifft heute wie damals die Realität.
Es sind wundervolle Tage und Nächte in diesem Haus, mit all seiner Geschichte, diesen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und der gepflegte Umgang, die sie so besonders sein lassen.
Ich nahm mein Glas, verabschiedete mich bei jedem persönlich und begleitete die Zwillinge in ihre Suite, um uns jenen zum widmen, was unser Leben so lebenswert macht. So als Priesterin der Augenblicksliebe!

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